Interview"2006 betrieb Deutschland eine Art Nation Building"

Der Fußballsoziologe Tim Frohwein erzählt, wie die WM in Deutschland vor 20 Jahren zum Sommermärchen wurde. Über Party-Patriotismus und das Ende alter Feindbilder.

Porträtfoto: Ein mittelalter Mann lächelt in die Kamera
Tim Frohwein, geboren 1983, ist Soziologe und setzt sich seit gut 15 Jahren wissenschaftlich und journalistisch mit dem Fußball auseinander. Er hat unter anderem an der Ludwig-Maximilians-Universität gelehrt, ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur und setzt für die Philipp Lahm Stiftung gemeinnützige Projekte um. 2023 erschien in der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit sein Werk: »Probetraining. Eine Reise an die deutsche Fußball-Basis«. Dieses Jahr kam Frohweins jüngstes Buch heraus: »2006. Sommermärchen des Jahrhunderts«. Die Werkstatt, € 24,90© Michael Pointvogel

G /GESCHICHTE: In diesen Tagen beginnt die WM in den USA, Kanada und Mexiko, die bis zum 19. Juli dauert. Man darf gespannt sein, ob es ein rauschendes Fußballfest wird oder eine politische Propagandashow. Wenn Sie zurückdenken: Genau vor 20 Jahren fand in Deutschland das Sommermärchen statt. In der Erinnerung kam die Hochstimmung für alle überraschend, oder? 
Tim Frohwein: Man war darauf nicht vorbereitet. Im Jahr zuvor lieferte der Confed Cup einen Vorgeschmack: Trainer Klinsmann hatte einen neuen Spielstil entwickelt und landete mit der Mannschaft auf Platz drei. Aber danach klappte wenig. Es gab erhebliche Zweifel an seinen Methoden, Kritik an seinem großen Staff. Als das Team dann im März 2006 1:4 in Italien verlor und Klinsmann im Anschluss zu einem Workshop für die Trainer der WM-Teilnehmer nicht erschien, übte Beckenbauer scharfe Kritik an ihm. Hätte Klinsmann das nächste Testspiel gegen die USA verloren, wäre er geschasst worden. Aber er gewann es mit 4:1. 

Auch sonst gab es einige Kritik. 
Noch Monate zuvor gab es Zweifel an dem Ausrichter. Die Stiftung Warentest erklärte einige Stadien für nicht tauglich. Zudem überschattete rassistische Gewalt die Vorbereitung. Man fragte sich, ob Deutschland ein guter Gastgeber sein könne. Deshalb wirkte das 1:0 in der Vorrunde gegen Polen wie eine Befreiung. Das Spiel war zwar nicht souverän, aber voller Energie und guter Momente. Der Funke sprang aufs Publikum über.

Viele Sportturniere sind im kollektiven Gedächtnis längst vergessen. Wie kommt es, dass nicht auch die WM 2006 dieses Schicksal ereilte?  
Einen großen Anteil daran hat das Public Viewing. Das gab es zwar schon 2002 bei der WM in Japan und Südkorea, aber 2006 erreichte es eine neue Dimension. Erstmals strömten riesige Menschenmengen auf die Fanmeilen, darunter auffallend viele Frauen. Das Event zog die gesamte Gesellschaft an.

Viele Menschen mit wehenden Flaggen schauen auf eine große Leinwand
Die WM 2006 brachte Public Viewing in neuer Dimension. Hier sehen Tausende auf dem Dortmunder Friedensplatz die deutschen Spieler bei der Nationalhymne vor dem Achtelfinale gegen Schweden. © Mauritius/E.D. Torial/Alamy

Der Fußball wurde also zur Integrationsmaschine? 
Ich denke ja, zumal die deutsche Auswahl so viele migrantische Spieler im WM-Kader hatte wie nie zuvor: Podolski, Klose, Odonkor, Asamoah. Auf den Fanmeilen wehten deutsch‑türkische Fahnen, viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte fühlten sich angesprochen. Dazu passte Klinsmanns moderner Stil. 

Hatte nicht schon Nationaltrainer Rudi Völler einiges modernisiert? 
Er machte 2004 Lahm, Schweinsteiger und Podolski zu Nationalspielern, aber 2002, als man unter ihm bis ins WM-Finale vorstieß, stand die Nationalelf noch für den alten deutschen Fußball: hart, defensiv, getragen von Figuren wie Kahn, Ballack oder Ramelow. 2006 war das alles anders: ein anderes Team, anderer Stil, andere Identifikationsfiguren. 

2006 wurde in der Politik viel über den Begriff »Einwanderungsland« gesprochen. Sehen Sie einen Zusammenhang? 
Angela Merkel war die erste Kanzlerin, die Integration zur Chefsache machte. Sie holte erstmals eine Integrationsministerin ins Kanzleramt und setzte damit ein Signal. Kurz nach der WM organisierte sie den ersten Integrationsgipfel, an dem auch der DFB teilnahm. Das war ein Bruch mit früherer CDU‑Politik.

Der WM-Slogan hieß »Die Welt zu Gast bei Freunden«. 
Das war Teil einer großen Kampagne. 2006 betrieb Deutschland bewusst eine Art Nation Building (Nationenbildung, Anm. d. Red.). Andere Slogans hießen »Du bist Deutschland« und »Land der Ideen«: Sie sollten ein weltoffenes, modernes Land zeigen, und sie bereiteten den Boden dafür, dass »Die Welt zu Gast bei Freunden« funktionierte. Und nicht zu vergessen: Das Wetter spielte mit. Die WM wäre sicher anders gelaufen, wenn es nicht so sonnig und warm gewesen wäre, aber das Wetter hatte ja der Kaiser bestellt.

"Wir galten als offen, vielfältig, durchaus locker"

2006 steht auch für Deutschlandfahnen. Damals wurde das diskutiert.
Linke Medien wie die taz warnten vor einem neuen Nationalismus, liberalere wie die Süddeutsche deuteten die Fahnen als Teil der WM-Euphorie. Merkel und Bundespräsident Köhler blieben gelassen: Es gehe um Freude und Identifikation mit der Mannschaft, nicht um Nationalismus. Der Begriff »Party-Patriotismus« setzte sich durch. 

Herrschte nicht auch im Ausland zunächst Skepsis? 
Das Deutschlandbild war stark von den Weltkriegssymboliken geprägt, besonders die britische Presse spielte mit Stereotypen. Solange England im Turnier war, blieb der Ton rau. Danach hinterfragten sogar deren Boulevardmedien ihre Klischees. Nach dem Turnier war im Ausland plötzlich von einem »neuen Deutschland« die Rede. Wir galten als offen, vielfältig, durchaus locker. Für mich zeigt das: Deutschland kam mit Verzögerung im 21. Jahrhundert an. Zuletzt, bei der EM 2024, spielten nationale Klischees, die ihren Ursprung in den Weltkriegen haben, kaum eine Rolle mehr. 

Ist das nicht erstaunlich, schließlich sind heute nationalistische Parteien im Aufwind? 
Es gibt die These, dass das Fahnenschwenken von 2006 den Aufstieg der Rechten begünstigt hat. Mich überzeugt das nicht. Obwohl rechte Parteien mittlerweile stark sind, sah man bei den vergangenen Turnieren viel weniger Fahnen als beim Sommermärchen. Heute ist das Land gespaltener und die Symbolik komplexer. Das Sommermärchen war ein Moment gemeinsamer Freude, nicht der Beginn politischer Radikalisierung.

Kurz nach der WM kam Sönke Wortmanns »Sommermärchen« in die Kinos und hatte dort einen großen Zuschauer­erfolg.
Solche Dokus sind heute normal, aber damals war das völlig neu: Ein professioneller Filmemacher begleitet die Nationalelf und macht daraus ein emotionales Kinoereignis. Die Premiere wurde herbeigesehnt, auch von Menschen ohne Fußballbezug. Durch den Film konnten sie die Gefühle des Sommermärchens nochmal erleben. Für mich war der Film lange tabu, ich wollte meine eigenen Bilder nicht überlagern lassen.

 Donald Trump und Gianni Infantino im Oval Office
Der Chef des Weltfußballverbands Fifa, Gianni Infantino (Mitte), mit US-Präsident Donald Trump und dem WM-Pokal 2025 im Weißen Haus. © Wikimedia/RandomUserGuy1738

Wie sehr haben die Ermittlungen um die mutmaßlich gekaufte WM 2006 die Erinnerung an das Sommermärchen getrübt?
Es geht um 6,7 Millionen Euro, die offiziell als Zuschuss für eine große Eröffnungsgala gedacht waren, aber die Gala wurde abgesagt. Was mit dem Geld geschah, ist unklar. Schaut man sich andere WM‑Vergaben an, muss man leider sagen: 2006 lief schlicht nach den damals üblichen Mustern ab.

Für das Image des »Kaisers« Beckenbauer waren die Ermittlungen desaströs.
Sie beschädigten sein Bild. Erst nach seinem Tod stieg sein Ansehen wieder: Franz Beckenbauer wurde erneut zu jenem Menschen, der andere berührte. Trotz seiner Fehler bleibt seine Gesamtleistung beeindruckend.

Was hat Sie bei der Recherche für Ihr Buch am meisten überrascht?
Wie sehr 2006 ein Jahr eines großen Aufbruchs war: Es war das erste Regierungsjahr Angela Merkels, es gab wichtige Reformen und ein medialer Umbruch zeichnete sich ab – hin zu einer digitalen Welt. Nur ein Beispiel: Zidanes berüchtigter Kopfstoß gegen Materazzi im Endspiel gilt als erstes Sport-Meme der Geschichte. Internetnutzer auf der ganzen Welt hatten die Szene technisch verfremdet und ihre Bilder und Sequenzen über die Sozialen Medien, die damals noch etwas sehr Neues waren, geteilt.

"Die Mannschaft lebte von Teamgeist"

War es gut, dass Deutschland nur WM-Dritter wurde, vielleicht wäre uns sonst alles zu Kopf gestiegen?
Ein WM‑Titel wäre 2006 nicht verdient gewesen. Die Mannschaft lebte von Teamgeist, nicht von spielerischer Überlegenheit. So blieb die Erzählung des Aufbruchs offen und passte erstaunlich gut zu Merkels Reformrheto­rik: weiterarbeiten, Deutschland neu erfinden. 

Was bleibt vom Sommermärchen bis heute übrig?
Fußballerisch war 2006 ein Bruch. Klinsmann führte Psychologen, Fitnesstrainer, datenbasierte Trainingsmethoden und computergestützte Gegneranalysen ein. Vieles wurde zunächst bekrittelt, aber der Erfolg und die neue Spielweise machten diese Ansätze salonfähig und legten die Grundlage für Joachim Löws WM‑Titel 2014. 

Und politisch? 
Merkel nutzte die WM für ihre Re­formagenda: Elterngeld, Föderalismusreform, Antidiskriminierungsgesetz, all das wurde während des Turniers beschlossen oder im Bundestag verabschiedet. Sie stellte sich damals demonstrativ hinter Klinsmann, auch um sich selbst als Modernisiererin zu inszenieren.

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