Es gibt Tage, da denke ich, wir sollten morgens ein Schild an die Tür hängen: „Willkommen im Reparaturbetrieb. Annahmeschluss 8.30 Uhr.“ Abgegeben werden heute ein leicht übermüdetes Demokratieverständnis, drei Portionen unausgewogene Ernährung, ein latent übersteuertes Nervensystem und ein Medienkonsum mit Bildschirmzeit jenseits unserer Überstunden. Alle hereinspaziert!
Früher war Kita ein Ort zum Spielen, Entdecken und Lernen. Heute sind wir ein multifunktionales Kompetenzzentrum. Wir fördern Sprache, trainieren Resilienz, bilden Menschen in Sachen gesunder Ernährung, schulen Demokratieverständnis, sind Integrationsmotor und experimentieren im Nachhaltigkeitslabor. Selbstredend verstehen wir uns als Vorschulakademie. Wir beobachten, analysieren, planen, reflektieren. Arbeiten beziehungsorientiert, ressourcenfokussiert und entwicklungsangemessen. Führen Elterngespräche, dokumentieren Bildungsprozesse, evaluieren Konzepte.
Wir wissen, was wir tun. Die frühe Kindheit ist komplex, warum sollte unsere Arbeit es nicht sein? Was mich beschäftigt, ist nicht die Vielfalt der Aufgaben. (Okay, manchmal auch das.) Es ist die Verschiebung von Verantwortung.
Wenn Kinder sprachlich Unterstützung brauchen, kommt die Sprachförderkraft vorbei. Wenn sie Schwierigkeiten in der Selbstregulation zeigen, begleiten wir sie fundiert (inklusive eines bunten Straußes an Verhaltensauffälligkeiten). Wenn sie Konflikte austragen, moderieren wir mit pädagogischem Konzept, das ihnen eine steile Lernkurve ermöglicht. Natürlich gehört all das zum Leben von Kindern. Selbstverständlich greifen wir ihre Themen auf. Ach, und nicht vergessen: das Rundum-sorglos-Paket für die Schule. Aber bitte spielerisch und kostenneutral.
Manchmal beschleicht mich das Gefühl, wir sind die gesellschaftliche Allzweckwaffe. Wenn irgendwo etwas nicht rundläuft, heißt es: „Das müsste doch die Kita frühzeitig auffangen.“ Als hätten wir im Nebenraum eine Werkstatt mit Spezialwerkzeug: Schraubenzieher für Bindungssicherheit. Ersatzteile für Selbstregulation. Ein Schnellkleber für brüchige Strukturen. Dabei sind unsere stärksten Werkzeuge erstaunlich unspektakulär: Zeit. Beziehung. Spiel.
Wir sollten uns nicht zu einem Repaircafé instrumentalisieren lassen. Denn Reparatur setzt voraus, dass etwas kaputt ist. Doch die Kinder sind nicht kaputt, die Familien nicht, unsere Gesellschaft nicht.
Nun, ich denke, wir sind eher eine Baustelle: Hier ist es laut, man brüllt sich auch mal an, schmeißt ’ne Schaufel, es wird viel Staub aufgewirbelt, Dreck gemacht und auf der Toilette stinkt es immer bestialisch. Und am Baustellenzaun hängt das Schild: „Hier entsteht unsere Zukunft!“
Also, wenn mich morgen wieder jemand fragt, ob wir „das auch noch übernehmen können“, lächle ich freundlich und sage: „Gern. Bringen Sie bitte noch zwei Fachkräfte und ein realistisches Budget mit.“ Man darf ja träumen.