Armutssensibilität - Teil 4: Starke Strukturen für starke Kinder

Die sensible Unterstützung armutsbetroffener Familien bedarf vor allem einer entsprechenden Haltung – doch das allein reicht nicht aus. Welche Voraussetzungen über den guten Willen hinaus noch wichtig sind.

Mehrere Frauen sitzen an einem Tisch und unterhalten sich.
© Courtney Hale – GettyImages

In den vorigen Folgen dieser Reihe wurde u. a. beleuchtet, wie Kita-Teams im U3-Alltag dazu beitragen können, negative Konsequenzen familiärer Armut für Kinder abzuschwächen. Doch welche strukturellen und pädagogischen Rahmenbedingungen braucht es, damit Fachkräfte die Jüngsten und ihre Familien effektiv und verlässlich begleiten können? Unter welchen Voraussetzungen ist armutssensibles Handeln in der Kita überhaupt möglich? Diese Fragen sollen nun abschließend beleuchtet werden.

Gute Bedingungen

Gerade in den ersten Lebensjahren brauchen Kinder Bezugspersonen, die ihnen mit Feinfühligkeit, Geduld und Verlässlichkeit begegnen und ihre individuellen Bedürfnisse sensibel wahrnehmen. Besonders bedeutsam sind hierfür gute Rahmenbedingungen in den Einrichtungen, etwa ein altersgerechter Personalschlüssel. Erst dadurch finden Fachkräfte die nötige Zeit, tragfähige Bindungen aufzubauen, die Kinder aufmerksam zu beobachten, mit den Familien ins Gespräch zu kommen und gemeinsam im Team zu reflektieren. Vor allem während der Eingewöhnungsphase brauchen Mädchen und Jungen individuelle Begleitung und Zeit, um sich auf die neue Situation einzulassen. Den Kindern und ihren familiären Bezugspersonen sollte der Start in die Kita deshalb in ihrem eigenen Tempo möglich sein – nicht nur, aber auch den Familien in prekären Lebenslagen.

Teamarbeit & Reflexion

Beobachtungen werden besprochen, unterschiedliche Sichtweisen ausgetauscht und gemeinsam Lösungen entwickelt: Armutssensibles Handeln in der Kita gelingt nur im Team. Regelmäßige Reflexionsprozesse unterstützen pädagogische Fachkräfte dabei, die Jüngsten in ihrer Entwicklung zu stärken und Familien in ihrer individuellen Situation gewinnbringend zu begleiten. In einem armutssensiblen U3-Alltag gibt es immer wieder Momente, die Fachkräfte sehr beschäftigen und nachdenklich machen. Es ist dann wichtig, dass sie sich damit nicht allein fühlen. Eine Leitung, die zuhört und Orientierung gibt, sowie Kolleginnen und Kollegen, die füreinander da sind, schaffen Sicherheit und Rückhalt. Eine offene Gesprächskultur, Vertrauen, gegenseitige Unterstützung und die Anerkennung individueller Stärken der Mitarbeitenden sind dafür die wesentliche Basis. Gemeinsame Aktivitäten jenseits der Kita können den so bedeutsamen Zusammenhalt stärken. Ebenso wichtig wie ein gutes Miteinander ist aber auch die Bereitschaft, das eigene pädagogische Handeln immer wieder aufs Neue zu hinterfragen. Fachkräfte sollten sich regelmäßig damit auseinandersetzen, was ihnen im Alltag gelungen ist, welche Situationen für sie herausfordernd waren und wie sie die Mädchen und Jungen ggf. noch individueller begleiten könnten. Die selbstkritische Beantwortung dieser Fragen hilft dabei, die eigene pädagogische Haltung weiterzuentwickeln.

Stetige Weiterentwicklung

Auch Möglichkeiten zur fachlichen Weiterentwicklung sind unerlässlich. Regelmäßige Fort- und Weiterbildungen bestärken Fachkräfte in ihrer täglichen Arbeit, geben neue Impulse für armutssensible Pädagogik und vermitteln zugleich Unterstützung und Rückhalt durch den Träger (s. INFO).
Eine zusätzliche Fachberatung kann ebenfalls dazu beitragen, neue Perspektiven für armutssensibles Handeln zu entwickeln, etwa zu den Themen Bildungsgerechtigkeit, Teilhabe oder Abbau von Barrieren.

Blick in den Sozialraum

Durch regelmäßige Analysen des Sozialraums nehmen die Einrichtungen wahr, mit welchen Lebenslagen Familien tatsächlich konfrontiert sind. Dadurch können sich Kita-Teams ein fortlaufend aktuelles Bild von den sozioökonomischen Entwicklungen machen und ihre Unterstützungsangebote entsprechend daran ausrichten. Wichtig ist zudem die Zusammenarbeit mit verschiedenen Kooperationspartnern im Landkreis. Der Austausch mit Beratungsstellen, dem Jugendamt und weiteren Einrichtungen ermöglicht es den Kitas, Familien bei Bedarf passende Hilfeangebote zugänglich zu machen. Damit dies gelingen kann, braucht es ein gutes Netzwerk, in dem sich die Partner gegenseitig vertrauen und unterstützen.

INFO

Weiterbildung, Fachberatung & Austausch

  • Das Programm „ElternChanceN – mit Elternbegleitung Familien stärken“ des Europäischen Sozialfonds Plus eröffnet die Möglichkeit, sich als Elternbegleiter zu qualifizieren, um Familien gezielt zu unterstützen. www.esf.de
  • Das praxisnahe Qualifizierungsprogramm „Vielfalt vor Ort begegnen – professioneller Umgang mit Heterogenität in Kindertageseinrichtungen“ gibt Impulse
    für den sensiblen Umgang mit unterschiedlichen Lebenssituationen von Familien und begleitet Einrichtungen bei ihrer armutssensiblen Arbeit. www.vielfalt-begegnen.de
  • Das Transferprojekt „Thüringer Qualitätskompass – sprachliche Bildung und inklusive Kindergartenentwicklung“ gibt ebenfalls wertvolle Anregungen für die armutssensible Praxis. www.bildung.thueringen.de

Fazit

Armutssensibles Handeln, das Wirkung zeigt, entsteht durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren und Menschen. Eine tragende pädagogische Haltung, gute Rahmenbedingungen, echtes Interesse an den Familien, gegenseitige Unterstützung im Team sowie im lokalen Netzwerk greifen dabei ineinander und prägen den Alltag in der Einrichtung.

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