Perspektivwechsel hilft gegen VerzweiflungErlebnisse einer Kita-Fortbildnerin

Werden Kinder immer „schwieriger“ oder Fachkräfte immer weniger belastbar? So vereinfacht lässt sich die Situation nicht auf den Punkt bringen. Deshalb ermuntert unsere Autorin dazu, sich konsequent in die Sicht des Kindes hineinzudenken.

Wie hört es sich für Sie an, wenn über Kinder als verhaltensauffällig, störend, schwierig, herausfordernd oder provozierend gesprochen wird? Oder wenn das Verhalten von Kindern als gestört, sozial unangepasst, normabweichend oder nicht tragbar bezeichnet wird? Welchen Unterschied macht es, ob ich sage „das Kind ist so oder so“ oder „ich fühle mich vom Verhalten des Kindes herausgefordert“?
In meinen Fortbildungen erlebe ich immer wieder, dass Kinder so beschrieben werden. Das zeigt mir jedes Mal, wie wichtig es ist, darauf zu achten, wie wir über Kinder sprechen. Denn aus dem Sprechen folgt das Handeln. Das sage ich nicht, damit die Menschen, die solche Termini benutzen, sich schlecht fühlen. Sie erleben Kinder, deren Verhalten für sie herausfordernd ist, sie an Grenzen bringt und manchmal ratlos oder ohnmächtig macht. Diese Situation ist real und ernst zu nehmen.
Biografisch bringt jede:r ein „Päckchen“ an Beziehungserfahrungen mit in die Arbeit, die kränkende oder beschämende Sätze enthalten können. Als Fortbildnerin sehe ich meine Aufgabe auch darin, meine Haltung zur Verfügung zu stellen, die von Gleichwürdigkeit und integritätswahrender Beziehungsgestaltung geprägt ist. Aus dieser Haltung heraus darf und will ich Menschen nicht bewerten, wenn sie mit Zuschreibungen über Kinder sprechen. Sie empfinden es so. Zugleich möchte ich Fachkräfte dafür sensibilisieren, dass sich die Art, wie wir mit Kindern oder über sie sprechen, auf ihr Selbstbild auswirkt. Sie spüren, wie wir über sie denken. Das vermittelt auch unsere Körpersprache. Deswegen können wir an unserer Haltung arbeiten und andere Ausdrucksweisen einüben.
Konkret biete ich den Perspektivwechsel an. Dass nämlich das Verhalten von Kindern aus ihrer Sicht immer Sinn hat und eine Botschaft ist. Sie wollen uns etwas mitteilen – etwa, dass sie selbst herausgefordert sind. Daher spreche ich auch von „herausgeforderten Kindern“, ein Begriff von Nicole Wilhelm, die Kita-Fachkräfte berät. Sobald über Kinder und kindliches Verhalten in der genannten Weise gesprochen wird, frage ich nach: Was will es uns mit dem Verhalten sagen? Was ist in dieser Situation sein Lerngeschenk an uns? Was ist euer Bedürfnis hinter dem Gefühl, dass das Kind euch herausfordert? Nicht das Kind ist herausfordernd, sondern ihr erlebt es so. Welchen Grund könnte das Kind haben und wie ließe sich das formulieren, ohne zu werten?
Ein Kind, von dem ich mich herausgefordert fühle oder das in seinem Leben herausgefordert ist, lädt mich ein, zu schauen, wie ich ihm helfen kann und wie wir bestmöglich mit der Situation umgehen. Denn die Verantwortung liegt bei uns, nicht beim Kind. Für solche Reflexionsprozesse sind wir Erwachsenen zuständig und dürfen die Verantwortung nicht an die Kinder abgeben. Auf die Formulierung „AM Kind arbeiten“ antworte ich immer augenzwinkernd, meine Kollegin Heike Baum zitierend: „Am Kind arbeitet vielleicht ein Friseur, aber wir arbeiten MIT dem Kind“.

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