Jingle: Gemeinsam wachsen, gemeinsam lernen. Willkommen beim Podcast von Kleinstkinder in Kita und Tagespflege.
Katrin Imbery: ich bin Redakteurin bei der U3 Fachzeitschrift Kleinstkinder in Kita und Tagespflege und ich begrüße heute Susanne Mirau zu unserem aktuellen Podcast. Liebe Frau Mirau, ganz herzlich willkommen erstmal und vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit für uns nehmen. Sie sind Autorin mehrerer Texte in der Kleinstkinderausgabe 2/26. Darin beleuchten Sie die große Bedeutung sicherer Bindungen in den ersten Lebensjahren, und zwar natürlich aus der Perspektive der Kinder, aber auch aus der Perspektive von Eltern und Fachkräften. Das wollen wir ein bisschen vertiefen jetzt noch, aber mögen Sie sich vielleicht erstmal selbst kurz vorstellen?
Susanne Mirau: Ja, ich freue mich auch, dass ich heute hier sein kann, und ich freue mich auch total, dass ich für die Zeitschrift schon Beiträge verfassen konnte. Ich bin Susanne Mirau, ich habe Pädagogik studiert mit Schwerpunkt Kleinkindpädagogik an der Freien Universität Berlin. Ich habe dort in Forschung und Lehre gearbeitet eine ganze Weile und dann habe ich mich selbständig gemacht und besonders auf den Bereich Bindung fokussiert. Bindung in der Entwicklung von Kindern, Eltern-Kind-Bindung und immer mehr eben auch weg von den Kindern auf die gesellschaftliche Perspektive. Also was bedeutet Bindung eigentlich für uns alle und warum ist es so wichtig, dass wir das heutzutage wieder viel mehr in den Fokus stellen?
Katrin Imbery: Ja, super. Vielen Dank. Dann steigen wir direkt ins Thema ein. Sie plädieren dafür, Bindung und Beziehung in den Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit zu stellen. Warum ist es in Ihren Augen so wichtig, die Bindungsgestaltung gerade im U3-Bereich so zentral zu betrachten?
Susanne Mirau: Ja, wir wissen, dass Bindung tatsächlich unser Leben beeinflusst und dass Kinder eben in den frühen Jahren besonders geprägt werden durch die Bindungserfahrung. Das ist natürlich nicht in Stein gemeißelt. Also, man kann natürlich später auch Bindungsmuster verändern, Verhalten verändern und so weiter, aber es erleichtert den Kindern enorm, wenn wir sie da aus Bindungssicht gut ankommen lassen, weil Bindung nimmt ja einmal auf das Wohlbefinden Einfluss bzw. auf das Selbstbild, aber eben auch auf Lernerfahrung. Also, wie offen kann ich gegenüber dieser Welt sein und was kann ich aus ihr herausnehmen und da ist es ganz wichtig, dass wir am Anfang schon stärken und ein gutes Vertrauen in die Welt legen.
Katrin Imbery: Können Sie diesen Zusammenhang zwischen Bindung, Exploration und früher Bildung noch ein bisschen veranschaulichen, wie wichtig ist Bindung für kindliche Lernprozesse?
Susanne Mirau: Ja, total essentiell. Es ist ja einfach so, wir lernen ja, dass andere Menschen da sind und unsere Bedürfnisse befriedigen. Also, wir haben ein Vertrauen, dann ein Vertrauen in andere Menschen, dass wir aufbauen, dadurch, dass unsere Bedürfnisse befriedigt werden. Und dieses Vertrauen macht aber auch, wie gehe ich auf andere Menschen zu und wie gehe ich auf Lernerfahrung zu. Zu sehen, wenn ich mir sicher bin, mein Gegenüber ist mir wohlgesonnen, ja, dann gehe ich viel leichter auf dieses Gegenüber zu und kann die Angebote, die diese Person macht, nutzen. Im Gegensatz dazu, wenn ich gelernt habe, andere Menschen sind gefährlich, ich kann das nicht gut einschätzen oder es ist immer unsicher, mal ist es so, mal ist es so, dann gehe ich weniger offen darauf zu.
Katrin Imbery: Mhm. Dann lassen Sie uns mal in die Praxis schauen. Sie haben ja jetzt gut erklärt, warum es so wichtig ist, die Bindung der Kinder zu stärken. Welche alltäglichen Situationen in der U3-Praxis sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig für Aufbau und Stärkung von Bindung?
Susanne Mirau: Also, wir fangen ja schon an mit der Eingewöhnung. Das ist ja schon eigentlich die Basis, weil das natürlich wichtig ist, dass die Eltern auch mit einem guten Gefühl ankommen können und darüber dem Kind ja auch schon Sicherheit vermitteln. Also, es fängt eigentlich schon an, bevor das Kind dann tatsächlich in der Eingewöhnung ist. Wichtig ist, ich hole hier die Eltern ab und auch das ist ja eine Beziehung, die da aufgebaut wird. Da fängt es an, dann geht es um die Eingewöhnung. Aber ganz viel sind es ja auch die kleinen Momente im Alltag. Also, wie gehen wir damit um? Wie beziehe ich das Kind mit ein, achte auf die Bedürfnisse bei Pflege, bei Essen, bei diesen kleinen Alltagsdingen, dass das Kind tatsächlich Sicherheit und Vertrauen aufbauen kann.
Katrin Imbery: Woran können Fachkräfte denn erkennen, ob sich ein Kind sicher gebunden fühlt in der Kita? Auf welche Signale sollten sie da achten?
Susanne Mirau: Genau. Also, es ist ja immer so, dass pädagogische Fachkräfte die Bindungsart oder den Bindungstyp nicht einschätzen müssen. Also dafür brauche es ganz spezielle Weiterbildungen und Verfahren, die dann dafür zuständig sind. Das Wichtige ist eben, da drauf zu gucken, ist dieses Kind sicher hier angekommen? Kann es sich sicher fühlen? Wahrscheinlich kennen alle dieses schöne Bild von der Wippe von Exploration und Bindung. Das heißt, kann das Kind im Alltag auf der sicheren Basis explorieren. Also kann es das nach seinem Temperament? Da sind die Kinder ja auch durchaus unterschiedlich. Aber es ist so sicher, dass es hier sich fortbewegen kann, dass es Kontakte knüpfen kann zu Personen, zu Kindern, wie auch zu den Erwachsenen, dass es mit den Spielmaterialien interagiert, dass es seine Bedürfnisse mitteilen kann. Also da müssen wir bei U3 ja auch immer schauen, dass vielleicht manche Kinder eben sprachlich noch nicht soweit sind, aber dass sie dann durch den Körperausdruck ihre Bedürfnisse mitteilen können. Also all sowas können eben gute Hinweise sein. Das Kind ist hier ganz gut angekommen.
Katrin Imbery: Mhm. Sie schreiben in den Texten, dass Fachkräfte Kleinkinder auch gezielt unterstützen können, wenn diese bislang eher defizitäre Bindungserfahrung in ihren eigenen Familien gemacht haben. Können Sie uns das ein bisschen näher erklären?
Susanne Mirau: Manche Kinder haben ein Zuhause, das nicht besonders von Sicherheit geprägt ist oder von Vertrauen und Unterstützung. Und das Tolle ist tatsächlich, dass wir aus Untersuchungen wissen, dass die Fachkräfte da durch ihre Zugewandtheit tatsächlich etwas verändern können im Kind, ja, im Leben des Kindes und das geht von U3 bis später hin zur Schule. Also die pädagogischen Fachkräfte können die Person sein, die ein gutes Gefühl im Kind unterstützen. Und das passiert einfach, wenn man da ist, wenn man das Kind annimmt. Wenn das Kind vielleicht zu Hause andere Erfahrung gemacht hat, aber hier wird es gesehen in seinem Bedürfnis. Das Bedürfnis wird beantwortet und die Fachkräfte sehen natürlich in den Gruppen auch, dass es manchmal Schwierigkeiten gibt von der Gruppenzusammensetzung her, dass man nicht alles sofort machen kann. Aber dass im Großen und Ganzen das Kind hier jetzt die Erfahrung haben kann, ich bin ein Mensch, ich bin so wie ich bin und so bin ich liebenswert und andere Menschen achten tatsächlich darauf, dass ich Nahrung bekomme, dass ich Zuwendung bekomme, dass ich unterstützt werde in der Pflege und dass es mir einfach gut geht.
Katrin Imbery: Mhm. Aber heißt es tatsächlich, dass Sie davon ausgehen, dass Fachkräfte gleichrangige Bindungspersonen sein können, die wirklich problematische familiäre Bindung auffangen oder ausgleichen können?
Susanne Mirau: Na, wenn wir auf die Bindungshierarchien schauen, dann ist es halt nicht so, dass die Fachkräfte ganz oben stehen. Aber dass durch diese Erfahrung halt viel ausgeglichen werden kann. Also, dass das Kind einfach noch einen ganz anderen Input bekommt, der sich auswirken kann. Also, es gibt ja Untersuchungen, dass Kinder vielleicht zu Hause mit der Bindungsperson unsichere Bindungsmuster haben, während sie zu den Fachkräften sichere Bindungsmuster haben können. Und das kann es nicht alles wegmachen, was die Kinder erfahren zu Hause, aber es kann einen kompensatorischen Effekt haben. Und das ist schon so wertvoll. Was natürlich nicht bedeutet: Oh, ihr Fachkräfte, auf euren Schultern lastet jetzt total viel Verantwortung. Sondern, dass man wirklich sieht, das macht etwas, also dieses „Ich bin hier und ich begleite die Kinder meiner Gruppe und schaue auf sie und auf ihre Bedürfnisse.“ Das kann tatsächlich einen richtig guten Einfluss geben. Macht nicht alles wett, aber es ist ein wichtiger Punkt für die Kinder.
Katrin Imbery: Ja, das macht Mut, auf jeden Fall. Stichwort professionelles Handeln. Was sagen Sie Fachkräften, die eventuell Sorge haben, eine zu enge Bindung zu Kindern aufzubauen?
Susanne Mirau: Ja, es wird ja immer wieder von zu enger Bindung gesprochen. Eigentlich gibt es keine zu enge Bindung. Es gibt sichere Bindungsmuster, es gibt unsichere Bindungsmuster und es gibt natürlich ein bestimmtes Verhalten, dass man den Kindern irgendwie zu viel abnimmt. Zum Beispiel schaut man auch oft bei Eltern genauer hin, ob sie überfürsorglich sind. Aber zu nett gibt es eigentlich nicht für die Kinder, oder? Also aus der pädagogischen Perspektive von Bindung. Was schwierig sein kann, ist natürlich der Aspekt Psychohygiene. Weil es dreht sich um die Arbeit und man kann und sollte ja nicht alle Themen mit nach Hause nehmen, und sich dann zu Hause die ganze Zeit da drüber weitersorgen, gerade wenn es vielleicht Kinder aus belasteten Familien sind. Also diese professionelle Distanz zu bewahren. Aber ansonsten im Alltag geht es eben darum, ja, liebevoll mit den Kindern umzugehen.
Katrin Imbery: Mhm. Ich möchte zum Abschluss noch ein anderes Thema ansprechen, was aber eigentlich damit sehr verbunden ist, was Sie eben erwähnten. Wie können Fachkräfte mit Blick auf Personalmangel, Gruppengrößen und all dem, was eben gerade an Rahmenbedingungen zu bemängeln ist, bindungsorientiert arbeiten, wie kann sich auch das Team gegenseitig eventuell unterstützen?
Susanne Mirau: Ja, da haben wir tatsächlich schwierige Rahmenbedingungen momentan. Ja, und das ist wirklich ein Problem, weil wir wissen natürlich, dass Stress sich auf Feinfühligkeit auswirken kann und die Feinfühligkeit ist halt wichtig für dieses bindungsorientierte Handeln. Ganz wichtig ist natürlich die Haltung. Wie ist meine Haltung dem Kind gegenüber? Bin ich da bindungsorientiert? Und gleichzeitig ist Stress negativ und wir brauchen da einfach viel bessere Voraussetzungen der Politik für frühkindliche Bildung, Betreuung, Versorgung und die Anerkennung dafür, was für eine unglaublich wichtige und auch kräftezehrende Arbeit das ist. Also, pädagogische Fachkräfte leisten eine unglaublich anstrengende Arbeit. Nicht nur körperlich, sondern auch emotional, dieses „Ich muss mich selbst regulieren, um so viele Kinder ko-regulieren zu können.“ Ja, also das ist so enorm, was geleistet wird und das muss tatsächlich einfach wirklich endlich anerkannt werden und dafür müssen richtige Rahmenbedingung geschaffen werden. Jetzt sind wir aber in der Situation, dass aus irgendwelchen Gründen das immer noch nicht passiert und wir das irgendwie auffangen müssen im Alltag. Und da ist halt das Team dann wichtig und Träger und so weiter. Da gute Rahmenbedingung zu schaffen, sich gegenseitig unterstützen, dass man auch gute Beziehung im Team hat. Das ist auch wichtig. Wir sprechen immer von dieser Bindung von Kindern zu den Fachpersonen, aber wir selbst brauchen das ja auch, dass wir uns irgendwo anlehnen können, dass wir mal sagen können „Oh, es ist jetzt ganz schön viel oder ich habe hier die und die Probleme, wer von euch kann da Input geben?“ Das alles ist auch total wichtig.
Katrin Imbery: Ganz lieben Dank für das Gespräch, Frau Mirau. Das ist ein wichtiges Thema und Sie haben noch mal wichtige Impulse gegeben. Lesen Sie zum Thema Bindungsstarke Kita in der Kleinstkinderausgabe 2/26 unter anderem auch, wie bindungsstarke Elternarbeit gelingt und wie Sie als Fachkraft gute Beziehungen in der Kindergruppe unterstützen können. Vielen Dank.
Susanne Mirau: Ja, ich danke.
Jingle: Gemeinsam wachsen, gemeinsam lernen. Schön, dass ihr reingehört habt. Bis bald. Umfangreiches Fachwissen für die Betreuung der Jüngsten findet ihr auf www.kleinstkinder.de.