Ein Schiffsarzt wacht auf und kann sich nicht bewegen. Winzige Seile fesseln Arme, Beine und Haare, während kaum handgroße Menschen über ihn klettern. Mit diesem Bild beginnt eine der berühmtesten Reisen der Literatur. Am 28. Oktober 1726 erscheint Jonathan Swifts »Gulliver's Travels« anonym in London. Die erste Auflage ist rasch vergriffen.
Ein Seitenhieb auf England
Lemuel Gulliver gelangt nach Liliput, wo Parteien über Schuhabsätze streiten und Kriege an der Frage entbrennen, an welchem Ende ein Ei aufzuschlagen sei. Später lebt er unter Riesen und besucht die schwebende Insel Laputa, die das Land unter sich ausbeutet – ein deutlicher Seitenhieb auf Englands Herrschaft über Irland.
Man lacht über die Liliputaner – bis man merkt, wer gemeint ist
Was später oft zum Kinderbuch gekürzt wird, ist gnadenlose Satire. Swift verspottet Parteikämpfe, höfische Karrieren, religiösen Fanatismus, koloniale Eroberungen und eine Wissenschaft, die sich in nutzlosen Projekten verliert. Der Verleger glättet heikle Stellen, doch die Leser erkennen die Spitzen trotzdem. Man lacht über die Liliputaner und merkt erst später, dass Swift eigentlich uns meint.