Im Vorfeld des Baus der Gleichstromverbindung SuedOstLink führt das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt in enger Abstimmung mit dem Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz umfangreiche Rettungsgrabungen durch. An verschiedenen Stellen entlang des Trassenverlaufs ermöglichen diese Einblicke bedeutende, mitunter überraschende neue Erkenntnisse zur Nutzungsgeschichte der seit Jahrtausenden besiedelten Kulturlandschaft zwischen Wolmirstedt und der südlichen Landesgrenze bei Droyßig.
Siedlungskontinuität über Jahrtausende
Besonders aufschlussreich erweist sich eine Anhöhe bei Gerstewitz im Burgenlandkreis, die Siedlungsspuren aus rund 6000 Jahren aufweist. Archäologische Befunde belegen hier eine außergewöhnlich dichte Nutzung des Areals in verschiedenen prähistorischen Epochen.
Während der Baalberger Kultur (ca. 4000–3400 v. Chr.) wurde ein bis zu 15 Meter hoher Grabhügel errichtet, der eine hölzerne Totenhütte überdeckte. In der nachfolgenden Salzmünder Kultur (ca. 3400–3100 v. Chr.) entstand ein komplexes dreifaches Wall-Graben-System. Innerhalb dieser Anlage wurden offenbar rituelle Handlungen durchgeführt, wovon mehrere bis zu 2,5 Meter tiefe Gruben mit verbrannten Hausresten sowie Tier- und Menschenknochen zeugen.
Eine ungewöhnliche Bestattung der Schnurkeramik
Im Zentrum der aktuellen Forschung steht ein neu entdecktes Grab aus der Zeit der Schnurkeramik (ca. 2900–2050 v. Chr.). Die Bestattung weist mehrere Besonderheiten auf, die sie von bislang bekannten Befunden abheben.
Der Verstorbene, ein etwa 25 Jahre alter Mann, wurde in einer Ofengrube beigesetzt, die aus zwei unterirdisch verbundenen Hohlräumen bestand. Solche Gruben sind bislang in der Regel fundleer und werden selten als Bestattungsorte genutzt.
Die Lage des Körpers entspricht dem typischen Bestattungsritual der Schnurkeramik: Der Tote lag in Hockerstellung auf der rechten Seite, mit Blick nach Süden. Auffällig ist jedoch die Verschiebung des Oberkörpers, die darauf hindeutet, dass der Leichnam ursprünglich auf einer organischen Unterlage gebettet gewesen sein könnte.
Hinweise auf Gewalt oder rituelle Handlung
Besondere Aufmerksamkeit richtet sich auf den Schädel des Toten, der eine Verletzung aufweist. Diese Beobachtung eröffnet mehrere Interpretationsmöglichkeiten: Der Mann könnte Opfer eines Gewaltverbrechens geworden sein oder nach einem tödlichen Ausgang eines Kampfes hastig in der bereits vorhandenen Grube beigesetzt worden sein.
Eine alternative Deutung verweist auf rituelle Praktiken. Ofengruben der Schnurkeramik enthalten in seltenen Fällen vollständige Rinderkadaver oder zerlegte Hundeskelette, die als Opfergaben interpretiert werden. In diesem Kontext könnte auch die Niederlegung eines Menschen Teil kultischer Handlungen gewesen sein. Weitere Erkenntnisse zu der rätselhaften Bestattung von Gerstewitz sollen nun Untersuchungen im Labor ergeben.
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt - Landesmuseum für Vorgeschichte