Kurzinterviews„Pädagogik der kleinen Schritte“

Lösungsorientiert denken und ein systemischer Blick: Reicht das aus, um Inklusion in Kitas umzusetzen? Drei Heilpädagoginnen teilen ihre Einschätzung.

Bunte Fuß- und Händeabdrücke.
© Afanasia / shutterstock.com

Sie befinden sich gerade in der Ausbildung zu Heilpädagoginnen. Wie blickt die Heilpädagogik auf Inklusion in Kitas?

Elvira Riegel: Inklusion in Kindertagesstätten ist ein wichtiger Bestandteil der Anerkennung von Vielfalt in unserer Gesellschaft. Dennoch bedauert die Heilpädagogik die konsequente Abschaffung heilpädagogischer Gruppen, da bis zum jetzigen Zeitpunkt die Rahmenbedingungen für eine gelungene und gelebte Inklusion noch nicht in allen Kitas stimmen. Der gesellschaftliche Grundgedanke von bedingungsloser Inklusion aller Kinder ist gut, jedoch gibt es noch Luft nach oben. Inklusive Kindertagesstätten schaffen ein umfassendes Bewusstsein für vielfältige Formen von Leben und Menschsein, denn die Vielfalt macht eine Gesellschaft erst bunt.
Durch Inklusion werden Barrieren sichtbar, die vorher unsichtbar waren. Beispielsweise stellen Treppenstufen in einer Kita erst dann eine Barriere dar, wenn sie jemanden „plötzlich“ beim Gehen behindern.
Kinder mit einer Behinderung sollten nicht in eine Schublade gesteckt werden, aber dennoch benötigen die Kitas verlässliche Mittel und Finanzierungsmöglichkeiten, um Raumkonzepte anzupassen, Hilfsmittel vor Ort zu haben oder Personalkosten abdecken zu können.

Elvira Riegel ist Erzieherin, nebenberuflich in Weiterbildung zur Heilpädagogin. Aktuell begleitet sie Kinder einer inklusiven Gruppe eines Familienzentrums bis zur Einschulung

Was muss für die gemeinsame Betreuung von Kindern mit und ohne Behinderung in der Praxis getan werden?

Tanja Vorhagen: In der gemeinsamen Betreuung aller Kinder ist eine angepasste, barrierefreie und fördernde Umgebung entscheidend. Raumkonzepte müssen neu gedacht werden, was beispielsweise reizärmere Räume, weniger Mobiliar, Rückzugsorte und Nischen fordert.
Tagesabläufe müssen so gestaltet sein, dass ein Prinzip der Freiwilligkeit einen großen Stellenwert erlangt. Nicht jedes Kind ist täglich in der Lage, an einem Morgenkreis gemeinsam mit vielen anderen Kindern teilzunehmen. Inklusion und Partizipation müssen dabei stets Hand in Hand gehen, um echte Teilhabe zu ermöglichen.
Zudem ist es wichtig, den Unterschied zwischen „gleich“ und „gerecht“ bewusst zu beleuchten. Während Gleichheit oft gleiche Bedingungen für alle meint, bedeutet Gerechtigkeit, den individuellen Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden und ihnen das zu geben, was sie für ihre Entwicklung und ihr Wohlbefinden benötigen.

Tanja Vorhagen ist Werbetechnikerin, staatlich anerkannte Erzieherin, aktuell in der Weiterbildung zur Heilpädagogin.

Was können sich Erzieher:innen von der heilpädagogischen Arbeit abschauen?

Maike Bartels: In der heilpädagogischen Arbeit ist eine systemisch-lösungsorientierte Haltung die Grundlage. Die Lebenswelt eines Kindes sowie seine Ressourcen sind der zentrale Ankerpunkt Das Verhalten von Kindern zu verstehen, auch wenn man nicht immer einverstanden ist, ist wichtiger als bloße Bewertung. Statt von Fehlern auszugehen, sollte der Fokus darauf liegen, das Potenzial und die kleinen Fortschritte zu erkennen und wertzuschätzen – die Heilpädagogik lässt sich daher auch als Pädagogik der kleinen Schritte beschreiben.
Wesentliche Faktoren der Inklusion sind eine Begegnung auf Augenhöhe, die Bereitschaft, dem Gegenüber viel Zeit und Geduld zu ermöglichen, sowie der Mut zu kreativen und unkonventionellen Lösungsansätzen im Alltag. Regelmäßige Biografie- und Reflexionsarbeit unterstützen diese Haltung und helfen, die Bedürfnisse und Perspektiven jedes Kindes besser zu verstehen.

Maike Bartels ist Erzieherin, in Weiterbildung zur Heilpädagogin, aktuell stellvertretende Einrichtungsleitung mit Tätigkeitserfahrungen an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung sowie an einer heilpädagogischen Kindertagesstätte.

Wer bezahlt’s?

Die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes und damit der Einsatz heilpädagogischer Leistungen zur Inklusion verläuft in manchen Bundesländern wie Rheinland-Pfalz oder NRW derzeit überwiegend über die Finanzierung der Basisleistung I. Dadurch wird ein verbesserter Personalschlüssel je Kind mit Behinderung ermöglicht. Eine angepasste Basisleistung II für Kinder mit einem sehr hohen Förderbedarf steht jedoch noch aus.

kindergarten heute - Das Fachmagazin für Erzieher:innen: Für die Professionalisierung des frühpädagogischen Berufsfeldes

Das Fachmagazin im Abo

  • 10 Ausgaben pro Jahr
  • Beispielhafte und inspirierende Praxisbeiträge aus dem Kita-Alltag
  • Fachliche Orientierung, Standpunkte und Meinungen zu Themen der Frühpädagogik
  • Sicherung und Weiterentwicklung der pädagogischen Qualität in Ihrer Einrichtung
1 Ausgabe gratis