Die gesellschaftspolitische Geschichte des Faust-Mythos
(Kartonierte Ausgabe)
- wbg Academic in der Verlag Herder GmbH
- 1. Auflage 2026
- Kartoniert
- 544 Seiten
- ISBN: 978-3-534-64220-5
- Bestellnummer: P3642204
Faust als europäische Symbolfigur der Neuzeit
Faust repräsentiert wie keine andere Figur in der Menschheitsgeschichte die europäische Neuzeit. Er steht für die Autonomie des Menschen, er ist Sinnbild für die Unabhängigkeit des Einzelnen, für die Beherrschung der Natur und die Einschränkung göttlicher Macht.
Der historische Johann Faustus erregte mit seinen verblüffenden Naturexperimenten bei seinem Publikum auf Jahrmärkten und adeligen Festen Aufsehen, galt als Magier, begabt mit übernatürlichen Kräften. Schon zu Lebzeiten eine Legende, begann sein Siegeszug nach seinem Tod als literarische Figur, die den Teufel in seinen Dienst zwingt und dessen Fähigkeiten zur Manipulation der Natur nutzt.
Die literarische Karriere der Faust-Figur verläuft von der Ermordung durch den Teufel im Volksbuch und bei Marlowe bis zum Sieg über den Teufel bei Lessing und Goethe zwei Jahrhunderte später. Die Geschichte der Nachwirkung erweist, dass Fausts Bedeutung fast explosionsartig ansteigt, als niemand mehr an den Teufel glaubt.
Die Ursache liegt im Umbruch des Welt- und Menschenbildes. In einem langen Kampf wird das biblisch christliche Bild der Welt durch die empirische Natur ersetzt, erfasst und genutzt in mathematisch formulierten Gesetzen. Der Individualismus, die Selbstverantwortung des Einzelnen, befreit den Menschen von der Allmacht des christlichen Gottes und öffnet die Klammer der sozialen Verkehrsformen.
Goethes Beitrag zur Weiterentwicklung der Faust-Figur liegt in dem neuen Thema der Beziehungen zwischen den Geschlechtern, die dem ersten Teil der Tragödie eine einzigartige Wirkung verschaffte und der gesamten Tragödie den Titel eines Nationaldramas im Rang einer neuen Bibel eintrug.
In der Kombination von produktiver Naturbeherrschung und Liebesproblematik traf Goethe den Nerv der Industriegesellschaften. Generationen haben ihre Konflikte an Goethes Faust-Figur abgearbeitet. Ob Naturzerstörung oder Bankendesaster: Faust taugt auch im 21. Jahrhundert als Diskussionsfigur.
Das vorliegende Buch stellt die Geschichte der Faust-Diskussion durch fast dreieinhalb Jahrhunderte in den verschiedenen Sparten dar: Dichtungen, Aufführungen, bildliche Gestaltungen, Zeugnisse persönlicher Identifikationen, Interpretationen. Damit ist diese Darstellung ein Geschichtsbuch über das Selbstverständnis von Gesellschaften.
Autor
Prof. Dr. Rüdiger Scholz lehrte bis 2004 Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Freiburg. Er hat Bücher über Jean Paul, Lessing, Heine und Max von der Grün geschrieben. Zu Goethe veröffentlichte er die Akten der drei Kindesmordfälle in Weimar 1781–83. Er hat über Goethes „Faust“ und die Geschichte der ‚Faust‘-Rezeption Bücher publiziert und sich mit Aufsätzen und Rezensionen an der Faust-Diskussion beteiligt.