Jeden Tag individuelle Aufmerksamkeit
Stellen Sie sich vor, Sie betreten jeden Morgen einen Raum voller Menschen, die Sie kaum kennen. Sie sind müde, vielleicht sogar hungrig, und wünschen sich nur, wirklich gesehen zu werden. Und dann? Sie werden in eine Gruppe gesteckt, sollen funktionieren, mitmachen und sich anpassen. Willkommen im Alltag vieler Kleinkinder in unseren Einrichtungen!
Wer behauptet, Einzelzeit mit jedem Kind sei im Alltag unmöglich, hat die vielen Gelegenheiten schlicht übersehen: beim Wickeln, beim Anziehen, beim Essen, beim Trösten oder Erzählen. Einzelzeit ist kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung für kindgerechte Pädagogik. Einzelzeit schafft Bindung – und Bindung ist das Fundament für Entwicklung, Wohlbefinden und Lernbereitschaft.
Gerade die stillen, unauffälligen Kinder gehen im Gruppentrubel oft unter. Ihre Bedürfnisse, Sorgen und Interessen bleiben verborgen, wenn sie nicht gezielt wahrgenommen werden. Einzelzeit bedeutet: Ich sehe dich. Ich höre dich. Ich nehme deine Themen ernst, auch wenn du sie nicht laut in die Runde rufst. Nur so kann sich ein Kind in der fremden Umgebung angekommen fühlen, Vertrauen fassen und sich öffnen.
Statt unzähliger Gruppenangebote brauchen Kinder vielmehr eine verlässliche Bezugsperson, die ihnen täglich Zeit schenkt – exklusiv und ohne Ablenkung. Einzelzeit ist keine pädagogische Kür, sondern Pflicht. Wer sie verweigert, riskiert, dass sich Kinder zurückziehen, übersehen werden oder gar resignieren.
Mein Appell lautet daher: Nutzen Sie jede Gelegenheit für Einzelzeit. Sie ist der Schlüssel zu echter Beziehung, individueller Förderung und kindgerechter Betreuung.
Einzelbetreuung als Herausforderung
Kurze Phasen individueller Aufmerksamkeit innerhalb der Gruppe sind zwar Teil des Kita-Tages, jedoch nicht mit einer gezielten Einzelzeit gleichzusetzen. Wenn diese fester Bestandteil des Alltags sein soll, stellen vor allem die Aufsichtspflicht und der Personal-Kind-Schlüssel organisatorische Herausforderungen dar. Insbesondere bei krankheitsbedingten Personalausfällen kann dies zu Problemen führen.
Die Einzelzeit bietet zwar großes Potenzial für eine individuelle Förderung der Jüngsten, erfordert jedoch klare Absprachen im Team. Dabei müssen Fokus, Dauer, die Anzahl der beteiligten Fachkräfte und die Auswahl der Kinder verbindlich festgelegt werden.
Erfolgt die Zuteilung bspw. nicht rotierend, entstehen ggf. Spannungen innerhalb des Teams, da die Einzelbetreuung oft weniger belastend ist als die Arbeit mit der Gruppe.
Für den Erfolg der Einzelzeit ist zudem die Qualifikation der Fachkräfte von entscheidender Bedeutung. Diese müssen sich gut vorbereiten, um flexibel auf das Verhalten und die Bedürfnisse des Kindes reagieren zu können. Eine strukturierte Beobachtung im Vorfeld sowie eine fundierte Dokumentation sind notwendig, um die Wirksamkeit der Einzelzeit bestmöglich zu beurteilen. Außerdem sollte diese in einem möglichst störungsfreien Raum stattfinden, was oft schwer umsetzbar ist. Gruppenräume sind für intensive kognitive Anforderungen ungeeignet.
Insbesondere bei jüngeren Kindern ist der Erfolg der Einzelzeit nicht immer planbar. Hier bedarf es einer sensiblen Beobachtung, um den richtigen Zeitpunkt für Lernen und Aufmerksamkeit zu erkennen, und somit einen Mehrwert zu erzielen.