Soziale Gerechtigkeit

Elisabeth Jünemann, Werner Wertgen (Hg.). Herausforderung Soziale Gerechtigkeit. Paderborn: Bonifatiusverlag 2006. 260 S. ISBN 3-85710-327-2

So brav und nüchtern wie es der Titel und der Imprimaturvermerk verheißen mögen, ist die Botschaft dieses Bandes keineswegs. Auch wer bisher dachte, Tagungsbände seien nur für Teilnehmer einer Tagung und den Fankreis der Referenten interessant, wird bei der Lektüre des Buches auf erfrischende Weise eines Besseren belehrt. Die Herausgeber, beide für die Theologische Ethik an der Paderborner Abteilung der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen verantwortlich, ihre Kollegen und der Frankfurter Sozialethiker Friedhelm Hengsbach nehmen mit ihren Beiträgen die „Herausforderung Soziale Gerechtigkeit“ an; werfen einen Blick hinter die gängigen Thesen in der politischen, wissenschaftlichen und ethischen Diskussion und weisen zugleich über diese hinaus.

Die Bandbreite der Beiträge reicht vom Weltfrieden auf der Grundlage der Menschenrechte, welche das Christentum erst nach einem langen und schmerzlichen Lernprozess verinnerlicht hat, bis zu einer „Komplettberücksichtigung“ der Person in der Familie, die nur funktioniert „wenn Liebe im Spiel ist“. Bei allen Kapiteln geht es weniger darum, endgültige Antworten zu finden, als vielmehr um Anstöße, die zwar nicht alle großen „Lebenslügen“ in der gesellschaftlichen Diskussion enttarnen, aber manchem „normativen Kampfgetöse der Parteien“ (Hengsbach) den Boden entziehen. Die Erkenntnisse der Paderborner Professoren geben Anstöße für die Diskussion der Gerechtigkeit und deren Praxis in Feldern kirchlicher und sozialer Arbeit.

Soziale Gerechtigkeit wurde erst nach Papst Paul VI. im kirchlichen Sprachgebrauch „salonfähig“. Hengsbach zeigt von der moralischen Gleichheit her einen Vorrang der Verteilungsgerechtigkeit auf, der mit einer realen Chancengleichheit, die sich auch um eine fortlaufende Korrektur bemühen muss, ebenso einhergehe wie mit politischen Beteiligungsrechten. Es sei nur so lange nichts dagegen einzuwenden, dass es einer gesellschaftlichen Mitte besser gehe, so lange die Lebensqualität derer, die am Rande stehen, gleichzeitig steige.

Die beiden Herausgeber steigen mit gewichtigen Themen ein: Jünemann sieht eine Zersplitterung der Familie, die nur allzu leicht dazu führe, dass die Kindergärten und Schulen zu „schnellen Brütern für die Wirtschaft“ missbraucht würden, während es darum gehen müsse, das System Familie als eigenständiges Ganzes im Blick zu halten. Nicht die konservative Rückbesinnung auf alte sozialromantische Werte sei gefragt, sondern eine ernsthafte Förderung des Systems Familie unter heutigen Rahmenbedingungen. Bei aller derzeitigen rhetorischen und politischen Wiederentdeckung der Familie scheint dieses Ganze häufig übersehen zu werden. Was die soziale Gerechtigkeit am Arbeitsplatz Kirche anbelangt, müssen gerade dort personen- und professionsgerechte Arbeitsplätze gestaltet werden. Von Bedeutung sei dabei sowohl die Selbstreflexion als auch die Zeichen- und Werkzeughaftigkeit des eigenen Handelns. Nur allzu oft bleiben solche Argumente der theologischen Ethik in ökonomischen Krisen auf der Strecke.

Für die Leserinnen und Leser aus der sozialen Arbeit mag Wertgen deren Profession mit einem neuen Zungenschlag versehen haben, wenn er Beteiligungsgerechtigkeit und Anwaltschaftlichkeit als Elemente einer sozialen Gerechtigkeit einfordert, in dem Sinne, dass das Eintreten für den Nächsten zu einem Einsatz für mehr Beteiligungsgerechtigkeit führen muss. In der Diskussion um das Gesundheitswesen müsse vom Eigenwert einer jeden Lebensphase ausgegangen werden; von dieser Grundlage habe die gerechtigkeitstheoretische Debatte um Kosten und Leistungen auszugehen. Dass in diesem Feld noch einiges im Argen liegt, beschreibt Martin Hörning, in dem er die Wechselbeziehung zwischen Armut und Krankheit ausdifferenziert und die Risikofaktoren für beides benennt.

Einen theologischen Angang, ausgehend vom alttestamentlichen Propheten Amos, unternimmt Rainer Dillmann. Gottes Gerechtigkeit auf der Seite der Benachteiligten wird ebenso thematisiert wie die Bergpredigt, die vorhandene Gesetze und Vorschriften im Licht der Sorge um das Wohl der anderen interpretiere. Kai G. Sander beschäftigt sich mit den Vorbehalten gegenüber universal gültigen Moralprinzipien. Von der Grundorientierung einer personalen Verantwortungsethik aus, wie sie im alttestamentlichen Dekalog zugrunde gelegt sei, gehe es um eine Dialogkultur und um eine Kommunikation über die Verbindlichkeit, die für Christen vom Wort Gottes ausgehe. Für Christof Gärtner ist die Praxis ein theologischer Ort, schließlich könnten nach Oswald von Nell Breuning keine Prinzipien „gemolken werden“. Daher sei „Gerechtigkeit als Signatur diakonischer Praxis“ zu verstehen. Lösungen seien in der Praxis zu finden, etwa in der Antwort auf die Frage, ob und wie in einer Caritas-Sozialstation gewinnbringend gearbeitet werden müsse.

Weit über die Praxis hinaus zu weisen scheint der Artikel von Michael Bösch über Zeit und Gerechtigkeit. Der Ausgleich von Ungleichzeitigkeiten ist für ihn eine Aufgabe sozialer Gerechtigkeit, ob im Sinne der Arbeitszeitverteilung oder im Verhältnis zu zukünftigen Generationen. Das Leben als Ganzes sei in jedem Abschnitt gleich bedeutsam, es müsse vom Grundsatz her steigende Erwartungen für zukünftige Lebensabschnitte geben. Den Armen selbst die Lösung der Entwicklungsprobleme in den armen Ländern zuzutrauen, das bedarf des Umdenkens und der genaueren Analyse. Der Schlüssel zu dieser Frage ist für Christopher Beermann die Unterscheidung zwischen faktischem Besitz und verbrieftem Eigentum, so wie es der peruanische Wirtschaftswissenschaftler Hernando de Soto aufgezeigt hat: Nur wenn die Armen garantiertes Eigentum erhielten, hätten sie gesellschaftliche Zugänge und kämen in eine Legalität. Im amerikanischen Ansatz des Empowerments, im Deutschen nur unzureichend mit „Selbstermächtigung“ zu übersetzen, sieht Albert Lenz wichtige Orientierungspunkte für Teilnahmestrategien, zu denen sowohl die von oben initiierte Partizipation als auch die von unten, von den Betroffenen her kommende Teilhabe gehören. Aufgabe der Professionellen sei es dabei, Synergien zwischen den Entfaltungen und Wirkungen des Empowerments herzustellen und dabei individuelle Ebene und soziales Umfeld miteinander zu vernetzen.

Nach diesen Beiträgen zu einzelnen Feldern sozialer Gerechtigkeit, zu den Praxisbezügen für die Arbeit mit Menschen und zur theologisch-ethischen Begründung darf in einem Werk über soziale Gerechtigkeit auch der Gesamtblick auf den Sozialstaat nicht fehlen. Gerhard Kilz spricht sich für eine Reorganisation des Sozialstaates unter der Perspektive sozialer Gerechtigkeit aus. Leistungsgerechtigkeit bedürfe zur Sicherstellung ihrer Funktion der Eingriffe des Staates ebenso wie der systematischen Partizipationsgerechtigkeit. Ein Sozialstaat könne sich dauerhaft nicht legitimieren, wenn er seine schwächsten Glieder nicht wirksam vor Exklusion schütze; das sei ebenso wichtig wie seine Aufgabe zu fördern und das Leistungsprinzip sicher zu stellen. Im Bereich des Arbeitsmarktes sei die monetäre Sanktion für Arbeitslose derzeit gerade nicht in diesem Sinne fördernd, da sie nicht die Aussicht auf einen Arbeitsplatz mehre. Es geht Kilz um Anreize und um Förderung der für den Markt wichtigen Risikobereitschaft. Für die Bildung in der Wissensgesellschaft müssten auch familiäre Kompetenzen gestärkt werden, müssten sich Institutionen wie Jugendhilfe und Schule vernetzen, müsse die Schule sich an einem nachhaltigen Bildungserfolg orientieren.

Der Paderborner Blick auf die soziale Gerechtigkeit ist eine Argumentationshilfe für sozial Arbeitende, deren Funktion Jünemann als „stellvertretende Inklusion“ beschreibt. Das Werk ist über diese Berufe hinaus ein wichtiger, wegweisender und interdisziplinärer Impuls, dessen Lektüre lohnt. Die gelegentlich aus den bearbeiteten Vorträgen noch sichtbaren rhetorischen Stilmittel sowie einige Doppelungen mindern dabei keinesfalls den herausragenden Gesamteindruck. Die Resonanz auf dieses Buch wird in Kreisen der Sozialarbeit und Kirche positiv sein und viele Anregungen geben. Es bleibt die Frage, ob und wie die postulierte „Auseinandersetzung  um die normativen Grundlagen der Gesellschaft“ in und mit den gesellschaftlichen Teilsystemen (Politik und Wirtschaft) geführt werden kann, die formal und faktisch dominierend sind. Dem Buch ist eine breite Rezeption und ein Nachhall gerade in diesen Bereichen zu wünschen.

Armin Schneider