Hannibals Alpenüberquerung: Studie liefert neue Hinweise auf die Route über den Col de la Traversette

Eine neue Studie legt nahe, dass Hannibal seine Armee im Jahr 218 v. Chr. über den Col de la Traversette durch die Alpen führte. Mithilfe bioenergetischer Modelle berechneten Forscher den Energieaufwand verschiedener Alpenrouten und kommen zu dem Ergebnis, dass die Traversette-Route für Soldaten, Pferde und Kriegselefanten die effizienteste Option gewesen wäre. Die Untersuchung liefert damit neue Argumente in einer seit Jahrhunderten geführten Debatte der historischen und archäologischen Forschung.

Verschneite Berggipfel erstrecken sich unter klarem Himmel. Die Gebirgszüge verlaufen in mehreren Ketten, Täler und Höhenzüge sind deutlich voneinander abgegrenzt. Im Vordergrund und in der Bildmitte sind die Gipfel besonders markant, während sie zum Horizont hin in Dunst übergehen. Die Lichtverhältnisse betonen die Reliefstruktur der Landschaft.
Im Oktober sind die Gipfel der Alpen bereits schneebedeckt. Hannibal überquerte die Gebirge vermutlich zu dieser Jahreszeit.© Fritz Vollrath

Die Alpenüberquerung des karthagischen Feldherrn Hannibal zählt zu den bekanntesten militärischen Unternehmungen der Antike. Im Jahr 218 v. Chr. führte er während des Zweiten Punischen Krieges eine Armee von etwa 40.000 Soldaten, 7.000 Pferden und 37 Kriegselefanten über die Alpen nach Italien. Welche Route das Heer dabei tatsächlich nahm, ist jedoch bis heute umstritten.

Eine jetzt veröffentlichte Studie von Forschern des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universität Oxford bringt neue Bewegung in die Debatte. Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) und sprechen dafür, dass Hannibal den Col de la Traversette nutzte.

Bioenergetische Modelle als neues Werkzeug der Geschichtsforschung

Um die Plausibilität verschiedener Alpenpässe zu überprüfen, verfolgte das Forschungsteam einen ungewöhnlichen Ansatz. Statt sich ausschließlich auf antike Quellen oder topografische Vergleiche zu stützen, berechneten die Wissenschaftler den Energieaufwand, den eine Armee mit Soldaten, Pferden und Elefanten für die Überquerung verschiedener Alpenrouten hätte aufbringen müssen.

Grundlage der Analyse waren digitale Routenmodelle und Höhendaten. Besonders im Fokus standen die Kriegselefanten, deren Energieverbrauch mithilfe bioenergetischer Modelle rekonstruiert wurde. Dafür nutzten die Forscher Daten heutiger afrikanischer Elefanten, um den Zusammenhang zwischen Körpermasse, Geländesteigung und Energiebedarf zu berechnen.

Col de la Traversette erweist sich als effizienteste Route

Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen den untersuchten Alpenpässen. Demnach wäre die Route über den Col de la Traversette nicht nur die kürzeste, sondern auch die energieeffizienteste gewesen.

Für die gesamte Armee errechneten die Wissenschaftler einen Energieaufwand von 5,42 Terajoule. Damit lag die Traversette-Route vor allen anderen untersuchten Alternativen:

  • Col de la Traversette: 5,42 TJ
  • Col de Montgenèvre: 6,02 TJ
  • Col du Clapier: 6,28 TJ
  • Col du Mont Cenis: 6,45 TJ

Im Vergleich zur Traversette-Route hätten die anderen Wege einen um 11 bis 19 Prozent höheren Energieverbrauch verursacht. Besonders bemerkenswert ist, dass der Col du Clapier, der bislang häufig als wahrscheinlichste Route galt, im energetischen Vergleich nur den dritten Platz belegt.

Ein Marsch an den Grenzen der Belastbarkeit

Die Modellrechnungen verdeutlichen zugleich die enormen körperlichen Anforderungen, denen Hannibals Heer ausgesetzt gewesen sein muss. Selbst auf der günstigsten Route hätten die Soldaten rund 19 Prozent ihrer Körperfettreserven verloren. Diese Werte liefern eine mögliche Erklärung für die hohen Verluste während des Alpenmarsches.

Für die Kriegselefanten fiel die Bilanz deutlich günstiger aus. Nach den Berechnungen hätten sie lediglich etwa vier Prozent ihrer Energiereserven eingebüßt. Dies könnte erklären, warum ein beträchtlicher Teil der Tiere die beschwerliche Alpenüberquerung überstand.

Neue Argumente für eine alte Debatte

Die Studie liefert keine endgültige Antwort auf die Frage nach Hannibals Weg über die Alpen. Sie ergänzt die Diskussion jedoch um einen neuen quantitativen Ansatz und stärkt die Argumente für die Traversette-Route.

Co-Autor Dr. Emilio Berti vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig und der Friedrich-Schiller-Universität Jena sagt: „Die Frage nach Hannibals genauer Route wird seit Generationen diskutiert. Die neue Analyse beseitigt zwar nicht alle Unklarheiten, liefert aber zusätzliche Argumente für die Traversette-Route. Sie zeigt, dass diese Route den Anforderungen eines Marsches einer großen Armee mit Elefanten durch anspruchsvolles Gelände am besten entsprochen hätte.“

Interdisziplinäre Forschung eröffnet neue Perspektiven

Die Untersuchung zeigt exemplarisch, wie moderne wissenschaftliche Methoden historische Fragestellungen neu beleuchten können. Durch die Kombination antiker Überlieferungen mit digitalen Geländedaten und bioenergetischen Modellen entsteht ein differenzierteres Bild eines der berühmtesten Feldzüge der Antike.

Ungeklärt bleibt hingegen weiterhin, warum Hannibal überhaupt Elefanten über die Alpen führte. Möglicherweise sollten die Tiere gegenüber den Römern einen psychologischen und taktischen Vorteil schaffen. Ebenso denkbar ist, dass Hannibal mit ihnen die keltischen Stämme Norditaliens beeindrucken und als Verbündete gewinnen wollte.

Fest steht jedoch: Die neuen Berechnungen liefern ein weiteres wichtiges Puzzlestück bei der Rekonstruktion eines historischen Ereignisses, das Historiker und Archäologen seit Jahrhunderten beschäftigt.

Quelle: iDiv

Originalpublikation:
Berti, E. & Vollrath, F. (2026). Energy costs of Hannibal’s alpine crossing. Proceedings of the National Academy of Sciences. https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2612764123

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