Es ist 7.30 Uhr, Frühdienst. Sarah öffnet ihr Handy und liest die Nachrichten: Zwei Kolleginnen haben sich krankgemeldet, die Springer-Kraft ist in einer anderen Einrichtung eingesetzt. „Wie sollen wir das heute schaffen?“, stöhnt sie und schimpft: „Wir können die Gruppen nicht richtig öffnen, die Eingewöhnung muss ausfallen, ich kann nicht mal in Ruhe mit den Kindern frühstücken. Der Träger lässt uns im Stich, die Politik interessiert das nicht. Heute wird einfach nur Chaos.“ Ihre Kollegin Lisa atmet tief durch. „Okay, das ist wirklich nicht ideal. Aber lass uns überlegen: Was ist heute wirklich wichtig?“ Sie greift zum Telefon. „Ich rufe gleich Milas Mutter an und verschiebe die Eingewöhnung – das geht vor. Wir machen heute offene Gruppen, das Bastelangebot fällt aus. Dafür nutzen wir die Turnhalle als zusätzlichen Raum. Und ich bitte die Leitung, heute Vormittag mitzuhelfen. Wir schaffen das – vielleicht nicht perfekt, aber die Kinder sind gut versorgt und wir behalten den Überblick.“
Was unterscheidet diese beiden Fachkräfte voneinander? Warum fühlt sich die eine ohnmächtig und überfordert, während die andere in derselben schwierigen Situation handlungsfähig bleibt? Die Antwort liegt im sogenannten Kohärenzgefühl.
Kohärenz – der Schlüssel zur Handlungsfähigkeit
Im Kern ist mit „Kohärenzgefühl“ das Gefühl gemeint, den eigenen Alltag selbst gestalten zu können, statt ihm ausgeliefert zu sein. Verstehbarkeit bedeutet, dass Situationen und Ereignisse für uns nachvollziehbar sind und sich einordnen lassen. Wir verstehen, warum etwas geschieht, können Zusammenhänge erkennen und die Situation in einen größeren Kontext einordnen. Anstatt uns in Chaos und Überforderung zu verlieren, haben wir ein Gefühl von Ordnung und Struktur.
Handhabbarkeit beschreibt die Überzeugung, dass wir über Mittel und Wege verfügen, um mit Herausforderungen umzugehen. Wir haben das Gefühl, über Ressourcen zu verfügen, um Probleme zu bewältigen. Diese können eigenes Wissen, Fähigkeiten oder die Unterstützung durch andere sein. Wir sind nicht hilflos ausgeliefert, sondern handlungsfähig.
Sinnhaftigkeit meint die Überzeugung, dass das eigene Tun bedeutsam ist und es sich lohnt, sich für etwas einzusetzen. Herausforderungen werden nicht als sinnlose Belastungen, sondern als Aufgaben wahrgenommen, die es wert sind, bewältigt zu werden. Diese emotionale Komponente ist nach Antonovsky die wichtigste der drei Säulen.1
Im Kita-Alltag zeigt sich Kohärenz konkret: Eine Fachkraft mit einem hohen Kohärenzgefühl kann die Personalengpässe und deren Auswirkungen auf die pädagogische Arbeit einordnen (Verstehbarkeit: „Das liegt an der allgemeinen Situation im Kita-Bereich, nicht an meinem persönlichen Versagen“). Sie verfügt über Handlungsstrategien (Handhabbarkeit: „Ich kann den Tagesablauf anpassen, Unterstützung organisieren, Prioritäten setzen“) und erlebt ihre Arbeit trotz Widrigkeiten als sinnvoll (Sinnhaftigkeit: „Es ist wichtig, dass ich heute mit den Kindern in Kontakt bin, auch wenn nicht alles perfekt läuft“).
Das Gegenteil von Kohärenz ist das Gefühl des Ausgeliefertseins: Situationen erscheinen chaotisch und unverständlich, wir fühlen uns hilflos, ohne Handlungsmöglichkeiten und das eigene Tun erscheint sinnlos. Genau dieses Ohnmachtsgefühl erleben derzeit viele Fachkräfte angesichts steigender Anforderungen und fehlender Anerkennung sowie je nach Region Personalmangel oder sinkender Anmeldungszahlen.
Personalmangel, zu hohe Gruppenstärken, zunehmende Dokumentationspflichten, fehlende Anerkennung – die Rahmenbedingungen in der Frühpädagogik sind vielerorts schwierig. Diese Belastungen sind real und es wäre falsch, sie kleinzureden.
Doch bei genauerer Betrachtung fällt auf: Zwei Fachkräfte können in derselben Einrichtung und unter denselben Bedingungen arbeiten und doch völlig unterschiedlich mit der Situation zurechtkommen. Während die eine trotz aller Widrigkeiten Gestaltungsspielräume findet, fühlt sich die andere zunehmend ohnmächtig und ausgeliefert. Der Unterschied liegt oft nicht in den äußeren Umständen, sondern in der inneren Haltung.
Die Opferhaltung im Kita-Alltag zeigt sich in verschiedenen Formen:
- Schuldzuweisungen nach außen: „Die anderen sind schuld.“ – „Der Träger tut nichts für uns.“ – „Die Eltern verstehen nicht, unter welchen Bedingungen wir arbeiten.“
- Resignation und Ohnmacht: „Es ist aussichtslos.“ – „Wir können ja eh nichts ändern.“ – „Ich bin nur noch am Funktionieren.“
- Selbstmitleid: „Immer ich.“ – „Warum trifft es ausgerechnet uns?“ „Niemand sieht, was wir hier leisten.“
Diese Haltungen sind zunächst verständlich, denn sie sind eine Reaktion auf tatsächliche Überlastung. Langfristig verstärken sie jedoch das Gefühl von Ohnmacht und Erschöpfung, statt die Situation zu verbessern. Die Opferhaltung wird zum Selbstläufer: Je mehr wir uns als machtlos erleben, desto weniger suchen wir nach Handlungsmöglichkeiten. Je weniger wir nach Lösungen suchen, desto ohnmächtiger fühlen wir uns.
Hinzu kommt: Gemeinsames Jammern kann kurzfristig entlasten, weil man sich verstanden fühlt. Doch wenn Teambesprechungen hauptsächlich aus Klagen bestehen, ohne dass nach Lösungen gesucht wird, verstärkt das die negative Stimmung. Es entsteht eine „Kultur des Klagens“, in der Probleme zementiert statt angegangen werden.
Dabei ist es wichtig zu verstehen: Die Opferhaltung hat nichts mit mangelnder Stärke oder Kompetenz zu tun. Sie ist vielmehr Ausdruck eines niedrigen Kohärenzgefühls.
Die gute Nachricht ist: Die Opferhaltung ist kein unveränderliches Schicksal. Sie lässt sich überwinden, indem das Kohärenzgefühl gestärkt wird. Der erste Schritt ist dabei, die eigene Haltung überhaupt zu erkennen.
Zusammenhänge erkennen, Möglichkeiten ausloten
Fachkräfte mit einem ausgeprägten Kohärenzgefühl erleben nicht weniger Belastungen. Sie arbeiten unter denselben schwierigen Rahmenbedingungen. Der Unterschied liegt in ihrer Haltung und der Art und Weise, wie sie Herausforderungen begegnen.
Verstehbarkeit zeigt sich darin, dass kohärente Fachkräfte Situationen einordnen können. Sie sagen beispielsweise: „Diese hohen Anforderungen an Dokumentation haben einen Grund – sie dienen der Qualitätssicherung.“ Oder: „Die Unruhe im Team hängt mit den vielen Veränderungen zusammen, nicht mit meinem Versagen.“ Durch diese Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, werden Selbstvorwürfe reduziert.
Handhabbarkeit bedeutet, Strategien zu haben: „Ich kann mir Unterstützung holen, den Ablauf anpassen, klare Grenzen setzen, im Team um Rat fragen.“ Kohärente Fachkräfte wissen: „Ich bin nicht hilflos, ich habe Möglichkeiten – auch wenn sie begrenzt sind.“
Sinnhaftigkeit gibt Halt: „Meine Arbeit macht einen Unterschied im Leben der Kinder. Auch an schwierigen Tagen schaffe ich einen sicheren Ort für sie.“ Dieser erlebte Sinn trägt durch belastende Phasen.
Was ist der Unterschied zur Opferhaltung? Statt „Wir können ja eh nichts ändern“ lautet die Frage: „Was kann ICH in dieser Situation tun?“ Anstelle von „Die anderen sind schuld“ lautet die Frage: „Wo liegt mein Gestaltungsspielraum?“ Das ist kein naiver Optimismus, sondern realistischer Gestaltungswille.
Kohärenz lässt sich entwickeln und stärken
Kohärenz ist keine angeborene Eigenschaft, sondern lässt sich gezielt entwickeln und stärken. Konkrete Ansätze für den pädagogischen Alltag:
- Verstehbarkeit erhöhen
Je besser wir verstehen, was um uns herum geschieht, desto weniger fühlen wir uns überfordert. Hilfreich sind: Fortbildungen zu aktuellen pädagogischen Themen, Austausch mit Kolleg:innen über Hintergründe von Veränderungen, Fachliteratur und Podcasts. Auch das Führen eines Reflexionsjournals unterstützt dabei, Muster zu erkennen: Wann fühle ich mich gestresst? Was hilft mir dann?
Supervision oder kollegiale Beratung bieten professionelle Unterstützung, um komplexe Situationen besser einordnen zu können. Transparenz vonseiten der Leitung – warum werden bestimmte Entscheidungen getroffen? – trägt ebenfalls zur Verstehbarkeit bei. 2
- Handhabbarkeit stärken
Die individuellen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern, schützt vor Ohnmacht. Konkret bedeutet das: den eigenen Methodenkoffer durch neue pädagogische Ansätze ausbauen, Kommunikationstechniken für schwierige Gespräche erlernen, ein Netzwerk aufbauen, um herauszufinden, wer bei welchen Herausforderungen unterstützen kann.
Kleine Handlungsspielräume bewusst zu nutzen, stärkt das Gefühl von Kontrolle.
- Sinnhaftigkeit erleben
Der erlebte Sinn der eigenen Arbeit ist die stärkste Ressource gegen Erschöpfung. Es ist hilfreich, sich regelmäßig zu fragen: „Warum habe ich diesen Beruf gewählt? Was macht meine Arbeit wertvoll? Welchen Unterschied mache ich im Leben der Kinder?“
Erfolge bewusst wahrnehmen und würdigen – auch kleine: ein gelungenes Gespräch mit einem Kind, ein Moment echter Verbundenheit oder ein Konflikt, der gut gelöst wurde.
Kohärenz lässt sich auch im Team stärken: Regelmäßige Teambesprechungen, die vom reinen Problemsammeln zu lösungsorientiertem Austausch führen, schaffen gemeinsames Verständnis. Teams können Ressourcen teilen und konkrete Absprachen treffen: „Wenn ich in der Wickelzeit Unterstützung brauche, kann ich dich ansprechen?“ Wenn gemeinsame Werte sichtbar werden, gibt das Halt in schwierigen Zeiten.3
Der Ausstieg aus der Opferrolle ist kein einmaliger Akt, sondern ein fortlaufender Prozess. Es geht nicht darum, schwierigen Rahmenbedingungen schönzureden oder die Belastungsgrenzen zu ignorieren. Das Ziel ist, trotz widriger Umstände die eigene Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.
Kohärenz bedeutet: Ich verstehe, was um mich herum geschieht. Ich verfüge über Mittel, um damit umzugehen. Und ich erlebe meine Arbeit als sinnvoll – auch an schwierigen Tagen. Diese drei Säulen tragen mich durch herausfordernde Zeiten und schützen mich vor Resignation und Erschöpfung.
Kohärenz lässt sich entwickeln und stärken. Jeder kleine Schritt weg von der Ohnmacht hin zur Gestaltung macht einen Unterschied. Für Sie selbst, für Ihr Team und letztlich für die Kinder, die von handlungsfähigen, zuversichtlichen Fachkräften profitieren. Der Kita-Alltag bleibt herausfordernd. Aber Sie sind ihm nicht ausgeliefert.
Für den Alltag
- Ressourcen entdecken: Schreiben Sie zwei Spalten auf. Links steht die Frage „Was kann ich nicht beeinflussen?“ und rechts die Frage „Was kann ich beeinflussen?“. Der Fokus verschiebt sich dabei vom Unveränderlichen hin zum Gestaltbaren.
- Erfolge bewusst wahrnehmen und würdigen – auch kleine. Schreiben Sie sie auf. Ein Erfolgstagebuch kann helfen, ein gelungenes Gespräch mit einem Kind, einen Moment echter Verbundenheit oder einen Konflikt, der gut gelöst wurde, festzuhalten.
- Im Team gemeinsam reflektieren, wofür wir stehen und was uns wichtig ist. Diese Klarheit über gemeinsame Werte gibt Halt in schwierigen Zeiten.