13. – 15. JahrhundertSechs große Franziskaner

Naturforscher, Weltreisende, Philosophen und Kirchenfürsten: Der Franziskanerorden bringt Persönlichkeiten hervor, die Europas Geschichte weit über die Klostermauern hinaus prägen.

Das Gemälde zeigt einen Mönch, der mit einem Fernglas nach oben schaut
Blick ins Universum: Roger Bacon mit einem frühen Fernglas in seinem Observatorium in Oxford. Gemälde von Ernest Board um 1912.© Wikimedia/Fæ

Roger Bacon: Der Gelehrte, der das Licht verstehen will
Oxford im 13. Jahrhundert: Während die Universitäten Europas von der Scholastik geprägt sind, sitzt ein Franziskanermönch über Linsen, Lichtstrahlen und arabischen Handschriften. Roger Bacon ist einer der ungewöhnlichsten Gelehrten des Mittelalters – ein Mann, der die Welt verstehen will. Bacon wird um 1214 in England geboren und studiert in Oxford sowie vermutlich in Paris. Dort begegnet er den Schriften des Aristoteles, aber auch dem Wissen arabischer Gelehrter, das über Spanien und Sizilien nach Europa gelangt. Während viele Theologen vor allem über Gott diskutieren, interessiert Bacon sich für Mathematik, Astronomie und Optik sowie für Alchemie. Er untersucht, wie Licht gebrochen wird, experimentiert mit Spiegeln und spekuliert über optische Instrumente, mit denen entfernte Objekte vergrößert erscheinen können.

Unablässig beschäftigt ihn die Frage, wie das menschliche Auge funktioniert. In seinen Schriften beschreibt er vergrößernde Linsen so präzise, dass manche Historiker ihn für einen Wegbereiter der Brille halten. Nur wenige Jahrzehnte später entstehen in Norditalien die ersten nachweisbaren Brillen Europas. Doch Bacon ist unbequem. Er kritisiert die geistige Trägheit vieler Universitäten und fordert, Gelehrte müssten Sprachen lernen, besonders Arabisch, selbst beobachten und Naturphänomene prüfen. Damit eckt er selbst in seinem Franziskanerorden an. Zeitweise wird seine Arbeit innerhalb des Ordens behindert; möglicherweise muss er sogar in Haft. Der Vorwurf: zu eigenwillig, zu experimentierfreudig, womöglich zu gefährlich.

Sein Hauptwerk »Opus maius« schickt er 1267 an Papst Clemens IV., der ihm Gehör schenkt. Darin entwirft Bacon nichts Geringeres als ein neues Verständnis von Wissen. Er fordert Bildung, Sprachkenntnisse, Mathematik und empirische Forschung. Zugleich bleibt er tief religiös. Für ihn widersprechen sich Glaube und Wissenschaft nicht. Die Natur sei vielmehr Gottes Werk und deshalb erforschbar. Als Roger Bacon um 1292 stirbt, ist er eine Randfigur seiner Zeit geblieben. Erst Historiker erkennen in ihm einen frühen Vordenker wissenschaftlicher Methodik. 

 

Wilhelm von Rubruk: Der Franziskaner im Land der Mongolen
Seine Reise beginnt 1253: Im Auftrag des französischen Königs Ludwig IX. dringt der Franziskaner Wilhelm von Rubruk tief in das mongolische Weltreich vor – weiter als fast jeder andere Europäer seiner Zeit. Das Mongolenreich erschüttert damals die Welt. Von China bis Osteuropa haben die Reiterheere der Khane riesige Territorien unterworfen. Wilhelm von Rubruk, geboren zwischen 1215 und 1220, reist über Konstantinopel durch die Steppen Zentralasiens. Das Leben der Mongolen beschreibt er erstaunlich genau: ihre Jurten, ihre Pferde, ihre Trinkgewohnheiten und auch ihre strenge Ordnung.

Er staunt über religiöse Offenheit am Hof des Großkhans, aber auch über die Brutalität der mongolischen Herrschaft. In der Hauptstadt Karakorum begegnet er Christen, Muslimen, Buddhisten und Schamanen. Für einen Europäer des 13. Jahrhunderts wirkt dieses Reich unfassbar vielfältig. Die Mongolen begegnen ihm mit kühler Überlegenheit. Der Franziskaner muss lernen, dass Europa aus mongolischer Sicht ein entfernter Rand der Welt ist.

Die Reise ist hart, Hunger, Kälte und Erschöpfung begleiten ihn. Dennoch schreibt Wilhelm präziser als berühmtere Reisende nach ihm. Viele Historiker halten seine Schilderungen für zuverlässiger als jene Marco Polos. Nach seiner Rückkehr verfasst er das »Itinerarium«, einen Reisebericht für Ludwig IX. Das Werk vermittelt ein recht realistisches Bild Zentralasiens sowie Wissen über China. Rubruk zeigt, dass es jenseits der bekannten Welt hoch entwickelte Kulturen gibt, und erweitert so den Horizont Europas. Er starb um 1270.

Die mittelalterliche Darstellung zeigt zwei Mönche in braunen Kutten auf Wanderschaft
Zwei Franziskaner: Illustration aus Rubruks Buch »Itinerarium« aus dem 14. Jahrhundert. © Wikimedia/Aa77zz

 

Ramon Llull: Der Mann, der Gott logisch beweisen will
Mallorca im 13. Jahrhundert: Händler, Pilger und Gelehrte aus drei Religionen begegnen sich auf den Straßen von Palma. Christen, Juden und Muslime prägen das Leben der Insel. Hier wächst Ramon Llull auf und entwickelt sich zu einem der außergewöhnlichsten Denker des Mittelalters. Llull, geboren um 1232, stammt aus einer wohlhabenden Familie, bewegt sich am Hof des Königs von Mallorca und schreibt Liebeslyrik, bis er wegen einer Vision des gekreuzigten Christus seine Karriere aufgibt und sich fortan dem Glauben und dem Studium widmet.

Er lernt Arabisch, beschäftigt sich mit islamischer Philosophie und entwickelt eine kühne Idee: Er will die Wahrheit des Christentums logisch beweisen. Dafür entwirft er das komplexe Denksystem »Ars Magna« (Große Kunst). Mit Kreisen, Buchstaben und Kombinationen will er die Grundprinzipien allen Wissens sichtbar machen. Manche sehen darin einen Vorläufer moderner Logik, sogar der Informatik. Um 1295 schloss sich Llull dem Dritten Orden des heiligen Franziskus an. Unermüdlich reist er, spricht vor Königen, Päpsten und an Universitäten, wirbt für Missionsschulen und fordert, Missionare müssten die Sprachen anderer Kulturen lernen. Damit ist er seiner Zeit voraus. Während das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen oft konfliktreich ist, setzt er sich intensiv mit ihrer Philosophie auseinander. Zugleich bleibt er kompromisslos überzeugt von der Wahrheit seines Glaubens.

Sein Werk ist gigantisch. Mehr als 250 Schriften werden ihm zugeschrieben: philosophische Abhandlungen, Gedichte und mystische Texte. Am Ende zieht es ihn nach Nordafrika. Dort will er öffentlich über den Glauben disputieren. Spätere Überlieferungen berichten, Llull sei 1314 in Nordafrika nach einer Glaubensdisputation angegriffen worden und an den Folgen gestorben. Ob das stimmt, bleibt unsicher – doch die Legende passt zu einem Mann, der nie aufhört, Grenzen zu überschreiten. Ramon Llull verbindet Mystik, Wissenschaft und Mission auf einzigartige Weise. Mit neuen Methoden versucht er, Wissen, Glauben und Philosophie in einem umfassenden Denkmodell zusammenzuführen.

Das Gemälde zeigt einen alten Mann mit Bart, der geradeaus schaut. In der Hand hält er viele Zettel
Eine gedankenzerfurchte Stirn, ein skeptischer Blick und in der Hand lauter Zettel: der Philosoph und Theologe Ramon Llull. Bild um 1620. © Wikimedia/Enrique Cordero


William von Ockham: Der Denker mit dem Rasiermesser
Ein Franziskanermönch sitzt im 14. Jahrhundert über theologischen Texten und formuliert einen Satz, der bis heute Forscher prägt. Sinngemäß lautet er: »Man soll nichts komplizierter erklären als nötig.« Dieser Gedanke geht als »Ockhams Rasiermesser« in die Geschichte ein. William von Ockham wird um 1287 in England geboren, studiert in Oxford und entwickelt sich rasch zu einem der großen Philosophen seiner Zeit. Seine Gedanken lösen heftige Konflikte aus – an den Universitäten und in der Kirche. Ockham zweifelt an vielen Gedankengebäuden der Scholastik. Für ihn existieren Begriffe wie »Menschheit« oder »Güte« nicht als eigene Wesenheiten. Für ihn existieren nur einzelne Dinge und Menschen. So lenkt er den Blick stärker auf die konkrete Wirklichkeit.

Berühmt wird Ockham durch seinen Streit mit dem Papst. Als Franziskaner verteidigt er die Idee radikaler Armut und gerät damit in Konflikt mit Johannes XXII. Gegen Ockham wird ein Verfahren wegen mutmaßlicher Häresie eingeleitet. Er findet Schutz bei Kaiser Ludwig dem Bayern, den er fortan gegen das Papsttum verteidigt. In seinen politischen Schriften begrenzt Ockham die Ansprüche des Papsttums und betont die Eigenständigkeit weltlicher Herrschaft. Der Papst, argumentiert er, dürfe nicht uneingeschränkt über Könige herrschen. Damit greift er die mittelalterliche Ordnung an – und beeinflusst für lange Zeit politische Theorien über Macht und Staat. Ockham stirbt 1347 in München. Zuletzt verfasste er dort kirchenkritische Texte, in denen er den Abfall der Päpste vom Evangelium beweisen wollte. Wie Franziskus ging es ihm um die Armut.

Literaturfreunde kennen Ockham oft indirekt: Umberto Eco nahm ihn als Vorbild für die Figur William von Baskerville in seinem Bestseller »Der Name der Rose«. Wie Ockham verbindet auch Ecos Ermittler Scharfsinn, Skepsis und analytisches Denken. 

Das Buntglasfenster zeigt einen Mönch in dunkler Kutte
Wilhelm von Ockham auf einem Buntglasfenster in der All-Saints-Kirche in Ockham (Südosten von England). © Wikimedia/Moscarlop


Francesco della Rovere: Der Papst liebt Kunst und politische Intrigen
Als Francesco della Rovere 1471 zum Papst gewählt wird, beginnt eines der schillerndsten Pontifikate der Renaissance. Der Sohn einer ligurischen Familie steigt als Sixtus IV. an die Spitze der Kirche auf und verwandelt Rom in eine Bühne päpstlicher Macht. Zuvor war er Generalminister des Franziskanerordens. Kaum im Amt des Papstes, zeigt sich sein Ehrgeiz. Sixtus IV. fördert seine Verwandten in einem Ausmaß, das selbst für die Renaissance auffällt. Neffen erhalten hohe Ämter, einer wird Kardinal, andere steigen zu Fürsten auf. Der Begriff Nepotismus (Vetternwirtschaft) wird mit seiner Herrschaft sprichwörtlich. Gleichzeitig prägt Sixtus IV. das Stadtbild Roms. Er lässt Straßen erneuern und Kirchen restaurieren. Sein berühmtestes Vermächtnis entsteht im Vatikan: die Sixtinische Kapelle. Künstler wie Botticelli, Perugino und Ghirlandaio schmücken die Wände mit monumentalen Fresken. Später schafft Michelangelo dort das weltberühmte Deckengemälde.

Hinter der Kunst steht Machtpolitik. Italien ist ein Flickenteppich rivalisierender Staaten. Der Papst mischt sich in Bündnisse und Kriege ein. Berüchtigt wird die Pazzi-Verschwörung gegen die Medici in Florenz. Gegner werfen Sixtus vor, zumindest von den Mordplänen gegen Lorenzo de’ Medici gewusst zu haben. 1478 genehmigt Sixtus die Spanische Inquisition auf Wunsch der katholischen Könige Ferdinand und Isabella. Zwar versucht er später teilweise, deren Exzesse einzudämmen, doch der Beschluss markiert einen Wendepunkt europäischer Religionspolitik.

Sixtus bewegt sich zwischen Humanismus und Härte, Kunstförderung und Machtkalkül. Als er 1484 mit 70 Jahren stirbt, hinterlässt er ein verändertes Rom. Die Stadt steigt wieder zum Zentrum europäischer Kunst auf. Gleichzeitig wächst die Kritik an der moralischen Verweltlichung des Papsttums – ein Prozess, der wenige Jahrzehnte später in die von Deutschland ausgehende Reformation mündet.

Gemälde mit Papst Sixtus IV.
Renaissance-Porträt von Papst Sixtus IV. © Wikimedia/Stv26

 

Francisco Jiménez de Cisneros: Der eiserne Kardinal Spaniens
Als Beichtvater der Königin beginnt Francisco Jiménez de Cisneros seinen Aufstieg – und wird zu einem der mächtigsten Männer Spaniens. Kardinal, Großinquisitor, Staatsmann und Kirchenreformer: Kaum jemand prägt das Spanien an der Schwelle zur Neuzeit stärker als er. Cisneros, geboren 1436 in Kastilien, schlägt zunächst eine kirchliche Laufbahn ein. Lange lebt er vergleichsweise unscheinbar. Erst 1484 tritt er in den Franziskanerorden ein und lebt mehrere Jahre in strenger Askese. Diese Strenge beeindruckt Königin Isabella von Kastilien, die ihn zu ihrem Beichtvater macht.

Von nun an steigt Cisneros rasant auf. Er reformiert Klöster, verlangt Disziplin vom Klerus und bekämpft Korruption innerhalb der Kirche. Gleichzeitig unterstützt er kompromisslos die religiöse Vereinheitlichung Spaniens. Im Zuge der Reconquista fällt 1492 die Stadt Granada, das letzte muslimische Emirat der Iberischen Halbinsel. Spanien versteht sich nun als katholische Großmacht. Cisneros treibt die Christianisierung ehemaliger Muslime voran. Während andere Kirchenvertreter zunächst auf Überzeugung setzen, drängt Cisneros auf schärfere Maßnahmen. Als Großinquisitor steht er für religiöse Kontrolle. Die Spanische Inquisition überwacht insbesondere konvertierte Juden und Muslime sowie deren Nachkommen. Er sieht sich selbst als Verteidiger der religiösen Einheit seines Reiches.

Gleichzeitig ist er ein bedeutender Förderer von Bildung und Gelehrsamkeit. In Alcalá de Henares gründet er eine neue Universität, die zu einem Zentrum humanistischer Forschung wird. Dort entsteht die berühmte »Complutensische Polyglotte«, eine wissenschaftliche Ausgabe der Bibel in mehreren Sprachen: auf Latein, Hebräisch und Griechisch. Cisneros verbindet damit zwei Seiten seiner Epoche: intellektuelle Erneuerung und religiöse Härte. Er fördert Gelehrsamkeit und kontrolliert zugleich das Denken. 1507 wird er zum Kardinal ernannt. Nach dem Tod des Königs Ferdinand von Aragón übernimmt Cisneros zeitweise sogar die Regentschaft Spaniens. Als er 1517 stirbt, beginnt der Aufstieg des Landes zur Weltmacht.

Das Gemälde zeigt den sitzenden Kardinal, wie er nach rechts schaut auf eine Schlacht
Von Askese geprägt: Kardinal Cisneros. Im Hintergrund tobt die Eroberung der nordafrikanischen Hafenstadt Oran, die er 1509 mit organisierte. © Wikimedia/Raimundo Pastor

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