Warum hat sich die SWK gerade jetzt zu diesem Thema positioniert?
Wir betrachten Bildung und deren Qualität über die ganze Lebensspanne und beschäftigen uns daher auch mit frühpädagogischen Fachkräften, die für diese Qualität stehen. Das System früher Bildung und Betreuung ist unter Druck durch Personalmangel und Herausforderungen der Fachkräftesicherung. Dies gefährdet nicht nur die Verlässlichkeit von Betreuung, sondern wirkt sich auch negativ auf die pädagogische Struktur- und Prozessqualität und damit auf Entwicklung und Wohlbefinden von Kindern aus. Eine Stärkung der Gesundheit und Zufriedenheit von Fachkräften in der frühen Bildung stärkt auch die Kinder, zum Beispiel durch eine bessere Beziehungsqualität.
Welche Erkenntnisse der Stellungnahme haben Sie am meisten überrascht?
Als wir mit der Stellungnahme begannen, gingen wir von starkem Fachkräftemangel aus. Es war nicht absehbar, dass sich die Situation durch sinkende Geburtenraten mancherorts zeitnah entschärft. In Teilen Ostdeutschlands zeigt sich bereits ein Überangebot an Kitaplätzen. Trotzdem ist das System von personeller Instabilität bedroht. Einrichtungen kämpfen mit Fluktuation, Fachkräfte verlassen kurz nach der Ausbildung das Feld. Da hat mich die scheinbar gegenteilige Erkenntnis gefreut, wie hoch dennoch die Arbeitszufriedenheit der Fachkräfte ist.
Wie können Fachkräfte im Kita-Alltag Strategien zur Gesundheitsförderung umsetzen?
Gesundheitsförderung muss von Träger und Einrichtung als Leitungsverantwortung adressiert werden. Aber auch Fachkräfte müssen diese Verantwortung für sich übernehmen. Ressourcen wie kollegialer Austausch und Mitgestaltungsmöglichkeiten können den Umgang mit den Herausforderungen erleichtern. Mit individuellen Strategien zur Selbst- und Emotionsregulation können sich Fachkräfte in Fort- und Weiterbildungen stärken. Studien zeigen, dass sich Interventionen wie Achtsamkeitsübungen und Verhaltenstrainings - in Präsenz wie Online - positiv auf psychisches Wohlbefinden und Stressbewältigung auswirken. Gesundheitsförderliche pädagogische Angebote für Kinder lassen sich so gestalten, dass sie auch der Gesundheit von Fachkräften zugutekommen. Auch die verstärkte Nutzung digitaler Werkzeuge kann zur Entlastung in Bereichen wie Dokumentation oder Zusammenarbeit mit Familien beitragen.
Mancherorts fehlen Fachkräfte, andernorts Kinder. Was heißt das für die vielfältige Kita-Landschaft?
Kitas stehen vor unterschiedlichen Problemlagen, die sich schon von Stadtteil zu Stadtteil unterscheiden. Dort, wo Fachkräfte fehlen, muss weiter in ihre Gewinnung investiert werden. Zur Gesundheitsförderung von Fachkräften sollten alle Maßnahmen fokussiert werden, die kein zusätzliches Personal benötigen. Wo es die demographische Entwicklung zulässt, empfehlen wir die Anpassung gesetzlicher Rahmenbedingungen, um pädagogisches Personal mit seinen Zeitressourcen im System zu halten. Wichtig und bei sinkenden Kinderzahlen leichter umsetzbar ist, Krankenstände und Fluktuation im Personalschlüssel zu berücksichtigen und mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung, Zusammenarbeit mit Familien, Fort- und Weiterbildung sowie Leitungstätigkeit bereitzustellen.