Helge Wulsdorf: Nachhaltigkeit. Ein christlicher Grundauftrag in einer globalisierten Welt, Regensburg: Pustet-Verlag 2005, 159 S., ISBN 3-7917-1953-X
Die Transformation der Umwelt- und Entwicklungsdebatte zum Nachhaltigkeitsdiskurs hat die Art und Weise, wie sich Theologie und Kirche in diesen einbringen, verändert. Dabei fällt dessen Bewertung in den beiden bisher einzigen theologischen Monographien zum Konzept der Nachhaltigkeit äußerst kontrovers aus: Helge Wulsdorf begrüßt die Suche nach einer Integration ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Perspektiven als „Entideologisierung“ und Gewinn an realitätsgerechter Differenzierung. Oliver Reis dagegen beklagt dies als Anpassung an pragmatisch eingeengte Fragestellungen, zu denen die Theologie nichts originär Kompetentes beizutragen habe.1
Für Wulsdorf ist Nachhaltigkeit „ein christlicher Grundauftrag in einer globalisierten Welt“ (so schon der Untertitel seines Buches). Er bietet einen gut lesbaren und ausgewogenen Überblick zum Stand der gegenwärtigen sozialethischen und kirchlichen Diskussion um Nachhaltigkeit. Sein Fokus ist die für einen breiteren Leserkreis verständliche und durch Praxisbezüge veranschaulichte Darstellung, nicht der Anspruch einer konzeptionell eigenständigen und theologisch vertieften Analyse, Kritik und Weiterentwicklung. Er entfaltet das Leitbild weitgehend affirmativ entlang der Bischofsschrift „Handeln für die Zukunft der Schöpfung“ (1998, Erklärungen der Kommissionen 19), stellt darüber hinausgehend einige Verbindungslinien zu aktuellen Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Kirche her und setzt neue Akzente in den Bereichen ethische Geldanlagen und kirchliche Bildung sowie zur Einordnung in die katholische Sozialethik bzw. -lehre.
Für Wulsdorf ist Gerechtigkeit der oberste Bewertungsgrundsatz, der die Sozialprinzipien legitimiert. „Der sozialethische Grundsatz der Gerechtigkeit übt für die Sozialprinzipien eine legitimierende Funktion aus und ist diesen normativ vorgeordnet.”2 Nachhaltigkeit konkretisiere die Gerechtigkeitsforderungen hinsichtlich der sich heute mit neuer Brisanz und veränderter Problemlage stellenden globalen und intergenerationellen Dimension. Man kann sich allerdings fragen, ob dessen Charakteristik angemessen als „Konkretisierungsnorm“ beschrieben ist, oder ob das Prinzip der Nachhaltigkeit, das die anthropologische und ökologische Konstante des Naturbezugs meint, nicht vielmehr seinerseits der Konkretisierung durch die Konfliktlösungsregeln der Gerechtigkeit bedarf.
Wulsdorf sieht in seinem Resümee Nachhaltigkeit bereits als eines der Sozialprinzipien anerkannt: „Nachhaltigkeit hat sich […] als eine ökumenische Größe etabliert, die von beiden kirchlichen Soziallehren als ethische Zentralkategorie getragen wird.”3 Dabei sind jedoch die internationalen und weltweiten Perspektiven nur am Rande im Blick.4
Entscheidend für die Anerkennung von Nachhaltigkeit als Sozialprinzip ist letztlich, dass es die sozialethische Diagnose der „Zeichen der Zeit“ in prägnanter Weise zusammenfasst und die damit verbundenen Herausforderungen für Gesellschaft und Kirche auf den Punkt bringt. „Was im ausgehenden 19. Jahrhundert die Frage der Solidarität an gesellschaftlicher Brisanz zum Ausdruck gebracht hat, wird zu Beginn des 21. Jahrhunderts mittels der Frage der Nachhaltigkeit formuliert.”5 Mit Hilfe der Nachhaltigkeitskategorie gelinge es kirchlicherseits, der allgemeinen Gerechtigkeitsdebatte neue Impulse zu verleihen6, Gerechtigkeitslücken hinsichtlich des Global-, des Zeit- und des Naturfaktors in allen gesellschaftspolitischen Herausforderungen aufzudecken und die zentralen Zukunftsfragen als Querschnittsthema zu bündeln. Eine Stärke des Buches von Wulsdorf ist der gute Blick für das Wesentliche. Es ist als Einstieg in die Debatte sehr zu empfehlen.
Markus Vogt
1 Reis, O. (2003): Nachhaltigkeit – Ethik – Theologie. Eine theologische Beobachtung der Nachhaltigkeitsdebatte (Forum Religion & Sozialkultur B 18), Münster.
2 Wulsdorf 2005, 39. Mir ist allerdings nicht klar, wie er gleichzeitig Personalität als Grundlage der gesamten Soziallehre und Gerechtigkeit als deren Übersetzung in konkrete soziale Handlungsfelder bezeichnen kann (ebd.). Von der logischen Systematik her ist dies in sich widersprüchlich.
3 Wulsdorf 2005, 33 (eigentlich gibt es keine „evangelische Soziallehre.“ Exakter müsste es heißen „in der Sozialverkündigung der katholischen Kirche und in der Sozialethik der evangelischen und der katholischen Kirche in Deutschland sowie teilweise in Europa“).
4 In der theologischen Diskussion der USA spielt das das Leitbild der Nachhaltigkeit keine zentrale Rolle. Vgl. dazu die umfangreiche „Encyclopedia for Religion and Nature“ von Taylor und Kaplan, die aus achtjähriger intensiver Forschungsarbeit eines Teams der University of Florida hervorgegangen ist. Sie knüpft konzeptionell vor allem an die Tradition der deep ecology an, während das Stichwort „sustainable development“ nur sehr knapp und distanziert besprochen wird. Taylor, B./ Kaplan, J. (2005): The Encyclopedia of Religion and Nature, 2 Vol., London/ New York.
5 Wulsdorf 2005, 12.
6 Wulsdorf 2005, 151.