Pädagogischer AlltagWir machen es uns schön!

Mit festen Zeitplänen und starren Regeln im Kopf bleibt wenig Spielraum für Improvisation. Die Kinder stattdessen einzuladen, den Alltag gemeinsam zu gestalten, schafft neue Möglichkeiten.

Kinder und Erwachsene sitzen gemeinsam auf einer Wiese, schauen zusammen in ein Buch und lesen miteinander.
© Johner Images/ GettyImages

Viele pädagogische Fachkräfte fühlen sich am Limit, sind dabei, den Überblick und vor allem den Blick für das Wesentliche zu verlieren, und fragen sich: Wo bleiben das einzelne Kind und die „eigentliche“ Gestaltung des pädagogischen Alltags als Fundament für jedes spätere Lernen und Leben? Wie kann ich als Fachkraft meinen „tatsächlichen“ Job machen, damit das Kind einen schönen, bildungs- und entwicklungsreichen Kita-Tag erleben kann, wenn ich gefühlt nur von Katastrophen umgeben bin?

Platz für Spielräume schaffen

Pädagogische Qualität basiert auf einer professionellen Haltung, reflektiertem Handeln und dem ständigen Ringen um gute Lösungen. Sie zeigt sich in echten Begegnungen, wertschätzenden Beziehungen und einem Alltag, der Kindern echte aktive Teilhabe ermöglicht.1 Gute Qualität ist nie fertig – sie ist immer im Werden2 .
„Pädagogische Spielräume“ können jederzeit neu gedacht und gestaltet werden – trotz aller augenscheinlichen Hürden oder offensichtlichen Schwierigkeiten. Zwischen Anspannung und Entspannung, Aktion und Reaktion, Schwarz und Weiß gibt es immer Raum, der aktiv gestaltet werden kann. Wenn wir die Kinder direkt miteinbeziehen, ist es möglich, gemeinsam Neues zu schaffen.
Sich selbst fragen:

  • Was kann ich sofort loslassen? (Zum Beispiel: Jeden Freitag treffen sich alle Kinder der Kita zum gemeinsamen Singen um 11 Uhr in der Aula.)
  • Was ist unnötig oder überflüssig? (Flexible Struktur: Der Morgenkreis startet meist um 9 Uhr, das ist aber kein Muss.)
  • Wo schaffe ich mir unnötige Hürden? (Flexibel gestaltete Tages- und Wochenstrukturen lassen Platz für individuelle Anpassungen)
  • Worauf kann ich in Zukunft gut verzichten? (strikte Regeln und Rituale überdenken)
  • Was schleppe ich schon eine zu lange Zeit mit mir rum? (Gewohntes weiterdenken: Wie könnten wir die Karnevalszeit dieses Jahr neu gestalten?)
  • Wen muss ich auf welche Weise mitnehmen, wenn ich Platz für Neues schaffe? (im Team über mögliche Hindernisse sprechen)

Die Kinder fragen und mitnehmen:

  • Welche Ideen habt ihr?
  • Was können wir jetzt sofort anders machen (im Morgenkreis, bei den Mahlzeiten, in der Ruhezeit)?
  • Wie würdet ihr den Tag gern verbringen?

Das regelmäßige Ballastabwerfen schafft Platz, bietet Orientierung, hilft, eigene und gemeinsame Entscheidungen zu treffen, sich neu zu fokussieren. Den Tages- und Wochenplan mit den Kindern zu besprechen, schafft Verständnis für die Bedürfnisse der Kinder und hilft dabei, unnötige Planungen zu verhindern (beispielsweise aufwendige Projekte, die nicht an den Interessen der Kinder orientiert sind).

Handlungsspielräume bedürfnisorientiert gestalten

Auch wenn es teilweise nicht so aussieht: Wir haben im Alltag jede Menge Entscheidungsmöglichkeiten, die helfen können, unseren Job mit Freude zu machen. Es geht weniger um Entscheidungen für das eine oder das andere, sondern mehr um den Spielraum dazwischen. Die Idee ist: Wer Spielräume nutzt und mit den Kindern gemeinsam gestaltet, bietet hohe Qualität für Kinder und sorgt gleichzeitig für sich selbst.
Die Berücksichtigung kindlicher Grundbedürfnisse kann in allen Situationen eine verlässliche Basis für das Handeln sein und bietet die Chance, es zu flexibilisieren:

  • Was kann ich in dieser Situation anbieten? (Möglichkeit: Kinder beobachten und nach ihren Interessen fragen, Spielimpulse eingeben)
  • Wie genau sieht das aus Sicht des Kindes aus? (Möglichkeit: Kinder bei der Planung von Angeboten, Projekten, Ausflügen beteiligen)
  • Wie kann ich erfahren, was beim Kind ankommt? (Möglichkeit: Kinder beteiligen, beispielsweise im Morgenkreis, in Freispielsituationen)

Für eine hochwertige, entspannte und entwicklungsfördernde Atmosphäre muss der Plan nicht perfekt abgearbeitet werden und darf Improvisation nicht beliebig sein. Den pädagogischen Alltag entsprechend flexibel, kreativ und partizipativ zu gestalten, bedeutet, sich in Spielräumen zu bewegen:

  • Statt streng an Abläufen beziehungsweise am Abarbeiten von Plänen festzuhalten, lieber auf Grundlage gemeinsam vereinbarter Rahmenbedingungen improvisieren (zum Beispiel Bewegungsrunde statt Morgenkreis).
  • Statt bei Streit und Konflikten direkt Lösungen zu präsentieren und Fragen der Kinder selbst zu beantworten, lieber kindliche Prozesse begleiten, um Kinder das Lösen-Lernen selbst zu ermöglichen („Was wünscht ihr euch voneinander?“).
  • Statt Interessen und Bedürfnisse der Kinder steuern zu wollen, sich lieber den eigenen und den kindlichen Erwartungsmodellen bewusst werden (Was tut, was zeigt, was sagt das Kind, für was interessiert es sich?).
  • Statt mit der eigenen Erwartungshaltung professionell handeln zu wollen und die Kinder mit Angeboten zu überhäufen, lieber einen Schritt zurücktreten und die Kinder selbst einbeziehen.
  • Statt ständig Fragen zu stellen und die eigene Meinung aufzudrängen, lieber eigene Eindrücke benennen und die kindliche Reaktion abwarten („Ich habe den Eindruck, du bist gerade wütend. Magst du mir erzählen, wie du dich fühlst?“).
  • Statt alles selbst planen und absichern zu wollen, lieber den Alltag für und mit Kindern ungeplant lassen, Zeit für Spontanes einbauen, Ideen der Kinder aufgreifen (Kinder überlegen sich Aktionen, Gruppen werden geöffnet, Kinder bei den Aufgaben der Erwachsenen wie Snackdienst oder Morgenkreis einbeziehen).

Diese Liste kann erweitert werden: Welche weiteren konkreten Handlungsstrategien schaffen neue Spielräume für alle Beteiligten?

Handlungsmöglichkeiten im Kita-Alltag nutzen

Jede:r kann sofort selbst damit loslegen  – gemeinsam mit dem Team. Es gibt viele berechtigte Gründe, um zu jammern oder in Situationen zu verzweifeln. Wenn wir allerdings versuchen, umzudenken und den Alltag mit den Kindern gemeinsam zu gestalten, bleiben wir handlungsfähig. Viele Entscheidungen liegen bei uns Fachkräften selbst: Wir sind nicht fremdgesteuert, sondern bewegen uns in einem verlässlichen gesetzlichen Rahmen, der echte Handlungsfreiheiten – Spielräume – bietet. Gerade in den einfachen, kleinen, unperfekten Momenten liegt oft das Wertvolle: Sie eröffnen neue Spielräume und zeigen, wie viel man selbst bewirken kann – für Kinder, Familien, das Team und für sich selbst.

Umdenken führt zur Handlungsfähigkeit: alle in den Garten

Ein unruhiger Vormittag: Einige Kinder warten angezogen in der Garderobe, andere beschäftigen sich mit Büchern in der Vorleseecke. Die geplanten Angebote – Marktbesuch und Sprachförderung – fallen aus, weil beide Fachkräfte anders gebunden sind. Für Mia ist klar: Zwei Räume mit zwei Kindergruppen lassen sich personell nicht sicher betreuen. Die Kinder aber wieder komplett umziehen zu lassen, würde die Lautstärke und Unruhe nur erhöhen. Die Bedürfnisse der Kinder sind klar: „Wann gehen wir endlich raus?“ und „Ich will mein Buch zu Ende anschauen“.
Mia entscheidet sich für eine pragmatische Lösung: alle gemeinsam in den Garten, wo die Aufsicht einfacher zu gewährleisten ist. FSJler Tim begleitet die angezogenen Kinder in den Flur, während die anderen sich geordnet in der Garderobe umziehen. Draußen richtet Tim eine kleine Leseecke auf dem Rasen ein.
Mia behält alle Bereiche im Blick und strukturiert den Vormittag neu: Die Hauswirtschaftskraft bringt Obst, Gemüse, Messer und Brettchen, damit die Kinder ihren Snack selbst vorbereiten können – ein spontaner, aber praktischer Ersatz für den Marktbesuch. Gaby, die Sprachförderkraft, setzt sich später zu Tim und den Kindern auf die Lesedecke.
Diese Situation ist mit Sicherheit nicht perfekt, aber bildet oft den Alltag ab, es einfach unperfekt perfekt zu gestalten – gemeinsam mit den Kindern.

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