Bildungs- und Lerngeschichten

Die Bildungs- und Lerngeschichten sind ein offenes Beobachtungskonzept ohne festen Fragebogen, das seinen Ursprung in Neuseeland hat. 2001 entwickelte dort Margarete Carr die sogenannten „learning stories“ für das neuseeländische Curriculum. Nach Deutschland kamen sie durch Hans Rudolf Leu, der das Konzept für Deutschland adaptierte und als „Bildungs- und Lerngeschichten“ vorstellte.

© Patcharin Simalhek - iStock

Kern des Beobachtungskonzepts

Im Zentrum dieses Ansatzes steht die freie Beobachtung des Kindes durch eine pädagogische Fachkraft. Sie dokumentiert das Lernen des Kindes, analysiert ihre Beobachtung nach Lerndispositionen und verschriftlicht sie anschließend in Form von Lerngeschichten, die Kindern und Erwachsenen als Grundlage für den Austausch (z.B. über die Situation oder das Lernen der Kinder) dient.

Bildungs- und Lerngeschichten richten den Blick der Fachkräfte auf das Lernen des Kindes. Sie stärken die Beziehung zum Kind und geben die Möglichkeit, dem Kind und seinen Interessen zu folgen. Das verändert auch den Blick der Pädagogin auf das Kind.

Das Konzept besteht im Wesentlichen aus fünf Schritten:

1. Das Kind beobachten

Der erste Schritt besteht darin, das Kind zu beobachten. Dazu wählt die Fachkraft eine Spielsituation aus, in der das Kind vertieft ist und offensichtlich seinem Interesse nachgehen kann. Zu Beginn notiert sie den Namen des Kindes auf dem Blatt sowie Uhrzeit und Datum (ggf. noch die Namen der mitspielenden Kinder).

Während des Beobachtens hält die pädagogische Fachkraft sich im Hintergrund und mischt sich (wenn möglich) nicht in das Geschehen ein. Deswegen müssen solche Beobachtungssequenzen auch im Vorfeld mit den Kolleginnen abgestimmt sein. Nun schreibt die Fachkraft auf, was das Kind genau tut – und das, ohne das Handeln des Kindes zu bewerten! Das ist gar nicht so einfach, denn oft geht das Hand in Hand. Die Beschreibung sollte möglichst detailliert sein, z.B.: „Jussuf baut aus Bauklötzen eine Brücke. Er stellt vier kleine Bauklötze nebeneinander und legt dann einen großen darüber. Der große fällt hinunter. Jussuf nimmt ihn wieder in die Hand und legt ihn noch einmal über die kleinen Bauklötze. Wieder rutscht er auf den Boden. Jussuf schaut nur auf die Bauklötze, der Mund ist leicht geöffnet, die Zungenspitze schaut heraus.“

Was die Fachkraft nicht schreibt: „Jussuf ärgert sich. Er wird wütend.“ Das wäre nämlich bereits ihre Interpretation. Nach ca. fünf Minuten beendet die Fachkraft ihre Beobachtung.

2. Schritt: Auswerten

Im Anschluss an die Beobachtung folgt nun die Auswertung, entweder direkt noch am Platz sitzend oder mit etwas zeitlichem Abstand. Die Analyse der Beobachtung erfolgt nach den Lerndispositionen. Lerndispositionen sind das Repertoire an Lernstrategien, das Kindern zur Verfügung steht. Sie können ermittelt werden anhand folgender Fragen:

  • Was interessiert das Kind bei seiner Tätigkeit? Wie interessiert ist es?
  • Wann hat es sich besonders engagiert? Woran erkenne ich das?
  • Wie hat es bei Herausforderungen standgehalten?
  • Wie hat es sich ausgedrückt bzw. mitgeteilt?
  • Hat es an einer Lerngemeinschaft mitgewirkt?

3. Zusammenfassen

Für das Zusammenfassen der Analyse gibt es entsprechende Vorlagen. Sie orientiert sich an folgenden Fragen:

  • Um welches Lernen geht es hier?
  • Welche Bildungsbereiche (oder Lernfelder) werden berührt?
  • Trägt diese Situation ausreichend dazu bei, dass das Kind seinen Interessen nachgehen kann?

Dabei ist das Ziel, die individuellen Lernprozesse des Kindes zu verstehen und den Raum und die Materialien daraufhin zu überprüfen, ob sie dem Kind ausreichend Anregungen zur Verfügung stellen.

4. Der Austausch mit den Kolleginnen

Der Austausch im Team ist ein wichtiger Schritt zu Ergänzung der Beobachtungen. Vielleicht ist einer Kollegin etwas Ähnliches aufgefallen? Zieht sich ein roter Faden durch die Beobachtung, die andere bestätigen können? Hier dient das Team als Ergänzung und kann gemeinsam Handlungsschritte für die Begleitung des Kinder erarbeiten.

5. Verfassen der Lerngeschichte

Nun folgt das Verfassen der Lerngeschichte, in der Regel in Form eines Briefes an das Kind. Wichtig ist: Die Lerngeschichte soll Wertschätzung transportieren und für das Kind selbst verständlich sein. Die Bildungs- und Lerngeschichten sind besonders gut für die Arbeit mit unter Dreijährigen geeignet, denn sie können auch in nicht-schriftlicher Form dokumentiert sein, z.B. als Fotoserie oder als Lied.

Literatur:
Leu, Hans Rudol u.a.: Bildungsprozesse in früher Kindheit beobachten, dokumentieren und unterstützen. verlag das netz

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