Römische Monumentalbauten als Schlüssel zum Verständnis des Imperiums: Neues Forschungsprojekt untersucht Rhein- und Donauraum

Ein neues Forschungsprojekt des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) untersucht die Rolle römischer Monumentalbauten bei der Entwicklung des Römischen Reiches. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Bauprojekte Ressourcenströme, Umweltveränderungen, soziale Organisation und politische Entscheidungsprozesse beeinflussten. Mithilfe innovativer digitaler Methoden sollen die Bauwerke als historische Archive erschlossen und neue Einblicke in die Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte der römischen Grenzregionen gewonnen werden.

Ein massives, hell verputztes Gebäude mit mehreren rechteckigen Fenstern und einem roten Ziegeldach steht im Mittelpunkt. Links schließt sich ein Rundturm an, dessen unterer Teil aus grob behauenen, hellen Steinquadern besteht und deutlich älter wirkt als das restliche Mauerwerk. In der Mitte des Gebäudes befindet sich ein großer, bogenförmiger Durchgang aus unregelmäßigem Stein, der auf römische Bausubstanz hindeutet. Der Boden ist mit Kopfsteinpflaster bedeckt, einzelne Poller grenzen den Gehweg ab. Im Hintergrund sind weitere historische Gebäude mit roten Dächern zu erkennen.
Mit dem heute noch sichtbaren Torbogen und dem Rest eines Turms ist die Porta Praetoria in Regensburg eines der wenigen erhaltenen römischen Toranlagen nördlich der Alpen© Peter Ferstl, Bildstelle der Stadt Regensburg

Wie beeinflussten monumentale Bauprojekte die Entwicklung des Römischen Reiches? Welche Folgen hatten sie für Umwelt, Ressourcenmanagement und gesellschaftliche Organisation? Diesen Fragen widmet sich das neue Forschungsprojekt „ConstruEnS – Construction, Environment, and Society on the Rhine and Danube Frontiers of the Roman Empire“, das in den kommenden fünf Jahren mit knapp 2,5 Millionen Euro aus einem ERC Advanced Grant des Europäischen Forschungsrats gefördert wird.

Das Vorhaben wird vom Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA) gemeinsam mit weiteren Forschungseinrichtungen durchgeführt und verfolgt einen neuartigen Ansatz: Erstmals sollen die Wechselwirkungen zwischen Architektur, Gesellschaft, Umwelt und politischen Entscheidungsprozessen im Römischen Reich systematisch analysiert werden.

Bauwerke als historische Archive

Monumentale Bauwerke gehören zu den sichtbarsten Hinterlassenschaften der römischen Antike. Bislang standen dabei vor allem architektonische und kunsthistorische Aspekte im Mittelpunkt der Forschung. ConstruEnS erweitert diese Perspektive deutlich.

„Während monumentale Bauwerke bis heute die öffentliche Wahrnehmung des Römischen Reiches prägen, wurden sie bislang vor allem als Zeugnisse architektonischer oder kunsthistorischer Leistungen betrachtet“, erläutert Projektleiter Prof. Dr. Dominik Maschek, Leiter des Kompetenzbereichs „Römische Archäologie“ am LEIZA und Stellvertreter der Generaldirektorin. „ConstruEnS versteht die Bauten dagegen als komplexe historische Archive, die Informationen zum Beispiel über Ressourcenströme, Arbeitsorganisation, technologische Innovationen, Umweltveränderungen und soziale Dynamiken bewahren“, so Maschek weiter.

Die Forscher betrachten die Bauwerke damit nicht mehr allein als Ergebnis historischer Entwicklungen, sondern als zentrale Quellen für die Rekonstruktion von Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte.

Paradigmenwechsel in der Erforschung antiker Gesellschaften

Mit diesem Ansatz verfolgt das Projekt das Ziel, neue Maßstäbe in den Altertumswissenschaften zu setzen. Hierfür sollen innovative digitale Werkzeuge, analytische Verfahren und Modellierungsansätze entwickelt werden, die komplexe Zusammenhänge zwischen Bauprojekten, Ressourcenverbrauch und gesellschaftlicher Entwicklung sichtbar machen.

Die Untersuchung historischer Architektur wird damit zu einem Instrument, um grundlegende Prozesse vormoderner Gesellschaften besser zu verstehen – von der Organisation großer Infrastrukturmaßnahmen bis hin zum Umgang mit natürlichen Ressourcen.

Rhein und obere Donau als Forschungsraum

Im Zentrum der Untersuchungen stehen bedeutende römische Monumentalbauten entlang der ehemaligen Nordgrenzen des Imperiums. Analysiert werden Fundorte in Xanten, Köln, Mainz, Regensburg sowie in der römischen Stadt Carnuntum im heutigen Niederösterreich.

Zwischen dem 1. und 4. Jahrhundert n. Chr. entwickelten sich diese Regionen zu wichtigen urbanen und militärischen Zentren des Reiches. Aufgrund ihrer guten archäologischen Überlieferung bieten sie ideale Voraussetzungen, um langfristige Auswirkungen von Bauvorhaben auf Gesellschaft und Umwelt zu untersuchen.

Interdisziplinäre Methoden und digitale Infrastruktur

ConstruEnS verbindet unterschiedliche Disziplinen zu einem gemeinsamen Forschungsprogramm. Beteiligt sind Archäologie, Architekturgeschichte, Archäometrie, Geowissenschaften, Alte Geschichte und Informatik. Die gewonnenen Daten werden mithilfe neu entwickelter digitaler Analysewerkzeuge ausgewertet und anschließend in einer frei zugänglichen Online-Datenbank zusammengeführt. Dadurch sollen die Forschungsergebnisse langfristig für die wissenschaftliche Gemeinschaft nutzbar gemacht werden.

„Das Projekt etabliert wegweisende Standards für die Altertumswissenschaften und verdeutlicht anschaulich, wie die Erforschung antiker Monumentalbauten neue Perspektiven auf zentrale Herausforderungen menschlicher Gesellschaften eröffnen kann – von der Organisation komplexer Infrastrukturen bis zum Umgang mit Umwelt und Ressourcen“, zeigt die Generaldirektorin des LEIZA und Vizepräsidentin der Leibniz-Gemeinschaft Univ.-Prof. Dr. Alexandra W. Busch den anspruchsvollen Ansatz des Vorhabens auf.

„Wir freuen uns darauf, ConstruEnS am LEIZA anzusiedeln, denn diese Ausrichtung der Forschung spiegelt sehr gut das Bestreben unserer Einrichtung wider, aus der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft zu lernen“, betont Busch.

Europäisches Forschungsnetzwerk entlang der römischen Nordgrenze

Das Projekt wird gemeinsam vom LEIZA, der Universität Trier und der Ruhr-Universität Bochum getragen. Darüber hinaus sind zahlreiche Denkmal- und Forschungseinrichtungen entlang der ehemaligen römischen Nordgrenzen Europas beteiligt.

Zu den Partnern zählen der Archäologische Park Xanten, das Römisch-Germanische Museum Köln, die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, das Amt für kulturelles Erbe der Stadt Regensburg sowie der Archäologische Park Carnuntum und das Museum Carnuntinum in Niederösterreich.

Mit diesem europaweiten Forschungsverbund soll ein umfassendes Bild darüber entstehen, welche Rolle monumentale Bauprojekte für die Stabilität, Organisation und Entwicklung des Römischen Reiches spielten – und welche Spuren diese Prozesse noch heute in den archäologischen Quellen hinterlassen haben.

Quelle: LEIZA

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