G/GESCHICHTE: Stonehenge ist so alt wie die Pyramiden in Ägypten. Warum gerade jetzt eine Ausstellung?
Dr. Heiner Schwarzberg: In den letzten Jahren sind eine Reihe an Forschungsprojekten gelaufen, die mit modernsten Methoden ein ganz neues Bild von Stonehenge vermitteln, weit weg von den hergebrachten Vorstellungen.
Was sind die wichtigsten Ergebnisse?
Wir kennen nun die verschiedenen Phasen und Funktionen der Anlage. Um 2500 v. Chr. entstand das Stonehenge, das wir heute kennen. Aber schon 500 Jahre davor wurde hier ein großer ringförmiger Wallgraben errichtet. Dieser ist heute noch zu sehen. An seiner Innenseite standen 56 bis 60 kleinere Steine – »kleiner« bedeutet bei Stonehenge bis zu vier Tonnen schwer. Wegen ihres bläulichen Schimmerns heißen diese Steine auch Blausteine.
Wozu dienten Wall, Graben, Steine?
Am Anfang war es ein Ort für die Toten. Davon zeugen menschliche Knochenreste, die dort in Brandbestattungen beigesetzt wurden. Die Lebenden befanden sich woanders: Zwei bis drei Kilometer entfernt gab es ein riesiges Dorf für mehrere Hundert, vielleicht sogar Tausend Menschen. Dort fanden sich auch Unmengen an Tierknochen, die offenbar Reste von Festmahlzeiten sind.
Wohnten in dem Dorf die Erbauer?
Wahrscheinlich. Das Dorf bestand während der zweiten Bauphase ab 2500 v. Chr., und Strontium-Analysen der Zähne weisen darauf hin, dass einige Personen aus Wales stammen. Von dort kommen auch die Blausteine.
Es gab also Verbindungen quer durch Britannien.
Und die waren nicht auf Wales begrenzt. Der zentrale, sechs Tonnen schwere Altarstein von Stonehenge kommt aus dem Nordosten Schottlands.
Wir haben vor zwei Jahren in G/GESCHICHTE aktuell darüber berichtet.
Das war auch eine Sensation. Man hat ja schon über die 240 Kilometer Entfernung gestaunt, aus denen die Blausteine kamen. Und jetzt sprechen wir von einem Steintransport über 750 Kilometer Distanz.
Woher weiß man, dass die Steine nicht auf natürlichem Weg kamen, etwa durch Eiszeit-Gletscher?
Man hat nirgendwo um Stonehenge solche Steine gefunden. Zudem entdeckte der Archäologe Mike Parker Pearson in den Preseli-Bergen in Wales zwei Blaustein-Vorkommen, die Spuren des Abbaus aufweisen: Man erkennt, wie die Steine dort herausgehebelt wurden. Das sind ganz neue Forschungsergebnisse, die erstmalig hier bei uns in der Ausstellung gezeigt werden.
Wie erfolgte der Transport der Steine? Nur auf dem Landweg oder auch auf dem Wasser, entlang der Küsten und auf Flüssen?
Das ist eine große Diskussion. Dabei kommt auch experimentelle Archäologie zum Einsatz: Man hat ab den 2000er-Jahren mit Bootsnachbauten versucht, solche Steine zu transportieren. Das erste Boot ist kläglich gesunken. Ein paar Jahre später hat man es dann geschafft, allerdings mit einem Bootstyp, der jünger ist als Stonehenge. Die Frage bleibt also offen.
Es sind ja nicht alle damaligen Bootstypen erhalten.
Richtig. Wir wissen aber, dass die riesigen Steine der zweiten Bauphase ab 2500 v. Chr. über Land transportiert wurden. Denn die kamen aus der Umgebung, 30 Kilometer nördlich von Stonehenge.
Ist das nicht auch schon weit? Wenn man bedenkt, dass die schwersten Steine an die 50 Tonnen wiegen, mehr als ein voll beladener Sattelschlepper …
… und auf dem Weg mehrere Flüsse überquert werden mussten.
Klingt sensationell schwierig.
Ich weiß gar nicht, wo man bei Stonehenge aufhören soll mit den Sensationen. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Dass sie dann auf die vier Meter hohen Steine auch noch Decksteine waagrecht darauf gepackt haben ...
… und diese wie Legosteine mittels Noppen und Löchern so verzahnt haben, sodass sie seit Jahrtausenden halten.
Die ganze Organisation des Baus ist ein Wunder. Wie haben die Menschen über die weiten Strecken kommuniziert und die Leute für die Arbeit herangeholt und verköstigt? Zumal Hunderte bis Tausende Helfer benötigt wurden, um die großen Steine zu transportieren.
Es gab keinen mächtigen Herrscher oder eine Herrscherkaste, die alles befahl?
Dafür gibt es keinerlei Hinweise. Auch die Gräber und Siedlungen deuten noch nicht auf irgendwelche Eliten hin. Dem archäologischen Befund zufolge lebten die Menschen als Ackerbauern in dörflichen, relativ egalitären Gemeinschaften.
Was hatte sie wohl motiviert zu der Knochenarbeit mit den Steinen?
Darüber kann man nur spekulieren. Man muss davon ausgehen, dass es charismatische Persönlichkeiten gab, die das Bauprojekt vorantrieben und die Leute bei der Stange hielten.
Mit friedlichen Mitteln oder auch mit Gewalt?
Stonehenge ist ein Platz, der zeigt, dass damals eine große Harmonie herrschte. Die Menschen kommen von verschiedensten Orten und haben offenbar friedlich zusammengearbeitet für ein gemeinsames höheres Ziel. Das klingt utopisch, aber es mag ein Zweck dieser Anlage gewesen sein, die Leute zusammenzuschweißen.
Müssen wir die Menschen der Jungsteinzeit organisatorisch und technologisch höher einschätzen als bisher?
Unbedingt. Es ist ein Trauerspiel, wie sehr die Steinzeitmenschen bis heute unterschätzt werden – als seien sie gerade von den Bäumen heruntergestiegen. Dabei bauten sie in der Jungsteinzeit 40 Meter lange Hallen aus massiven Eichenstämmen, die gefällt, transportiert und verarbeitet werden mussten.
Wie kann man sich die damalige Landschaft um Stonehenge vorstellen?
Es war eine Kulturlandschaft mit verschiedenen Bauwerken, die in Sichtweite zueinander standen. Darunter sind eine drei Kilometer lange Prozessionsstraße von Stonehenge zum Fluss Avon, das Dorf, daneben ein kreisförmiges hölzernes Monument – Woodhenge genannt – und große Grabhügel.
Diente Stonehenge nur für Begräbnisse und rituelle Handlungen? Bisweilen liest man, es sei ein astronomischer Kalender gewesen, manche sprechen gar von einem Steinzeitcomputer.
Solche Spekulationen sind seit den 1960ern populär. Tatsächlich ist die ganze Anlage auf die Sommer- und Wintersonnenwende ausgerichtet: Vom zentralen Altarstein aus kann man zu diesen Zeiten durch die Steine wie durch ein Visier die Sonne anpeilen. Wir wissen aber, dass diese Visiereinrichtungen nicht auf den Tag exakt funktionieren, sondern mit einer Ungenauigkeit von ein bis zwei Wochen. Das ist auch logisch, da gerade zur Zeit der Wintersonnenwende das Wetter in Großbritannien notorisch schlecht ist – und man bei bedecktem Himmel die Ausrichtung nicht kalibrieren kann.
Jungsteinzeitliche Ringanlagen mit astronomischen Bezügen finden sich auch hierzulande.
Richtig. An der Elbe sind südlich von Magdeburg zwei ähnliche Anlagen untersucht worden. Sie bestanden aber aus Holz. Die Kreisgrabenanlage von Pömmelte in Sachsen-Anhalt besaß exakt die gleichen Dimensionen wie Stonehenge.
Wer hat wen beeinflusst?
Pömmelte entstand um 2350 v. Chr., also nach Stonehenge. Wir wissen, dass um diese Zeit Menschen in großer Zahl vom Kontinent nach Großbritannien ausgewandert sind und mit der Heimat in Kontakt blieben, es also eine Kommunikation in alle Richtungen gab.
Pömmelte war demnach eine Kopie von Stonehenge?
Teilweise. Die Menschen dort kannten Stonehenge wohl aus eigener Anschauung oder Berichten, und sie haben es aus Holz nachgebaut. Aber manches stimmt nicht so ganz, zum Beispiel Material und Zweck der Anlage. Man hat den Eindruck, die Pömmelte-Erbauer fanden Stonehenge toll, haben es aber nicht so ganz verstanden.
Gehen Sie in der Ausstellung auf diese Verbindungen ein?
Neben 600 Originalobjekten, die so noch nie im deutschsprachigen Raum präsentiert wurden, zeigen wir auch die Beziehungen zwischen Stonehenge und Mitteleuropa auf. Etwa anhand eines neuen, spektakulären Grabfundes im Ort Markt nahe Augsburg. Dieser lässt erkennen, wie sehr die jungsteinzeitliche Welt vernetzt war: Von Südskandinavien bis Nordafrika haben Menschen damals die gleichen Werte verstanden und geteilt.
© Archäologische Staatssammlung München
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