Zwischen Emanzipation und Erfahrung (Kartonierte Ausgabe) Zum Dispositiv des westdeutschen Regietheaters der 1970er Jahre

  • wbg Academic in der Verlag Herder GmbH
  • 1. Auflage 2026
  • Kartoniert
  • 572 Seiten
  • ISBN: 978-3-534-64347-9
  • Bestellnummer: P3643475

Trauerarbeit, oder: Die Transformation von Gewalt in Spiel

Das westdeutsche Theater und seine öffentlich geförderten Stadttheater geraten Ende der 1960er Jahre in eine Legitimationskrise. Theater und Gesellschaft wollten nicht mehr recht zueinander passen. Die Studentenproteste um 1968 fordern die Abschaffung des kapitalistischen Systems und die umfassende Demokratisierung der Gesellschaft. Der Frankfurter Auschwitzprozess befördert die gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung mit den Verbrechen des NS-Staats. Das alte, bis in die 1960er Jahre hinein gültige humanistische Bildungstheater zur kulturellen Erbauung der Bürger und Bürgerinnen hat ausgedient. Das Publikum bleibt weg, die Einnahme sinken, die Kritik bescheinigt dem Theater Wirkungslosigkeit und die Schauspielerinnen und Schauspieler wollen nicht mehr von autoritären Regisseuren regiert werden. Andere Anforderungen werden von sowohl von Seiten der Neuen Linken und der alten Bürger als auch von der sozialdemokratischen Kulturpolitik und den Theaterbetrieben selbst an die Stadttheater herangetragen, zu denen sie sich verhalten mussten. Theater soll gesellschaftlich werden. Doch wie kann es das werden, ohne sich selbst als Theater mit einer eigenständigen Historie und Praxis aufzugeben?
Mit Michel Foucault als Gewährsmann entwickelt das Buch eine für die Theaterwissenschaft neue Methode der Dispositivanalyse. Im Dispositiv des Regietheaters der 1970er Jahre verschränken sich seit dem 19. Jahrhundert entwickelte Wissensbestände über das Theater und seine Akteure mit Fragen der Machtausübung innerhalb und außerhalb der Theaterinstitution. In diesem Spannungsfeld zwischen Wissen und Macht stellt das Buch die Frage, auf welches Problem der Zeit die Formation des Regietheaters eine Antwort gefunden hat. Es fragt daher nicht nach individuellen Regiestilen von Regisseuren wie Peter Stein, Peter Zadek, Claus Peymann oder Hans Neuenfels, dessen Frankfurter Inszenierungen einen Ausgangspunkt der Untersuchung bilden. Es fragt vielmehr danach, was sie gemeinsam haben.
Die Antwort auf die Frage, wie Theater gesellschaftlich werden kann, findet das Buch zum einen in einem neuen Aufführungstyp, der hier Regietheater genannt wird. Das Regietheater verwandelt durch seine Verfahren gesellschaftlich erfahrene Gewalt in Spiel, um diese zu bannen. Es leistet Trauerarbeit. Zum anderen liegt die Antwort in der Re-Organisation der Arbeitsweisen in den Betrieben im Zuge umfassender Mitbestimmungsdebatten. Gesellschaftlich wird Theater dadurch, dass es zur Emanzipation der Bürger und Bürgerinnen sowie der ganzen Gesellschaft beiträgt. Es kann dies tun, indem es Erfahrungen sowohl für die Spielenden als auch die Zuschauenden im Umgang mit den klassischen Dramentexten ermöglicht. Zwischen Emanzipation und Erfahrung, zwischen gesellschaftskritischen Anspruch und zunehmender Individualisierung der Gesellschaft als Fallout der Protestbewegung, stillt das westdeutsche Regietheater der 1970er Jahre den Erfahrungshunger der Zeit.

Autor

Dr. Gerald Siegmund ist Professor für Angewandte Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Seine Forschungsschwerpunkte sind das Gegenwartstheater und der zeitgenössische Tanz, Ästhetik, Theatertheorien, Performance, Intermedialität und die vielfältigen Grenzbereiche des Theaters zu den anderen Künsten. Er hat zahlreiche Essays und Texte zu namhaften Choreografinnen und Choreografen geschrieben, u.a. zu William Forsythe, Meg Stuart, Jérôme Bel, Xavier Le Roy und Raimund Hoghe. Zuletzt erschienen: Theater- und Tanzperformance zur Einführung: Hamburg: Junius Verlag, 2020.

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