Interview»Ich hatte Angst, weil es so schrecklich war«

Der Fußballkommentator Marcel Reif erzählt von seiner jüdischen Familie im Holocaust, dem aktuellen Antisemitismus und warum er sich in den 1970ern wegen seines zweiten Vornamens sorgte.

Porträtaufnahme von Marcel Reif. Ein Mann mit grauem Haar und Brille.
Marcel Reif kam 1949 in Polen zur Welt. Seine jüdischen Großeltern väterlicherseits wurden wie viele weitere Verwandte von den Nationalsozialisten ermordet. Reif erlangte Berühmtheit als Sportjournalist und TV-Kommentator. Legendär ist etwa seine Moderation mit Günther Jauch beim Champions-League-Spiel Real Madrid gegen Dortmund 1998, als sich wegen eines umgefallenen Tors der Spiel­beginn um 76 Minuten verzögerte. 2024 hielt Reif zur Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus eine viel beachtete Rede im Bundestag.© Wikimedia/Raimond Spekking

G /GESCHICHTE: Sie werden seit Ihrer Bundestagsrede zum Holocaust-Gedenktag 2024 als historischer Zeitzeuge wahrgenommen. Angeblich haben Sie vorher gezögert, die Rede zu halten.
Marcel Reif: Das ist völlig korrekt, weil ich keine Figur der Geschichte bin, sondern nur der Sohn, also Vertreter der nächsten Generation. Am Ende habe ich mich überzeugen lassen, als man mir gesagt hat, dass ich dabei nicht für, aber über meinen Vater spreche. Die zweite Generation muss das Wort ergreifen, weil die erste Generation bald nicht mehr da ist. Es gibt den Spruch: »Menschen sind erst tot, wenn man sie vergessen hat.« Und ich vergesse meinen Vater nicht. Insofern ist es meine Aufgabe, eine Geschichte fortzuschreiben und an die nächsten Generationen weiterzugeben.

Sie haben die Schirmherrschaft für den History-Award übernommen, der sich an Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen wendet. Sind Sie optimistisch oder eher pessimistisch, dass sich die künftigen Generationen genügend mit der Geschichte – speziell dem Holocaust – auseinandersetzen?
Ich halte es für normal, dass Heranwachsende sagen: Wo ist die Verbindung zu meiner Biografie? Es geht da­rum, aus der Geschichte für die Gegenwart Konsequenzen zu ziehen, speziell auch was das Thema Antisemitismus angeht. Zugegebenermaßen bin ich nicht sehr optimistisch, ob dieses Bewusstsein noch genügend vorhanden ist. Andererseits ändert mein Optimismus oder Pessimismus nichts da­ran. Ich kann nicht aussteigen, sondern muss versuchen, junge Menschen anzusprechen. Und ich merke, dass sie mir zuhören, wenn ich mit ihnen an einem Tisch oder in einer Schulhalle sitze. Und das ist der erste Schritt. 

Was für Botschaften vermitteln Sie denn bei solchen Gesprächen? 
Ich sage: Niemand kann euch für das verantwortlich machen, was war. Aber wenn es sich wiederholt, ist jeder von euch schuldig. Ich habe den Eindruck, dass das durchaus verstanden wird. 

Wie ist das bei Ihren Kindern, die ja längst erwachsen sind? 
Mein 48-jähriger Sohn hat seinen Großvater noch erlebt. Um den muss ich mir keine Gedanken machen. Seine Kinder, also meine Enkel, waren bei der Rede im Bundestag mit dabei. Und meine jüngeren Kinder, die sind 25 und 22, waren beide auf der internationalen Schule in Zürich. Da haben sie gelernt, dass die Welt nicht aus dem eigenen Nabel besteht, sondern dass es alle möglichen Ethnien gibt und dass die wunderbare Freunde sein können.  

Eine grimmig guckende Demonstrantin hält einen Regenschirm und ein Schild mit der Aufschrift "Sei ein Mensch"
Foto einer Demonstration in Berlin wenige Tage nach Reifs Bundestagsrede. Die Worte »Sei ein Mensch«, mit denen er seinen Vater in der Rede zitierte, wurden 2024 zum Satz des Jahres gekürt. © Getty/Sean Gallup

Sie haben in Ihrer Kindheit ein Jahr in Tel Aviv gelebt. Was für Eindrücke haben sich da festgeprägt?
Es war ein großes Abenteuer, denn Mitte der 1950er war eben Tel Aviv noch nicht wie heute. Ich war der kleine Junge im Orient. Israel, wo noch eine Verwandte von mir lebt, ist ein Land, das mir viel bedeutet. Es steckt in meinem Herzen. Ich kann mich an die Luft, den Geruch, an die Geräusche erinnern. Ich kann mich auch kritisch über das Land unterhalten. Aber wenn jemand Israel-Kritik und Antisemitismus vermischt, ist für mich ein Gespräch mit dieser Person unmöglich. 

Viele Ihrer Verwandten wurden im Holocaust ermordet, Ihr Vater wurde in letzter Sekunde gerettet. Haben Sie versucht, sich in das hineinzuversetzen, was die Mitglieder Ihrer Familie durchmachen mussten? 
Nein, das war völlig unmöglich. Ich wollte das auch nicht hören. Ich hatte Angst, dass ich das nicht erfassen kann, weil es so schrecklich war. Das war ja der Grund, warum ich meinen Vater nicht gefragt habe. Vielleicht hätte er ja erzählt. Aber so bin ich dankbar für ein Leben, das mir da nichts abverlangt hat. 

Zwei Männer mit dunklem Haar. Marcel Reif stützt seinen Ellenbogen auf der Schulter seines Vaters ab und lächelt in die Kamera
Marcel Reif (li.) und sein Vater Leon. © Marcel Reif

Sie waren sich aber schon bewusst, was der Holocaust bedeutet hat? 
Natürlich. Ich wusste, warum ich keine Großeltern hatte. Aber ich habe mich erst intensiv mit der Geschichte meines Vaters befasst, als ich für meine Autobiografie »Nachspielzeit« (Kiwi 2025, € 14,–, Anm. d. Redaktion) ein paar Informationen brauchte. Da habe ich mich mit meiner Mutter hingesetzt, und die hat mir drei Tage lang erzählt. Da waren Dinge dabei, die ich lieber nicht gehört hätte, aber ich musste und wollte sie auch hören. 

Mehrere Kinder stehen hinter einem Stacheldrahtzaun und schauen traurig
Sie überlebten den Holocaust: Jüdische Kinder bei der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee. © Wikimedia/United States Holocaust Memorial Museum/Alexander Voronzow and others ordered by Mikhael Oschurkow

Als Reporter hatten Sie es mit den großen Egos berühmter Sportler zu tun. Konnten die Sie überhaupt noch beeindrucken, mit so einer Familien­geschichte wie der Ihren?
Ich hatte vielleicht einen entspannteren Zugang zu diesen Menschen. Aber Egos beeindrucken mich grundsätzlich nicht so sehr. Vielleicht hat das indirekt mit meiner Geschichte und der meines Vaters zu tun, weil ich mir bewusst war: Ich habe so viel Schlimmeres gehört. 

Da Ihre Mutter nicht jüdisch war, sind Sie offiziell selbst kein Jude. Haben Sie je mit dem Gedanken gespielt, zu konvertieren? 
Nein, weil ich mich weder katholisch noch jüdisch gefühlt habe. Glaube ist mir nicht gegeben. Und ich neige nicht dazu, mich Vereinen anzuschließen und Ritualen nachzugehen. 

Man könnte sagen, dass Fußball eine Ersatzreligion ist. Warum hat er Ihr Leben so sehr geprägt? 
Das habe ich auch meinem Vater zu verdanken. Denn als wir noch in Warschau lebten, hat er mich – da war ich vier oder fünf – zum Fußball mitgenommen. Vom ersten Spiel an war ich fasziniert. Und wie ich dann als Jugendlicher beim 1. FC Kaiserslautern spielte, hat er viele Spiele von mir besucht. 

Fußball sollte ja der Völkerverständigung dienen. Aber seit dem 7. Oktober 2023 werden Menschen, die sich positiv oder differenziert über Israel und das Judentum äußern, mit viel Anfeindung konfrontiert. Wie erleben Sie das? 
Zum Glück erlebe ich es nicht persönlich. Ich werde mich wehren können, wenn es je so wäre. Allerdings sehe ich natürlich, was derzeit geschieht. Ich sehe, wie der Antisemitismus um sich greift und was auf deutschen Straßen passiert, und höre, welche Dinge in der Öffentlichkeit gesagt werden. Und niemand greift ein. Das macht mich traurig, wütend und bereitet mir die größten Sorgen. 

Sie sind als Marek Nathan Reif geboren, haben den Namen Nathan aber aus Ihrem Pass streichen lassen. Wollen Sie den nicht wieder einfügen? 
Nein, denn ich muss damit keine Zeichen setzen. Dann müsste ich wieder den Pass umschreiben lassen. Das war damals keine Entscheidung gegen meine jüdischen Wurzeln. Aber ich bin in den 1970ern viel geflogen – in einer Zeit, als die PLO anfing, Flugzeuge in die Wüste zu entführen oder hochzujagen. Und ich hatte keine Lust, vorzutreten, wenn der Kamerad im Palästinensertuch sagen würde: »Wer von euch ist dieser Nathan?« Sie können das feige nennen, aber ich war jung, und für mich war es auch nicht wichtig. Ich fühle mich nicht mehr oder weniger jüdisch, wenn Nathan im Pass steht oder nicht. Ich muss auch noch eines betonen: Mir geht es nicht speziell um jüdisches Leben in Deutschland. Ich ­möchte ein deutsches Leben, zu dem jüdisches Leben ganz normal dazugehört – wie jedes andere Leben. Ich möchte in einem Land leben, wo ich Minderheiten nicht eigens schützen muss. Wenn das notwendig wird oder nicht ausreichend getan wird, dann ist es katastrophal um dieses Land bestellt. Und ich gebe ein Interview wie dieses, um das noch einmal zu betonen. 

 

Die Rede von Marcel Reif im Bundestag 2024 auf Youtube:

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