Interview»Odysseus war eher ein Türsteher-Typ«

Der Bielefelder Althistoriker Raimund Schulz über unsere Sehnsucht nach einer Welt ohne Technik, übermäßig polierte Kriegsrüstungen in Kinofilmen und die dunklen Seiten der antiken Heldenfigur.

Porträtfotografie eines mittelalten Herren mit Brille in einem blauen Hemd
Raimund Schulz ist Professor für Alte Geschichte an der Universität Bielefeld. Zu seinen Schwerpunkten zählen Krieg, Seefahrt und Herrschaft in der Antike. Er hat zahlreiche Bücher verfasst und unter anderem 2017 den »Forschungspreis Geographie und Geschichte« der Frithjof-Voss-Stiftung erhalten. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen »Die Antike und das Meer. Von Händlern, Söldnern und Piraten« (Theiss in Herder 2024) und »Welten im Aufbruch. Eine Globalgeschichte der Antike« (Klett-Cotta 2025). Diesen Mai erschien sein aktuelles Buch »Odysseus. Mythos und Wahrheit«. © Maximilian Gödecke Photography

G /GESCHICHTE: Krieg, Abenteuer, Sex, Naturkatastrophen, Drogentrips: Die »Odyssee« enthält alles, was ein Hollywoodfilm braucht, oder?
Raimund Schulz: Dieses Epos lebt von extremen Gegensätzen, es geht um Gewinn und Verlust, Tod und Rettung. Und vieles ­davon in einem exotischen, geheimnisvollen Ambiente. Fast jeder Science-Fiction-Film übernimmt bewusst oder unbewusst szenische Elemente aus der Odyssee. 

Dieser Tage läuft »Die Odyssee« von Regisseur Christopher Nolan mit großer Starbesetzung in den Kinos an. Sind Sie darauf gespannt? 
Durchaus, der Trailer zeigt Krieg und Seefahrt in einer dunklen, düsteren Atmosphäre. Das trifft die Lebenswirklichkeit der Zeit des Dichters und des 7. Jahrhunderts v. Chr., die hart und entbehrungsreich war. Gewaltsamer Tod war immer eine Möglichkeit. 

Historienfilme lösen wieder Begeisterung aus. Wie kommt das?  
Als Zuschauer begibt man sich gerne in eine Welt ohne Technik, in eine Zeit der archaischen »Natürlichkeit«. Sie birgt viel Raum für Magisches, Abenteuerliches, Verrat und Brutalitäten. Dieses Archaische fasziniert offenbar den Menschen. Gerade im Falle der »Odyssee« kann man das fast in jeder Zeile des Epos spüren.

Das Epos spielt um 1200 v. Chr. Wie realistisch können filmische Darstellungen von Waffen, Schiffen und Kriegern aus jener Zeit sein?
Das weiß man heute recht genau. Neben den Epen gibt es Vasenbilder und archäologische Funde. Beim Film stellt sich die Frage, wie üppig etwa ein roter Helmbusch sein muss. Homers Epen zufolge hatten nur die Anführer einen Helmbusch, der normale Soldat trug eine schlechte Rüstung. Im Übrigen waren die Rüstungen schmutziger und abgenutzter als in Filmen dargestellt.

Laut Homer war Odysseus breitschultrig. Was wissen wir noch? 
Er war äußerlich kein sehr attraktiver Mann, nicht besonders groß und entsprach nicht dem aristokratischen Ideal eines strahlenden Helden. Das wäre sein Gegenpart Achill. Odysseus war eher ein muskelbepackter Türsteher-Typ, aber dabei sehr intelligent. Und er wusste, wie man betrügt und sich durchschlägt. Alles in allem eine interessante Mischung. 

 

Matt Damon als Odysseus blickt in die Kamera, im Hintergrund sind Schiffe
Odysseus (Matt Damon), der König von Ithaka, ist mit seinen Kriegern gelandet. Szene aus dem Film »Die Odyssee«, der ab 16. Juli in den Kinos läuft. Das Budget wird auf 250 Millionen US-Dollar geschätzt. © Universal Studios/All Rights Reserved

 

War er sympathisch?
In der Antike stieß man sich an seinen dauernden Betrügereien. Er spielte permanent Foul, verstieß oft gegen Regeln. Er ist das Gegenteil eines ehrlichen, edlen Helden, wie man ihn von König Artus’ Tafelrunde kennt. Zudem hatte er einen großen Fehler: Er hat seine komplette Mannschaft verloren.

Vom »Faust« gibt es viele Urstoffe. Ist das bei der »Odyssee« ähnlich? 
Homer griff bei seiner Geschichte auf eine bekannte Figur zurück, von der sich die Menschen seit Langem mündlich erzählten. Aber der Dichter versuchte sie wohl von einigen Makeln reinzuwaschen. Und er schuf im 7. Jahrhundert v. Chr. mit der »Ilias« und der »Odyssee« zwei Epen, die bis in römische Zeit das Nonplusultra blieben. 

"Die Frauenfiguren werden im zweiten Teil der Irrfahrten wichtig"

Wie kommt es, dass die »Odyssee« ausgerechnet in der Zeit der frühen griechischen Kolonisierung entstand? 
Das Epos schildert eine Irrfahrt zu fernen Küsten. Es behandelt Gefahren und Probleme, die für die Griechen real waren. Dieser Hintergrund beförderte die Verschriftlichung der »Odyssee«. Sie ist jedoch ein literarisches Abenteuer. Deshalb kann man die Strecke auch nicht nachsegeln. Das Epos enthält Erzähltraditionen, die eher im westlichen Mittelmeer, aber auch in der Region des Schwarzen Meeres angesiedelt sind. Von dort stammen etwa die Szenen mit dem menschenfressenden Riesenvolk der Laistrygonen oder die mit der Zauberin Kirke. Homer fügte so viele mündlich tradierte Geschichten zu einer neuen, epischen Abenteuerfahrt zusammen.

Ihrem Buch zufolge war Odysseus der erste Frauenversteher der Literaturgeschichte. Was zeichnete ihn aus? 
Die Frauenfiguren werden im zweiten Teil der Irrfahrten wichtig, je weiter sich Odysseus von halbwegs vertrauten Gefilden entfernt. Erotik und Sex spielen dann für seine Weiterfahrt eine große Rolle. Warum das so ist, ist nicht einfach zu erklären. Zum einen spielen alte Traditionen von verführerischen, aber auch gefährlichen Göttinnen eine Rolle. In diese werden sich sexuelle Fantasien der Schiffsmannschaften verwoben haben, die ja ausschließlich Männer waren. Aber auch für die jungen griechischen Kolonien waren Frauen entscheidend. Ohne sie hätte keine Kolonie überlebt. Insgesamt gelingen Homer erstaunlich vielschichtige psychologische Zeichnungen, darunter auch von Odysseus’ Frau Penelope, die dieser am Ende der Irrfahrten wiedertrifft. 

Heute versteht man die »Odyssee« oft als Heldenreise: Ein Mann zieht in die Welt und kommt verändert zurück.
Diese Deutung ist alt, aber man muss aufpassen. Es geht eher darum, ob sich Odysseus in der Fremde bewährt. Lange sieht es nicht danach aus. Odysseus verliert alles, Gefährten, Schiffe, Reichtümer. Deshalb muss er versuchen, seinen Status zurückzuerlangen. Daraus ergibt sich der Spannungsbogen. Dass er dabei eine innere Läuterung durchmacht, kann ich nicht erkennen. Auch am Ende ist er so verschlagen und brutal wie vorher, aber er hat dadurch seinen alten Status wiedererlangt.

 

Kampfszene bei Nacht. Soldaten kämpfen im Vordergrund, während im Hintergrund ein brennender Turm einstürzt.
Troja steht in Flammen. Nach der Eroberung macht sich Odysseus auf die zehn Jahre dauernde Heimreise. © Universal Studios/All Rights Reserved

 

Wie sehr geht es auch um Politik?
Odysseus muss sich in einer kleinteiligen Welt von Dörfern bewähren, die die Griechen Poleis nannten. Das gelingt ihm mit Hilfe seiner Redekunst und dem Überlebenstrick, nicht immer die ganze Wahrheit zu sagen. Im alten Griechenland spielt das Mündliche eine entscheidende Rolle, und es wird wichtig für eine typisch griechische Form der Machtausübung: das Überzeugen in der Rats- und Volksversammlung.

Was können wir von der »Odyssee« über die vorantike Welt lernen?
Es geht um alte Menschheitsfragen: Wie lassen sich Konflikte in einer Gruppe bewältigen? Wie können Autorität und Gehorsam austariert werden? Und zum anderen geht es um das Problem der Gewalt: Wie sollte eine Gesellschaft ohne feste monarchische Hierarchien mit Gewaltausbrüchen umgehen? In der »Odyssee« wird das ständig durchgespielt, aber das Epos bleibt eine Warnung ohne Rezept.

"Die Forschung hat in den letzten zehn Jahren viele neue Aspekte erarbeitet"

Gab es für Odysseus ein Vorbild?
Er war eine Figur, von der man sich vor Homer mindestens drei Jahrhunderte lang erzählte. Eine solche Figur kann nicht aus dem Nichts erfunden worden sein, so etwas gab es im alten Griechenland nicht. Die historische Tiefe dieser Figur legt nahe, dass es sich um einen regionalen Herrscher aus dem Nordwesten Griechenlands gehandelt haben könnte. Nach seinem Tod lebte er in Erzählungen weiter. Aber wir können ihn nicht genau identifizieren.

Auf den ägäischen Inseln Ithaka und Kefalos gibt es Gräber, die mit Odysseus’ Familie in Verbindung gebracht werden. Was ist davon zu halten? 
Man hat ja auch vor etwa 20 Jahren Fundamente eines sogenannten Palastes aus mykenischer Zeit entdeckt, aber dazu ist bisher nichts weiter veröffentlicht worden. Ithaka war sicher schon in den Jahrhunderten vor Homer ein den Griechen bekannter Ort, allein durch die günstige Lage an den Schifffahrtsrouten gen Westen. Warum soll man ausschließen, dass eine Familie in einem befestigten Herrenhaus residierte, aus der die Figur Odysseus hervorgegangen ist? 

Eine braunhaarige, junge Frau mit einem blauen Kleid hält einen Bogen in der Hand
Penelope (Anne Hathaway) hält den Bogen in der Hand. Nur ihr Mann Odysseus kann ihn spannen. © Universal Studios/All Rights Reserved

Was haben Sie bei Ihren Recherchen Neues über Odysseus erfahren?
Ich habe erstens viel über die Szenen mit Frauen gelernt, von der Zauberin Kirke bis zur Nymphe Kalypso. Da hat die Forschung in den letzten zehn Jahren viele neue Aspekte erarbeitet. Diese Szenen geben dem Epos deutlich mehr intellektuelle Tiefe, als es die bisherigen cineastischen Umsetzungen nahelegen. 

Und zweitens?
Mir waren die vielen Facetten des politischen Konfliktes in den Schluss-Szenen in Ithaka nicht so bewusst: Nach seiner Rückkehr tötet Odysseus die Freier seiner Frau. Homer stellte diese Morde aus Sicht des Odysseus als gerechtfertigt dar. Aber man kann sie auch als unverhältnismäßig grausam ansehen, weil die Freier eigentlich nur ihr gutes Recht als Brautwerber verfolgen, die zu lange vertröstet wurden. 

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