Dem Spiel wieder mehr Raum geben
In manchem Kindergarten bleibt erst nach dem Morgenkreis und geplanten Angeboten Zeit zum Spielen – oft nur bis zum Mittagessen. Nach dem Abholen geht es dann immer häufiger zum nächsten Kurs statt auf den Gemeindespielplatz. Diese subjektive Wahrnehmung wird durch zahlreiche Studien sowie durch selbst durchgeführte Kinderbefragungen gestützt: Auf die Frage, welche Tagesphase ihnen am besten gefällt, antwortet die große Mehrheit der Kinder mit „Freispiel“. Strukturierte Phasen wie der Morgenkreis oder Angebote schneiden dagegen deutlich schlechter ab und werden insbesondere der Morgenkreis nicht selten sogar als „langweilig“ bezeichnet.
Doch Zeit ist nicht der einzige Ansatzpunkt, um dem Spiel wieder mehr Raum zu geben. Ebenso wichtig ist es, den Freiraum innerhalb der Spielphasen zu erweitern – indem die eigene Rolle als pädagogische Fachkraft, das vorhandene Spielzeugangebot sowie geltende Regeln kritisch reflektiert werden.
Die folgenden vier Punkte können einen Ansatz für mehr Freiraum im Freispiel bieten:
1. Bewertet nicht!
„Dürfen die Kinder so etwas spielen?“ Während die freien Spiele früherer Generationen auf der Straße keine bewertende Instanz kannten, finden Spiele von Kindern heute fast immer unter dem aufmerksamen Blick von Erwachsenen statt. Schon diese ständige Beobachtung kann dazu führen, dass Kinder beginnen, ihre Spielideen zu hinterfragen: Sind sie erwünscht oder unpassend?
Nicht selten wird in Familien wie auch in Kitas die Qualität des Spiels offen bewertet. Aussagen wie „Waffen sind hier verboten“, „Das wird mir jetzt zu destruktiv“ oder „Könnt ihr nicht etwas Besseres spielen?“ sind alltäglich.
Dabei ist eigentlich klar: Freies Spiel ist nur dort möglich, wo Kinder nicht darüber nachdenken müssen, welche Spielthemen erlaubt oder erwünscht sind. Gerade wenn Kinder im Spiel komplexe oder belastende Themen verarbeiten, wirkt eine solche „Schere im Kopf“ ausgesprochen hemmend.
Natürlich braucht es Grenzen, wenn im Spiel einzelne Kinder gegen ihren Willen ausgegrenzt oder verletzt werden. Abgesehen davon sollte jedoch gelten: Erwachsene halten sich mit ihrer Bewertung von Spielthemen zurück und ermöglichen Kindern so einen wirklich freien Spielraum.
2. Sucht gut aus!
„Haben die heute keine Ideen mehr?“ Vielerorts berichten pädagogische Fachkräfte, dass Kinder sich heute schwertun, intensiv und facettenreich zu spielen. Das liegt nicht selten am angebotenen Spielmaterial. Moderne Spielzeugsysteme sind für Kinder zwar hoch attraktiv, stehen einer freien Fantasieentwicklung jedoch häufig im Wege.
Mit einem Verkehrsteppich und den passenden Autos lässt sich kaum etwas anderes spielen als Straßenverkehr, mit einem Baby-Born-Set samt Accessoires meist wenig mehr als Säuglingspflege. Zudem führen Markenspielzeuge, deren Wert Kindern aus Fernsehen und Internet bekannt ist, häufig zu Besitzkonflikten, die das Spiel überlagern oder sogar hemmen.
Umso wichtiger ist es, dass pädagogische Fachkräfte bewusst auswählen und statt markengeprägter Spielzeuge vor allem vielseitig einsetzbare Grundmaterialien anbieten. Schlichte Bausteine können zur Straße, Ritterburg, Brücke oder zu Puppenmöbeln werden. Stoffbahnen eignen sich gleichermaßen als Hüttenwand, Verkleidung oder Meeresoberfläche. Je offener das Material, desto vielfältiger und fantasievoller wird das Spiel.
3. Spielt mit!
„Darf ich selbst mitspielen?“ Erstaunlich häufig wird diese Frage in Fortbildungen zum Thema Spiel gestellt – oft eher zurückhaltend oder leise. Möglicherweise haben Schulungen zur Bedeutung von Beobachtung und Partizipation zu einem Missverständnis geführt: nämlich zu der Annahme, Kinder entwickelten ihre Spielideen am besten ganz aus sich selbst heraus, ohne dass Erwachsene sich einmischen dürften.
Gerade der Aspekt der Beobachtung zeigt jedoch das Gegenteil. Welche Themen Kinder im Spiel bewegen, lässt sich sehr viel besser erkennen, wenn man Teil des Spiels ist – und nicht nur neutraler Zuschauer.
Aktive Beteiligung von Erzieherinnen am Spiel – nicht permanent, aber immer wieder – ermöglicht es zudem, den Spielfluss behutsam zu unterstützen, wenn er ins Stocken gerät. Gerade Kinder von heute, die vergleichsweise wenig eigene Spielpraxis haben und häufig „bespielt“ werden, profitieren von Impulsen empathischer, aufmerksamer Begleiterinnen. Gute pädagogische Fachkräfte bringen ihre Ideen sensibel ein, ohne das Spiel zu dominieren, und helfen Kindern so, ihr Spiel weiterzuentwickeln.
4. Erklärt!
„Aber die Eltern fordern doch …“ Wenn pädagogische Fachkräfte Freispielzeiten zugunsten eines weiteren Yogaangebots kürzen oder beim Matschen auf saubere Kleidung drängen, geschieht das selten aus pädagogischer Überzeugung, sondern meist „den Eltern zuliebe“. Was zunächst nach einem serviceorientierten Rollenverständnis klingt, ist bei genauerem Hinsehen das Gegenteil von professionellem Handeln.
Statt Eltern in ihrer Unsicherheit über den Wert freien Spiels zu belassen, sollte es zum Auftrag von pädagogischen Fachkräften gehören, Familien darin zu unterstützen, die Bedeutung des Spiels in all seinen Konsequenzen zu verstehen. Pädagogischer Service bedeutet hier nicht, Erwartungen unreflektiert zu erfüllen, sondern fachlich zu begründen, warum freies Spiel zentral für die Entwicklung von Kindern ist.
Familien, die von dem Anspruch an eine möglichst optimale Förderung ihres Kindes überfordert sind, brauchen klare Orientierung. Pädagogische Fachkräfte können diese geben, indem sie deutlich machen: Das Beste für euer Kind ist freies Spiel. In unserer Kita bekommt es – mit eurer Unterstützung – den nötigen Raum. Und vielleicht auch bei euch zu Hause.
Wir brauchen mehr Verspieltheit
Bei vielen gesellschaftlichen Problemen spielen Worte eine entscheidende Rolle. Gerade beim Thema Spiel haben wir es mit einem sehr unscharfen Wort zu tun, denn „Spiel“ ist bei uns vielerlei: Das freie Spiel genau wie das klar geregelte Gesellschaftsspiel, das didaktisch auf ein Ziel zugeschnittene Lernspiel, das angeleitete Spiel beim Morgenkreis, natürlich auch das Glücksspiel oder das Computerspiel… Wir müssen also genau hinschauen, wenn es heute heißt, ein Kind habe soundsoviele Stunden Zeit zum Spielen. Ist es ein qualitativ hochwertiges Freispiel in unserem Sinne? Darf es sich dabei auf seine eigene Weise die Welt erspielen, oder setzt es nur die Spielidee von jemand anderem um?
In wissenschaftlichen Texten zum Thema Spiel findet man manchmal den englischen Fachterminus der „playfulness“. Es passt ein bisschen zum Klischee des bierernsten Deutschen, dass er keine gute Übersetzung zu haben scheint, wie vielleicht eine „Spiel-Füllhaftigkeit“. Dabei wäre ein Wort naheliegend, an dem es in einer Gesellschaft zu mangeln scheint, die allzu ernsthaft über den optimalen Weg des „förderndes Spieles als wichtigsten Lernmoment von Kindern nachdenkt: Wir brauchen mehr Verspieltheit.
Michael Fink studierte ästhetische Erziehung, Kunst- und Kulturwissenschaften an der Universität der Künste Berlin. Er ist Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher und gibt Fortbildungen für Erzieherinnen und Erzieher.