Interview»Mozart war eine Art Gottesbeweis«

Zum 270. Geburtstag Mozarts und dem Jubiläum »70 Jahre Mozartwoche« wurde ein Mozartjahr ausgerufen. Der Musikwissenschaftler Ulrich Konrad über das Geheimnis der »Zauberflöte«, das Wunderkind und die Lust an schönen Tapeten.

Porträtaufnahme von Ulrich Konrad
Ulrich Konrad ist Professor am Institut für Musikforschung der Universität Würzburg und zählt zu den großen Mozart-Experten. Konrad veröffentlichte 2006 die Biografie »Wolfgang Amadé Mozart. Leben, Musik, Werkbestand« und ist Vorsitzender der Akademie für Mozart­forschung der Stiftung Mozarteum Salzburg.© Ingo Peters

Die »Zauberflöte« wird gerade im Salzburger Mozarteum neu inszeniert. Sie gilt als Mozarts populärste Oper. Was ist ihr Geheimnis? 
Ulrich Konrad: Sie bietet allen alles. Das Stück schöpft aus einem für jede Generation zugänglichen Märchenpotenzial mit klarer Struktur: Gut gegen Böse, das Gute siegt. Zudem bietet das Stück das ganze Arsenal des Theaters auf: monumentale Kulissen, Effekte ohne Ende, Wasserprobe, Feuer, Vulkane – eine reine Phantasmagorie. Und es vereint alle musikalischen Formen, von kunstvoller Opernarie bis zu Wiener Gassenhauern.

Dabei konnte Mozart mit Flöten eigentlich nicht viel anfangen, oder?
Das wird so kolportiert, aber da ist nicht viel dran. Sein Vater warf ihm einmal Untätigkeit vor und drängte auf Flötenkompositionen, um Geld zu verdienen. Mozart entgegnete, ihm falle zur Flöte nichts ein, das war wohl eine Ausrede. Denn die Flöte ist bei ihm als Orchesterinstrument stets präsent und oft exponiert, besonders in der »Zauberflöte«.

Mozart galt als Wunderkind. Diente das auch der Vermarktung? 
Durchaus. Sein Vater Leopold, selbst ein Berufsmusiker, erkannte die außergewöhnliche Begabung sofort: Der Sohn konnte noch nicht schreiben, erfand aber schon mit fünf Jahren erste Kompositionen. Leopold, ein gläubiger Katholik, deutete dies als eine Art Gottesbeweis. Er präsentierte das Kind auf Tourneen durch Europa, zunächst in Salzburg, dann am Wiener Kaiserhof. In London 1764/65 warb er in Zeitungen: Für zwei Schillinge könne man den Sohn am Klavier hören, sogar mit verhüllter Tastatur spielte der Junge fehlerfrei.

Auch seine Schwester »Nannerl« war sehr begabt.  
Sie war ebenfalls ein Wunderkind, aber ihr fehlte die Improvisationsgabe des Bruders. Mozart war früh berühmt dafür, aus dem Stegreif zu spielen: In London riefen die Leute »allegro« (munter) oder »furioso« (wütend), und er spielte sofort die passende Musik; bei »adagio« eben ein langsames, ergreifendes Stück. 

Wie viele Instrumente konnte Mozart spielen?
Professionell beherrschte er die Geige und Bratsche. Auf Reisen griff er gern zu seiner Geige, spielte Konzerte und berichtete dem Vater, er habe so getan, als sei er ein großer Virtuose. Leopold antwortete: »Du weißt überhaupt gar nicht, wie gut du Geige spielst!« Am Klavier war er begnadet, einer der ganz großen Pianisten seiner Epoche. Auch die Orgel spielte er, wenngleich weniger prominent. 

Gemälde von Mozart
Mozart wurde am 27. Januar 1756 geboren, starb am 5. Dezember 1791. Das berühmte Porträt entstand erst nach seinem Tod 1819. © Wikimedia/Barbara Krafft/Erich Otto

Mozart war als Komponist diszipliniert, aber er war wohl auch spielsüchtig. Wie passt das zusammen?
Diszipliniert war er. Für eine Spielsucht im pathologischen Sinn gibt es keine Indizien. Wie alle Menschen seiner Zeit spielte er gern. Es gab damals keinen Fernseher, keine Social Media, und in der Familie Mozart wurde immer gespielt, von Karten bis Scheibenschießen. 

Was ist mit seinen finanziellen Problemen?
Die hatte er, aber Mozart verdiente hervorragend, so konnte er in den besten Lagen leben. Zeitweise besaß er ein Pferd samt Stallung, das ist so wie heute ein Pkw der Oberklasse. Als er starb, hatte er die größten Schulden nicht beim Arzt oder Apotheker, sondern beim Schneider und Tapezierer. 

Er vertraute also weiter auf hohe Einnahmen. 
Das konnte er auch. Kurz vor seinem Tod hatte er sogar die Aussicht auf den Kapellmeister-Posten am Stephansdom. Damit wäre er der bestverdienende Musiker Wiens geworden – besser bezahlt sogar als der Hofkapellmeister.

Wie kommt es, dass Mozart oft mit blauen Augen porträtiert wird, obwohl er braune gehabt haben soll? 
Auf dem berühmtesten Gemälde wird er mit grauen Augen dargestellt. Fest steht, dass Mozart stark kurzsichtig war. Deshalb hat er mit dem Kopf immer nah am Papier gearbeitet. Seine Notenschrift wurde dementsprechend im Laufe der Jahre kleiner. 

Sein Arbeitseifer wird gern als Vorahnung des Todes gedeutet. Ist da was dran? 
Das ist Mythologisierung. Mozart wusste nicht, dass er mit 36 sterben würde. Arbeitsniveau und Output blieben viele Jahre lang konstant. Er begann große Projekte, hatte fünf bis acht Wochen Zeit und brachte sie fertig – mit einer großen Zielgewissheit. Im letzten Lebensjahr schrieb er eine Krönungsoper, dann die »Zauberflöte«, nebenbei ein Klarinettenkonzert und schließlich ein Requiem, ohne Druck zu verspüren. Woran er starb, bleibt unklar, es war wohl eine schwere Infektion, die möglicherweise auf einen ausgezehrten Körper traf. Andererseits: Auch Telemann, Haydn und Strauss komponierten sehr viel und wurden alt, Telemann und Strauss sogar über 80 Jahre. 

Will Sharpe dirigiert als Mozart ein Orchester
Eine neue fünfteilige Mozart-Serie mit Will Sharpe in der Hauptrolle läuft seit Dezember 2025 auf Sky © Sky UK Ltd

Es heißt, Mozart konnte überall komponieren, sogar in einer Gaststätte. 
Er komponierte überwiegend am Schreibtisch, war jedoch recht unempfindlich gegenüber Störungen. Komponieren ist ein einsames Geschäft. Berühmt ist die Geschichte, dass er bei einer Kegelpartie mit Freunden kleine Duos schrieb – er setzte sich in Pausen an einen Tisch und notierte vor seinen Kollegen die Noten.

Wie sehr hat Mozart spätere Komponisten beeinflusst? 
Gerade Beethoven und Schubert haben seine Kompositionsweise studiert. Beethoven schrieb sogar Teile aus Mozart-Werken ab.

Ausflugs-Tipp

Die Mozartwoche, das weltweit bedeutendste Mozart-Festival, findet 2026 vom 22. Januar bis 1. Februar in Salzburg statt. www.mozarteum.at/mozartwoche 

Das Magazin

G/GESCHICHTE im Jahresabo

Wir lieben Geschichte und wir machen G/GESCHICHTE. Unser Magazin steht für einen modernen und verständlichen Journalismus. Lassen auch Sie sich von der Vergangenheit berühren!
Seit mehr als 40 Jahren behauptet sich G/GESCHICHTE auf dem Markt. Unser Credo von Anfang an: Geschichte darf Spaß machen – bei aller notwendigen Seriosität.

Jetzt gratis testen