Bei Ausgrabungen in Vindolanda am Hadrianswall ist Archäologen ein außergewöhnlicher Fund gelungen: Unter dem Fußboden eines Kasernengebäudes aus dem 4. Jahrhundert kam ein hervorragend erhaltenes römisches Steinrelief zum Vorschein. Die Darstellung zeigt einen Genius, einen Schutzgeist, der in der römischen Religion als Beschützer eines Ortes oder Haushalts verehrt wurde.
Entdeckt wurde das Relief am 16. Juni 2026 von Dr. Andrew Birley, dem Ausgrabungsleiter der Grabungen in Vindolanda. Während der Untersuchungen stieß er auf einen ungewöhnlich geformten Stein. Als er diesen vorsichtig umdrehte, erschien das Gesicht einer fein gearbeiteten römischen Figur. Seit seiner absichtlichen Niederlegung unter dem Kasernenboden war das Relief über mehr als sechzehn Jahrhunderte unberührt geblieben. Die geschützte Lage im Boden sorgte für einen bemerkenswert guten Erhaltungszustand. Nach Einschätzung der Archäologen gehörte die Skulptur ursprünglich zu einem Hausschrein und diente der Verehrung eines Genius, der Schutz, Wohlstand und Glück gewährleisten sollte.
Ein bedeutender Beitrag zur Erforschung römischer Religion
Das Relief ist nicht nur aufgrund seines hervorragenden Erhaltungszustands von besonderem Interesse. Es liefert auch wertvolle Hinweise auf religiöse Praktiken im römischen Britannien.
Dargestellt ist der Genius mit einem Füllhorn als Symbol für Wohlstand und Überfluss. In der anderen Hand hält die Figur eine Patera, eine flache Opferschale, die bei kultischen Handlungen verwendet wurde. Die ikonographischen Merkmale ermöglichen eine eindeutige Identifizierung der Darstellung.
Während Inschriften, die einem Genius gewidmet sind, im römischen Britannien vergleichsweise häufig vorkommen, zählen erhaltene Steinreliefs dieser Art zu den seltenen Funden. Das Objekt erweitert daher den Bestand römisch-britischer Skulpturen um ein wichtiges Beispiel und bietet die seltene Möglichkeit, eine solche Darstellung in ihrem ursprünglichen archäologischen Kontext zu untersuchen.
Hinweise auf lokale Handwerkstraditionen
Nach ersten Einschätzungen könnte das Relief vor Ort gefertigt worden sein. Denkbar ist sowohl die Arbeit eines Steinmetzen aus Vindolanda als auch die Herstellung in einer regionalen Werkstatt. Vergleichbare Traditionen sind aus anderen römischen Zentren Nordbritanniens bekannt, darunter das Kastell Lanchester im heutigen County Durham.
Die weiteren Untersuchungen sollen Aufschluss über Herkunft, Datierung und Herstellungstechnik der Skulptur geben. Gerade die Verbindung aus künstlerischer Ausführung und gesichertem Fundzusammenhang macht den Fund für die Forschung besonders wertvoll.
Restaurierung und zukünftige Präsentation
Derzeit wird die Skulptur restauriert und wissenschaftlich untersucht. Anschließend soll sie im Museum von Vindolanda öffentlich ausgestellt werden. Besucher werden dann die Gelegenheit haben, einem steinernen Schutzgeist gegenüberzutreten, der mehr als sechzehn Jahrhunderte verborgen unter dem Boden einer römischen Kaserne überdauerte.
Quelle: Vindolanda Trust