Interview»Christ­liches Fasten ist streng«

Vom 18. Februar bis 4. April läuft dieses Jahr die Fastenzeit. Theologe Becker-Huberti über »flüssiges Fleisch«, tricksende Adelige und Starkbier.

Porträtaufnahme Manfred Becker-Huberti
Der katholische Theologe Manfred Becker-Huberti ist Experte für Religiöse Volkskunde. Er war lange Pressesprecher des Erzbistums Köln und ab 2007 Honorar­professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Vinzenz-Pallotti-University in Valledar bei Koblenz. Zuletzt erschien von ihm »Vom Vierten der Heiligen Drei Könige« (J. P. Bachem Verlag 2025). Eine Liste seiner Publikationen findet sich auf www.becker-huberti.de.© Privat

Nach dem Karneval beginnt die Fastenzeit von 40 Tagen. Wie kam man auf diese Zahl?
Manfred Becker-Huberti: Die 40 verweist – wie auch die 4 – auf das Weltliche. Christen sprechen von Vierteln, die die Welt gliedern; auch der Begriff Stadtviertel leitet sich daraus ab. Die 3 steht hingegen für das Göttliche. 

Wo liegen die Wurzeln dieser christlichen Tradition?
Sie liegen im Judentum, aber das Fasten findet sich in fast allen Religionen. Dahinter steht folgende religiöse Einsicht: Wer sinnliche Genüsse reduziert, ist geistig aktiver. Das wusste auch Jesus Christus. Bevor er öffentlich wirkte, fastete er 40 Tage lang. Dieses Fasten wurde damit zum Vorbild für alle Christen. 

Es war also eine sehr frühe religiöse Praxis.
Das 40-tägige Fasten vor Ostern wurde bereits 325 auf dem Konzil von Nicäa beschlossen. Seitdem ist es im Christentum in vielen Varianten üblich: als Fasten oder als Abstinenz. Letzteres heißt: kein Fleisch an allen Freitagen des Jahres und auch nicht am Aschermittwoch.

Worauf sollen Gläubige in der Fastenzeit verzichten?  
Im Christentum hat sich das Fasten in strenger Form durchgesetzt. Es verlangte früh nicht nur den Verzicht auf Fleisch, sondern auch auf Fett, Öl, Eier und Milchprodukte. Besonders die Eier erstaunen, doch sie galten als »flüssiges Fleisch«.

»Der Adel jagte immer, und er hatte seine Tricks«

War das nicht für viele Menschen ein Problem? 
Der Verzicht auf Eier war oft belastend. Denn Hühner wurden zu Hause gehalten. Man musste die Eier einsammeln und, um sie haltbar zu machen, zu Soleiern (in Salzlösung eingelegte hartgekochte Eier, Anm. d. Red.) verarbeiten. Erst ab Gründonnerstag konnte man sie wieder kochen, färben und als Ostereier verschenken. Dieser Brauch hat eine lange Tradition. Schon früh erhielt man Eier in der Kirche als Belohnung für den Besuch des österlichen Gottesdienstes.

Mit welchen Strafen mussten Fastenbrecher rechnen?
Wurde man ertappt, entschied das Kirchengericht über die Buße. Trotzdem existieren viele Belege für Versuche, die Gebote zu umgehen.

Zum Beispiel? 
Noch heute gibt es in Schwaben die Herrgottbescheißerle: Das sind Teigtaschen, die mit Hackfleisch gefüllt sind. Hackfleisch war verboten, aber es war ja im Teig versteckt.

Die Jagd machte sicher keinen Sinn in der Fastenzeit, oder?
Der Adel jagte immer, und er hatte seine Tricks: Um einen erlegten Hirsch zu verarbeiten, tauchten die Adeligen ihn kurzerhand in einen See. Denn alles Tierische, was sich unter der Wasseroberfläche befand, galt als Fisch und durfte also verzehrt werden. Diese Logik kostete auch vielen Bibern das Leben. Da sie im Wasser lebten, galten sie als Fisch.

Bild von einem braunen Biber
Biber waren eine beliebte Fastenspeise. Da sie im Wasser leben, galten sie als erlaubter Fisch. © Wikimedia/Steve from Washington D.C.

Gab es besonders rigorose Zeiten oder Gemeinschaften?
In manchen Orden wurde das Fasten zum Grundprinzip erhoben, teils bis heute. Die Karthäuser essen nie Fleisch, trinken keinen Alkohol und verzichten auch sonst auf alle Genussmittel.

Haben die Karthäuser also das Alkoholfasten erfunden, bei dem man vorübergehend auf Alkohol verzichtet? 
Nein, das ist eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts. Alten Ordensregeln zufolge durfte ein Mönch täglich ein bis anderthalb Liter Bier trinken. Mehr nicht. Wasser galt wegen der Keim­gefahr als ungeeignet. 

»Das Fasten wurde nie als Gesundheitsprogramm verstanden«

Wie kommt es, dass in der Fastenzeit gerne Starkbier getrunken wird? 
Es hat mehr Kalorien und nährt besser. Deshalb wurde es in den Klöstern in der Fastenzeit geschätzt. Als die Klöster später geschlossen wurden und Kaufleute diese übernahmen, fanden sie nicht nur die Gebäude vor, sondern auch die Rezepte für das Starkbier. So gelangte es auf den Markt.

Hat Fasten auch Diäten inspiriert?
Das Fasten wurde nie als Gesundheitsprogramm verstanden. Sein Sinn lag nicht im Körperlichen, sondern im Loslassen davon. Es ging darum, dem Geistigen näherzukommen. 

Heute spricht man oft vom Fasten: also vom zeitweiligen Verzicht auf Schokolade, aufs Handy, aufs Fliegen. Geht es da noch um christliche Enthaltsamkeit? 
Auch solches Fasten kann religiös verstanden werden, es muss aber nicht. Fasten bleibt eine Praxis, die sowohl körperlich als auch geistig angepackt werden muss.

Ernährungswissenschaftler empfehlen das Fasten für die Gesundheit. Lebt die Tradition also wieder auf?
Fasten und Verzicht werden heute wieder als Wert erkannt. Aber religiös wird das Fasten erst, wenn man es mit einem Gebet und einem Opfer verbindet. Die genauen Regeln für das Fasten wurden zuletzt 1986 von den Bischöfen geändert. Kinder bis 14 sind davon ausgenommen, auch Menschen über 65. Beide Gruppen dürfen fasten, müssen aber nicht. Für alle anderen Katholiken ist das Fasten verpflichtend.  

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