Mit seinem Bruder Ulrich Renz beschreibt Herbert Renz-Polster, wie Kindheitserfahrungen eine „Verführbarkeit“ zu rechtspopulistischem Gedankengut begünstigen können.
Nach dem Einstiegskapitel, das die rechtspopulistische Weltsicht skizziert, nehmen die Autoren eine sorgfältige Begriffsdefinition vor, treffen dabei aber keine pauschalen Aussagen à la „So sind die Rechtsextremen!“ Vielmehr legen sie Wert darauf, dass es „den einen Typus von rechtsgeneigten Menschen“ nicht gibt. Wohl aber bestimmte Merkmale, die häufiger bei Rechtsextremen vorkommen wie eine geringere Offenheit, die sich im Festhalten am Konventionellen, in ausgeprägter Zukunftsskepsis und im gesteigerten Bedürfnis nach Struktur und Vorhersehbarkeit zeigen kann. Für die zentralen Entwicklungsfragen des Kindes nutzen die Autoren das Bild eines vierblättrigen Kleeblatts: 1) Fühle ich mich sicher? 2) Erlebe ich Wertschätzung und Anerkennung? 3) Fühle ich mich zugehörig? 4) Erlebe ich mich als selbstwirksam? Entscheidend ist, wie die Erwachsenen diese Fragen beantworten: Was erlebt das Kind? Konnte es Vertrauen aufbauen, Sicherheit erleben, sich zugehörig und wirksam fühlen? Oder ist es voller Misstrauen aufgewachsen? War die Beziehungssprache geprägt von negativer Weltsicht, Stress oder Gefühlen wie Angst und Wut? Im Bild des Kleeblatts kommen die Autoren zu dem Schluss: In der Kindheit eines rechtsextremen Menschen muss das Blatt schon welk gewesen sein.
Nicht jedes Kind mit widriger Kindheit wird zum rechtspopulistischen Erwachsenen. Aber eine früh erworbene Verletzlichkeit kann unter Umständen zu einer solchen politischen Positionierung führen. Um ihre Aussagen zu belegen, zitieren die Autoren immer wieder spannende Forschungsergebnisse wie etwa aus der Autoritarismus-Forschung.
Ein Buch, das hoffentlich viele Menschen lesen werden, weil es zum Nachdenken und zu guten Gesprächen und Reflexionsprozessen (plus Handlungen) anregt.
BUCH:
DEMOKRATIE BRAUCHT ERZIEHUNG – Warum der Widerstand gegen autoritäre Strömungen schon in der Kindheit beginnt
Für wen: Um die Kita geht es zwar nur in einem Kapitel – da vor allem um Kinder aus prekären Lebenssituationen. Dennoch ist das Buch absolut lesenswert.
Was bringt’s: Pädagogischen Fachkräften bietet das Buch einen guten Einblick in diese aktuelle Thematik.
Das hat mich überrascht: Beim Lesen kamen mir immer wieder Gefühle von Traurigkeit, Wut und Fassungslosigkeit. Zugleich konnte ich mir sagen: Mit meiner Arbeit als Fortbildnerin für Kita-Fachkräfte trage ich dazu bei, dass Kindheit in Institutionen – analog zum Kleeblatt – mit vertrauensgebender Beziehungssprache gestaltet wird. Ich nenne es gleichwürdig und integritätswahrend. Das macht mich hoffnungsvoll.
Herbert Renz-Polster/Ulrich Renz,
Kösel Verlag, München 2025, 176 Seiten,
ISBN 978−3−466−31246−7, € 15,–