Als ich jünger war, kinderlos und fachlich sehr gut aufgestellt, fand ich es zutiefst unfair. Oft waren es Momente, in denen man bei Eltern etwas Unbequemes ansprechen musste. Also nichts Dramatisches, nur so was wie, dass der 5-jährige Mats endlich lernt, sich selbst umzuziehen. Spätestens dann kommt sie, leicht patzig vorgetragen, diese eine Frage: „Haben SIE denn überhaupt Kinder?“ Sachlich völlig irrelevant, emotional aber ein Rettungsring auf hoher See. Die Fachlichkeit steht vor dem Aus, die Biografie übernimmt das Gespräch. Damals dachte ich: Was bitte hat mein Lebensentwurf mit meiner Fachlichkeit zu tun? Und ich hatte recht. Absolut.
Heute bin ich älter. Und Mutter. Und weiß inzwischen: Diese Frage ist kein Gegenangriff, keine Offensive, sie ist ein Schrei nach Mitgefühl. Natürlich sind kinderlose Fachkräfte nicht weniger empathisch, nicht weniger kompetent, nicht weniger professionell. Im Gegenteil: Viele bringen eine Klarheit, eine Präsenz und eine Reflexionsfähigkeit mit, die beeindruckend ist. Sie sind nicht müde vom eigenen Alltag. Sie können zuhören, ohne innerlich ihre Einkaufsliste zu schreiben. Sie sind fachlich oft sehr präzise. Sie rutschen nicht plötzlich in die emotionale Bärenfalle, in der es so schwierig wird, beim Thema zu bleiben, Veränderungen anzustoßen und Klarheit von den Eltern einzufordern.
Trotzdem stimmt auch das andere: Elternschaft verändert den Blick. Nicht auf Kinder, sondern auf Eltern. Auf diese Mischung aus Liebe, Überforderung, Schuldgefühlen und dem ständigen Gefühl, etwas falsch zu machen, während man gleichzeitig alles gibt.
Das zu wissen, heißt aber nicht, dass man es besser macht. Es heißt nur: Man versteht manches schneller und ist manchmal ein bisschen gnädiger. Man versteht, warum nicht jeder Schnupfen bis zum letzten Schnött zu Hause auskuriert werden kann. Problematisch wird es erst dann, wenn aus diesem Verständnis ein unausgesprochener Maßstab wird. Wenn Nähe mit Kompetenz verwechselt wird. Oder Erfahrung mit Elternschaft mehr zählt als fachliche Professionalität.
Gute pädagogische Arbeit entsteht nicht aus dem eigenen Lebenslauf. Sie entsteht aus Haltung, Reflexion und der Bereitschaft, Perspektiven zu wechseln. Man kann Kinder haben und trotzdem schlechte Gespräche führen. Man kann kinderlos sein und Familien hervorragend begleiten. Vielleicht wäre es deshalb hilfreich, mehr darüber zu sprechen, wie wir als Teams unterschiedliche Erfahrungen nutzen können. Die einen bringen Fachlichkeit ohne private Verstrickung ein. Die anderen die Erkenntnis, dass Theorie nachts um 3.30 Uhr manchmal erstaunlich leise wird. Beides ist wertvoll und beides darf gleichzeitig wahr sein. Diese Erkenntnis hilft. Genauso wie ein schneller Powernap in der Mittagspause.