Interview»Man könnte von einer Art Hassliebe sprechen«

Trump mischt sich ständig in Lateinamerika ein – droht Kuba, entführt Venezuelas Präsidenten Maduro. Dabei zeigt der Historiker Stefan Rinke in seinem neuen Buch: US-Interventionen enden meist zwiespältig.

Porträt eines mittelalten Mannes in einem blauen Anzug und mit Vollbart und Brille
Stefan Rinke lehrt seit 2005 als Professor für Geschichte Lateinamerikas am Lateinamerika-Institut und am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche Auszeichnungen wie den Premio Alzate der Mexikanischen Akademie der Wissenschaften, die Ehrendoktorwürde der Universidad Nacional de San Martín und ein Einstein Research Fellowship.© Privat

G /GESCHICHTE: Trump wollte ursprünglich den Rückzug aus der Weltpolitik. Nun mischt er sich dauernd in innere Angelegenheiten anderer Nationen ein, auch in Lateinamerika. Warum?  
Prof. Dr. Stefan Rinke: Seine Politik lautet ja »America first«. Er will sich also nur dort engagieren, wo es den USA etwas bringt. Wenn man so will, könnte man ergänzen: und seiner Familie. Lateinamerika scheint ihm so wichtig zu sein, weil er beobachtet, wie sich China dort seit 2000 engagiert. Zugleich pflegen die USA seit Langem ­eine besondere Beziehung zu dieser sogenannten westlichen Hemisphäre.

Im Januar entführten US-Spezialkräfte den venezolanischen Staatschef Nicolás Maduro. Wie historisch außergewöhnlich war diese Intervention?
Das war wirklich etwas Besonderes. Die USA hatten zuvor zwar 200 Jahre lang in Zentralamerika und der Karibik interveniert, aber eine so unmittelbare Aktion in Südamerika war neu. Auch direkte Entführungen durch eigene Truppen kannte man in dieser Form nicht. Das war neu.

 

Ein Mann mit Sichtschutzbrille und Kopfhörern wird abgeführt
Entführt: Venezuelas Präsident Maduro nach seiner Festnahme durch die USA am 3. Januar 2026. © Wikimedia

 

Die Interventionspolitik geht auf die Monroe-Doktrin zurück, die der US-Präsident James Monroe 1823 entwarf. Sie betont die Unabhängigkeit der Staaten auf dem amerikanischen Doppelkontinent und sollte eine europäische Einmischung verhindern. War es zwangsläufig, dass sie zu einem Ins­trument der US-Einflussnahme wurde?
Überhaupt nicht. Präsident Monroe wollte die Europäer abschrecken, was damals Sinn ergab: Denn die wollten nach der Restauration die Monarchien in ihrer alten Größe wieder einsetzen. Demnach hätten Spanien und Portugal ihre Kolonien zurückerhalten müssen. Auf diese Bedrohung reagierten die USA mit der Doktrin. Aber wenn es bei Monroe hieß, die Europäer hätten in »unserer Hemisphäre« nichts zu suchen, stellte sich die Frage: Was genau heißt »unsere«? Nach dem Sieg im Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 traten die USA in den imperialistischen Wettbewerb ein und betrachteten die Karibik als ihre Interessensphäre. 

Dann folgte noch die Ausweitung auf Südamerika.
Das war sechs Jahre später. Weil mehrere Staaten, darunter Venezuela, ihre Schulden nicht begleichen konnten, schickten europäische Mächte Kanonenboote, um ihre Forderungen durchzusetzen. Darauf reagierte US-Präsident Roosevelt 1904 mit einer Erweiterung der Doktrin, dem Roosevelt Corollary. Er argumentierte, die USA seien verpflichtet, die Ordnung in der Hemisphäre zu sichern, notfalls mit Waffen.

Waren die Interventionen erfolgreich?
Sie waren phasenweise sehr erfolgreich, zumindest aus US-Perspektive, vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Ab den 1930er-Jahren und besonders im Kalten Krieg bröckelte das: Neue Ideologien wie Sozialismus und Kommunismus setzten sich durch, und lateinamerikanische Akteure gewannen an Selbstbewusstsein. Zudem schürten viele Interventionen Misstrauen und sogar Hass. Der Politiker Nelson Rocke­feller war davon auf seinen Reisen durch Lateinamerika 1969 überrascht. Andererseits wurden kulturelle Entwicklungen wie Pop und Rap aus den USA in Lateinamerika immer dankbar übernommen und weiterentwickelt.  

Donald Trump spricht an einem Pult
Triumphiert: Trump bei seiner Rede nach der Entführung: »Ich werde niemals zulassen, dass Terroristen oder Kriminelle straffrei gegen die Vereinigten Staaten vorgehen.« © Wikimedia/The White House

Warum schlossen sich die Staaten Lateinamerikas nie gegen die US-Politik zusammen?
Es gab Initiativen, schon Simón Bolívar lud 1826 zu einer Konferenz ein, aber sie scheiterte, ebenso wie viele weitere Bemühungen. Die Interessen der einzelnen Staaten waren zu unterschiedlich. Erst inspiriert vom europäischen Einigungsprozess entstand in Südamerika mit dem Staatenverbund Mercosur zumindest auf wirtschaftlichem Gebiet ein Ansatz regionaler Integration.

Wirkten sich die Interventionen auch auf die USA aus?
Viele Interventionen liefen den US-Interessen letztlich zuwider. Kuba ist ein gutes Beispiel. Dort setzte Washington mit seiner Politik Flüchtlingsbewegungen nach Florida in Gang, wo die Kubaner nicht immer willkommen ­waren. Man denke nur an den eindrücklichen Film »Scarface« mit Al Pacino. ­Andererseits hat die US-Wirtschaft von Wanderarbeitern aus Mexiko, Zentralamerika und der Karibik enorm profitiert. Sie haben das Land mit aufgebaut.

Seit einigen Monaten ist von einer »Donroe-Doktrin« zu lesen, also einer Donald Trumpschen Version der Monroe-Doktrin. Was halten Sie davon?
Den Begriff hat wohl die New York Times erfunden, Trump fand ihn schmeichelhaft. Tatsächlich erinnert vieles von dem, was er angekündigt hat, stark an das Roosevelt Corollary, also die Erweiterung der Monroe-Doktrin von 1904. Mir kommt bei Trumps Radikalität die Zeit des Hochimperialismus vor rund 120 Jahren in den Sinn.

Trotzdem gibt es bei aller Kritik aus Lateinamerika an Trump und den USA auch Bewunderung, oder?
Man könnte von einer Art Hassliebe sprechen. Viele Menschen sehen die USA als Partner und Vorbild und schicken ihre Kinder zum Studium dorthin. Gerade in neuen rechten Strömungen wie in Argentinien unter Javier Milei und in Brasilien unter Jair Bolsonaro finden sich Verehrer von Donald Trump, die seinen politischen Stil nachzuahmen versuchen.

 

Das Buchcover zeigt eine wehende US-Flagge
Unser Interviewpartner Stefan Rinke gibt einen hochaktuellen Überblick, wie die USA in ihrem selbst­­­­­er­klärten Hinterhof agieren: »Von Monroe zu Trump. Eine kurze Geschichte der US-Interventionen in Lateinamerika« (Theiss in Herder 2026, 160 Seiten, € 18,–). www.herder.de/geschichte-wissen/shop

 

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