Heimbach-Steins, Marianne (Hrsg.): Christliche Sozialethik. Ein Lehrbuch, Band 1: Grundlagen, Regensburg: Pustet-Verlag 2004, 318 S., ISBN 3-7917-1923-8; + Band 2: Konkretionen, Regensburg: Pustet- Verlag 2005, 326 S., ISBN 3-7917-1924-6
Die Christliche Sozialethik hat sich längst als theologische Fachdisziplin etabliert. Durch ihre Beschäftigung mit der Gesellschaft und ihre Empfindlichkeit für Ungerechtigkeiten ist sie „nah dran“ an den sozialen Lebenswirklichkeiten der Menschen. Damit ist sie auch interessant für das außeruniversitäre Publikum. Zwar richten sich Einleitungen und Lehrbücher vor allem an Studentinnen und Studenten des Faches, zugleich aber stellen sie eine Möglichkeit für Andere dar, sich umfassend und ohne größeres Vorwissen über die Christliche Sozialethik zu informieren. Um es vorweg zu nehmen: Das hier vorliegende Lehrbuch in zwei Bänden (Bd. 1 „Grundlagen“, Bd. 2 „Konkretionen”), herausgegeben von Marianne Heimbach-Steins, erfüllt diesen Zweck vor allem für diejenigen, die sich mit den enthaltenen Texten intensiv befassen können und wollen. Klar formulierte Leitfragen und Merksätze in jedem Text schaffen einen erleichterten Zugang und ermöglichen schnelle Information; erst aber das studierende Lesen wird zum Verstehen der Grundlagen und Anwendungsfelder der hier dargestellten Christlichen Sozialethik führen.
Mit der Absicht entwickelt, für die Lehrerausbildung an bayerischen Universitäten ein „gemeinsames Unterrichtswerk“ (Bd. 1, S. 9) vorzulegen, repräsentiert das Lehrbuch nicht den systematischen Entwurf eines einzelnen Wissenschaftlers. Vielmehr umfassen die beiden Bände Texte von verschiedenen bayerischen Sozialethikern. Die Einführung beinhaltet damit eine Vielfalt unterschiedlicher Zugänge mit dem Ziel, diese in einem „schlüssigen Gesamtentwurf“ (Bd. 1, S. 10) darzustellen. Diese Vielfalt stellt das Neue des Lehrbuchs dar und ist positiv hervorzuheben, insofern das Werk damit der tatsächlichen Reichhaltigkeit und Diskursivität des Faches Rechnung trägt. Betont wird dadurch, dass Christliche Sozialethik dynamisch und veränderlich und mit je unterschiedlichen Ansätzen die moralischen Probleme der Gesellschaft reflektiert, ja reflektieren muss. Zugleich versteckt sich hier auch eine Problematik, da der Leser sich mit abwechselnden Stilen und zum Teil höchst unterschiedlichen Komplexitätsniveaus arrangieren muss.
Nach einer Einleitung (“Wozu dieses Buch?”) gliedert der erste Band (“Grundlagen”) die Themen in „Hinführung“, „Historische Vergewisserungen“, „Soziologische Annäherungen“ und „Normativen Orientierungen“. Die drei Texte der Hinführung geben im Zusammenspiel Auskunft über die Bezeichnung „Christliche Sozialethik“. Thomas Hausmanninger verfolgt anhand von verständlichen Ausgangsfragen und eines intuitiven Zugangs zur Moral eine Einführung in den Begriff der Ethik. Gerhard Drösser betont die Bedeutung des ethischen Verstehens der sozialen Wirklichkeit und erweitert damit den Begriff der Ethik wesentlich. Marianne Heimbach-Steins entwickelt anschließend einen bibelhermeneutischen Zugang für die theologische Fundierung Christlicher Sozialethik. Der Abschnitt „Historische Vergewisserungen“ ist ebenso leicht zugänglich wie informativ. Unter den vier Texten sind in dieser Hinsicht besonders hervorzuheben Hausmanningers „Problemgeschichte philosophischer Ethik“ und die „Sozialethische Spurensuche in der Geschichte von Christentum und Kirche“ der Herausgeberin. Nach der zwar nicht so leicht lesbaren, aber äußerst sorgfältigen und kenntnisreichen „soziologischen Annäherung“ Gerhard Drössers folgen abschließend im vierten Teil die normativen Orientierungen. Hier finden sich kompakte und didaktisch gut aufbereitete Erläuterungen zu den normativen Prinzipien und Grundbegriffen Personalität, Gemeinwohl, Subsidiarität, Solidarität, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit.
Der zweite Band mit dem Titel „Konkretionen“ widmet sich in zehn Kapiteln den Themenfeldern Politik, Bildung, Wirtschaft, Entwicklung, Ökologie/Intergenerationelle Gerechtigkeit, Frieden, Lebensformen, Gesundheit, Medien und Kirche. Auf jeweils ca. 25 Seiten geben die Autoren einen aktuellen sozialethischen Einblick in die klassischen und neuen gesellschaftlichen Problemfelder. Durchgehend widmen sich Experten den Themen (z.B. Markus Vogt: Ökologie und Gerechtigkeit, Thomas Bohrmann: Gesundheitssicherung usw.), so dass hier Spezialwissen aus neuesten Forschungsbemühungen verständlich aufbereitet und zur Vermittlung dargestellt ist. Den Texten ist die Perspektive der Beteiligung/Partizipation als „heuristischer Leitfaden“ (S. 11) gemeinsam, die in der Einleitung erläutert wird. Gerade diese Perspektive kommt dem Band zu Gute, da in den Texten tatsächlich aus der Fülle des in Frage kommenden Materials die Aspekte betont werden, die die Beteiligungsperspektive nahe legen. Besonders hier erscheint dadurch das Ziel eines „schlüssigen Gesamtentwurfs“ erreicht zu sein, wobei die starken Unterschiede in Stil und Komplexitätsgrad erhalten bleiben. Es entsteht ein sozialethischer Überblick über die drängenden sozialen Probleme moderner Gesellschaft, der durchaus auch für sich lesbar ist, aber erst im Zusammenhang mit den Grundlagen des ersten Bandes die Eigenart und die Chance christlichsozialethischen Denkens aufzeigt. Zudem kann man in der durchgehaltenen Perspektive der Beteiligung einen wichtigen Beitrag Christlicher Sozialethik erkennen: „Beteiligung“ scheint ein grundlegendes, weil übergreifendes Problem moderner Gesellschaft zu sein und Christliche Sozialethik findet dafür Verstehensschlüssel und Antworten.
Eigene Erfahrungen in der universitären Ausbildung zeigen deutlich, dass es sich bei vorliegendem Werk nicht um ein Lehrbuch zum schnellen und leichten Selbststudium handelt. Als Arbeitsbuch kann es sich dagegen bewähren: Leitfragen und Merksätze helfen den Lesern bei einem ersten Zugriff auf die Texte und erleichtern das Lernen. Anspruchsvolle Gedankengänge, aktuelle Fragestellungen und Probleme im Kern und im Umfeld Christlicher Sozialethik werden sich aber erst erhellen, wenn die Texte in Ruhe studiert und in gemeinsamen Lernsituationen diskutiert werden. Vor allem in diesem Fall kann sich das Konzept dieses Lehrbuches bewähren. So sind die ansprechend gestalteten Bände für Dozenten und Dozentinnen und Schwerpunktstudierende Christlicher Sozialethik sicherlich empfehlenswert. Studenten aller theologischen Studiengänge, die den Preis von 29,90 € pro Band nicht für beide Teile aufbringen können, sollten sich vielleicht eher für den Grundlagenband entscheiden. Im zweiten Band finden auch Leserinnen und Leser jenseits des universitären Betriebs gute und aktuelle gesellschaftliche Problemdarstellungen zusammen mit verständlichen christlich-sozialethischen Antwortversuchen.
Alexander Filipović