G /GESCHICHTE: Wie präsent sind Ihnen die Attentate von 2001?
Elmar Theveßen: Sie sind mir noch nah. Vieles von dem, was derzeit in den USA und weltweit geschieht, ist daraus hervorgegangen. Am 11. September erlebte das vermeintlich unverwundbare Amerika eine tiefe Ohnmacht. Daraus entwickelte sich das Gefühl, dass alles erlaubt sei: Regeln wurden gebrochen und einem Präsidenten freie Hand gegeben. Die Folgen erleben wir bis heute.
Nach Jahren in den USA waren Sie im Sommer 2001 gerade wieder in Deutschland. Welche Erinnerungen haben Sie an den 11. 9., in Amerika 9/11 genannt, als kurz hintereinander vier entführte Passagierflugzeuge in Gebäude schlugen oder abstürzten?
Ich saß mit Kollegen im Schnitt und arbeitete für »Frontal 21« an einem Enthüllungsbericht über Rudolf Scharping, den damaligen Verteidigungsminister. Plötzlich ging die Tür auf und jemand fragte, was wir eigentlich machten. Kurz darauf wurde ich per Flugzeug in die ZDF-Zentrale nach Mainz geholt, weil ich mich bereits intensiv mit Terrorismus und Al‑Qaida beschäftigt
hatte.
"Durch meine Recherchen wusste ich, wie monströs die Pläne von Al‑Qaida waren"
Waren Sie froh, dass Sie nicht mehr in Amerika waren?
Ja, das war ich. Wir hatten fünf Jahre mit der Familie in den USA gelebt, zwei unserer Kinder sind dort geboren worden. Von Bekannten in den USA erfuhren wir, in welcher Angst sie lebten. Jemand aus unserer früheren Nachbarschaft war an Bord des Flugzeugs gewesen, das ins Pentagon gesteuert wurde. Ich kannte die Person zwar nicht, aber es berührte mich sehr.
Waren Sie überrascht von den Attentaten?
Vom Ausmaß ja, aber sonst nicht. Mein erster Gedanke war: Sie haben es geschafft. Durch meine Recherchen wusste ich, wie monströs die Pläne von Al‑Qaida waren. Später zeigte sich, dass es zahlreiche, eindeutige Hinweise gegeben hatte, aber die US‑Regierung unter George W. Bush hatte sie fahrlässig ignoriert. Mit 9/11 erfüllte sich, was die Islamisten lange geplant hatten: den USA ein Gefühl absoluter Ohnmacht beizubringen.
New York, 11. September, 8:46 Uhr: Das Flugzeug American Airlines Flug 11 trifft den Nordturm des World Trade Centers.
© Wikimedia/Enginemen/Wolfgang Staehle
Dabei hatte es schon zuvor islamistische Attentate gegeben, etwa 1998 auf zwei US-Botschaften in Afrika.
Seit diesen Anschlägen war mir klar, dass sich etwas Gefährliches abzeichnet. Unsere Recherchen ergaben, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Deutschland gesammelte Gelder zur Vorbereitung der Anschläge in Kenia und Tansania genutzt worden waren. Danach gab es weitere Attentate, darunter auf die USS Cole im Jahr 2000. Umso unverständlicher ist es, dass die US‑Sicherheitsbehörden das Risiko unterschätzten.
Der US-Politikwissenschaftler Samuel Huntington sprach früh von einem Kampf der Kulturen. Belegen die Attentate seine These?
Es war kein Konflikt zwischen Religionen, sondern ein Kampf aus der Perspektive derer, die sich als Opfer einer Weltpolitik sahen. Das rechtfertigt nichts, aber es erklärt, wie aus einem Gefühl der Ohnmacht gegenüber einer als ungerecht empfundenen westlichen Politik diese Wut entstehen konnte. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy hat das eindrücklich beschrieben: Ihr zufolge waren die Attentate eine Folge jahrzehntelanger amerikanischer Kanonenboot-Diplomatie. Und diejenigen, die sich für die Herren der Welt hielten – Europa eingeschlossen –, hatten das völlig unterschätzt.
"Kleine Gruppen haben immer wieder Systeme zu Fall gebracht"
Barack Obama hat den Terrorismus als Nebenwirkung der Globalisierung bezeichnet. Trifft es das?
Das spielt eine zentrale Rolle, wobei die Globalisierung auch in Europa und den USA viele Verlierer hervorgebracht hat. Der Verlust von Perspektiven hat einen Zorn erzeugt, den heute rechtspopulistische Bewegungen nutzen, um das System von innen heraus infrage zu stellen. Diese falsch gestaltete Globalisierung bereitete also den Boden für Radikalisierung und Terrorismus.
Wo sehen Sie die Wurzeln des islamischen Radikalismus?
Kleine Gruppen haben immer wieder Systeme zu Fall gebracht. Dem Anthropologen Scott Atran zufolge funktionierten Al‑Qaida oder später der IS nach ähnlichen Mustern wie umstürzlerische Bewegungen während der Französischen Revolution. Geschichte wiederholt sich hierin: Diejenigen, die sich für unverwundbar halten, stehen plötzlich am Abgrund. Seit 9/11 ist unser nach dem Zweiten Weltkrieg errichtetes regelbasiertes Ordnungssystem anfälliger geworden. Und es wird nun ausgerechnet durch dessen Erbauer, die USA, gefährdet.
Schockmoment: Das zweite Passagierflugzeug schlägt am 11. September 2001 in das World Trade Center in New York ein, jetzt in den Südturm.
© Wikimedia/MattWade/Robert J. Fisch
Wie sehr haben die Anschläge den Optimismus Amerikas erschüttert?
Sie sind das erste Glied in einer Kette großer Desillusionierungen, die zum Trumpismus geführt haben. Obamas Stabschef Rahm Emanuel sieht den Beginn im Irakkrieg von 2003. Dieser beruhte auf Lügen und löste bei vielen Amerikanern das Gefühl aus, von der Regierung verraten worden zu sein. Dazu kam, dass niemand für das Versagen vor 9/11 zur Verantwortung gezogen wurde. Später folgten weitere Enttäuschungen: die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise, die Pandemie. Aus all dem entstand die Bereitschaft, einem Systemsprenger wie Trump die Macht zu übertragen.
Über die Attentate kursieren Verschwörungsmythen. Welche sind weiterhin im Umlauf?
Es gibt zwei große Verschwörungserzählungen: »Let it happen on purpose«, also die Behauptung, die US‑Regierung habe Vorwissen gehabt und die Anschläge geschehen lassen, um harte Machtinstrumente zu legitimieren. Und »Make it happen on purpose«, wonach die CIA und andere direkt beteiligt gewesen seien. Beides halte ich für Unsinn. Aber aus dem Gefühl, der Regierung sei alles zuzutrauen, speisen sich neue Verschwörungen: von QAnon bis zu den Behauptungen, die jüngsten Anschläge auf Trump seien Täuschungsmanöver, um bestimmte Interessen durchzusetzen.
Befeuert Trump diese Mythen?
Dort, wo es ihm nützt, ja. Es reicht, dass er Zweifel und Verunsicherung erzeugt. So gewinnt er Macht über seine Anhänger. Und wer sich im Besitz einer absoluten Wahrheit wähnt, erklärt alle anderen zu Feinden.
Was war der größte Fehler?
Das fehlende Augenmaß. Statt Verhältnismäßigkeit war plötzlich alles erlaubt. Dabei untergruben die gewählten Mittel im Antiterrorkampf das eigene Wertesystem. Der Krieg gegen Al‑Qaida führte zu neuem Terrorismus, auch in Europa.
US-Präsident George W. Bush ruft neun Tage nach den Anschlägen zum »Krieg gegen den Terror« auf.
© Wikimedia/Eric Draper
Wie hätte man handeln sollen?
Der Westen hätte die Gerechtigkeit nicht aus dem Blick verlieren dürfen. Es gibt Menschen, die Terror ausüben, und es gibt Menschen, die ihm aus Perspektivlosigkeit folgen. Das muss man unterscheiden. Der Westen setzte auf harte Antiterrorpolitik, ohne zugleich Zukunftsperspektiven anzubieten. Ein Beispiel: Wenn die EU‑Fischfangflotten vor der Küste von Westafrika die Bestände leerfischen, verlieren die Menschen dort ihre Lebensgrundlage. Ihnen bleibt nur Flucht, Piraterie oder Terrorismus.
Osama bin Laden ist tot, der IS hat seinen Höhepunkt überschritten. Haben wir den islamischen Terrorismus im Griff?
Das würde ich bezweifeln. Die Struktur von Al‑Qaida mag zerschlagen sein, aber Hass und Wut auf den Westen bestehen fort. Zudem reichen einfache Mittel für Terroranschläge. Wir sehen heute eher Messerattacken als große Attentate mit Sprengsätzen. Gleichzeitig verstärken aktuelle Konflikte wie in Gaza oder im Iran die islamistischen Ideologien. Eine neue Terrorwelle ist vorstellbar.
25 Jahre nach 9/11: Wie beurteilen Sie die amerikanische Gedenkkultur?
Sie ist ausgeprägt. Zum 25. Jahrestag wird es in New York und Washington große Veranstaltungen geben, aber dabei stehen Heldenverehrung und der Antiterrorkampf im Zentrum. Es wird kaum hinterfragt, ob die Reaktionen nach 9/11 richtig waren. In der aktuellen US‑Politik zeigen sich die Folgen: Trump verletzt internationales Recht und missachtet damit die Lehren, die sein Land nach dem 11. September hätte ziehen müssen.