Neue Erkenntnisse zur Frühgeschichte Süditaliens: SIRIS-Project entdeckt archaische Befestigungen und außergewöhnliche Votivfunde

Neue Ausgrabungen des internationalen SIRIS-Project in Policoro liefern wichtige Erkenntnisse zur Frühgeschichte Süditaliens. Erstmals konnte ein bislang unbekanntes Verteidigungssystem aus ungebrannten Lehmziegeln nachgewiesen werden, das noch vor der Gründung von Herakleia entstand. Zudem brachten die Forschungen im archaischen Demeter-Heiligtum neue Votivdepots mit eisernen Obeloi ans Licht und erweitern damit das Wissen über Siedlungsentwicklung, Kultpraxis und soziale Strukturen der griechischen Kolonien im westlichen Mittelmeerraum.

Luftaufnahme einer rechteckigen Ausgrabungsstätte mit klar abgegrenzten, geraden Kanten. In der Mitte befindet sich eine tieferliegende, quadratische Grube. Mehrere Personen stehen oder gehen am Rand der Ausgrabung, einige tragen helle Oberteile. Am unteren Bildrand liegen verschiedene Ausrüstungsgegenstände und Taschen auf dem Boden. Der umliegende Bereich besteht aus aufgelockerter Erde, an den Rändern ist etwas Grünbewuchs zu sehen.
© Yuri Gröne, mit freundlicher Genehmigung des Ministero della Cultura – Musei Nazionali di Matera | Direzione Regionale Musei Nazionali Basilicata.

Mit bedeutenden Neufunden hat das internationale SIRIS-Project während seiner Forschungskampagne 2026 neue Einblicke in die Frühgeschichte Süditaliens gewonnen. Das von der Humboldt-Universität zu Berlin gemeinsam mit der Direzione Regionale Musei Nazionali Basilicata und dem Museo Archeologico Nazionale della Siritide durchgeführte Projekt untersucht die Entwicklung der antiken griechischen Kolonie Siris im heutigen Policoro am Golf von Tarent in der Region Basilikata. 

Unter der wissenschaftlichen Leitung von Annarita Doronzio und Carmelo Colelli gelang die Identifizierung eines bislang unbekannten Verteidigungssystems aus ungebrannten Lehmziegeln. Die monumentalen Strukturen wurden in einem Areal entdeckt, das zuvor archäologisch nicht systematisch erforscht worden war.

Neue Perspektiven auf die Urbanisierung der Region

Die neu freigelegten Befunde stammen aus der Zeit vor der Gründung der Stadt Herakleia. Damit liefern sie wertvolle Hinweise auf die frühe Stadtentwicklung und die Verteidigungsstrategien griechischer Siedlungen im westlichen Mittelmeerraum.

Die Entdeckung hat das Potenzial, die Rekonstruktion der Topographie des archaischen Siris grundlegend zu verändern. Zugleich ermöglicht sie neue Einblicke in die Organisation und räumliche Ausdehnung einer der bedeutenden griechischen Niederlassungen Süditaliens.

Älteste bekannte Struktur im Demeter-Heiligtum

Parallel zu den Untersuchungen im Siedlungsbereich konzentrierten sich die Forschungen auf das archaische Demeter-Heiligtum. Dort legte das Team eine mindestens 6,50 Meter lange Mauer frei, deren Errichtung vor die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. datiert.

Nach aktuellem Forschungsstand handelt es sich um die bislang älteste bekannte bauliche Struktur des Heiligtums. Der Fund bietet neue Anhaltspunkte für die Entstehungsgeschichte und Entwicklung des Kultplatzes.

Eiserne Obeloi geben Einblick in Kult und Wirtschaft

Besonders bemerkenswert sind neu entdeckte Votivdepots mit zahlreichen eisernen Obeloi. Dabei handelt es sich um lange eiserne Bratspieße, die in der archaischen Welt sowohl im religiösen Kontext als auch im wirtschaftlichen Leben eine Rolle spielten.

Die Obeloi gelten als bedeutende Zeugnisse archaischer Kultpraktiken. Gleichzeitig werden sie in der Forschung als standardisierte Wertobjekte diskutiert, die als Vorläufer späterer monetärer Systeme interpretiert werden können.

Um die Fundzusammenhänge möglichst präzise zu bewahren, wurden die Depots mithilfe von Mikrograbungstechniken geborgen. Dadurch bleibt ihre ursprüngliche stratigraphische Einbettung für die weitere wissenschaftliche Auswertung vollständig erhalten.

Moderne Methoden erweitern das archäologische Bild

Das SIRIS-Project verbindet klassische Feldarchäologie mit digitalen und naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden. Sämtliche Befunde und Funde werden durch Photogrammetrie, 3D-Modellierung und GIS-gestützte Dokumentation erfasst.

Ergänzend kommen archäometrische und naturwissenschaftliche Analysen zum Einsatz. Bereits durchgeführte chemische Untersuchungen organischer Rückstände konnten Wein in rituell genutzten Gefäßen des Demeter-Heiligtums nachweisen. Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise auf kultische Handlungen und religiöse Praktiken der antiken Gemeinschaft.

Forschungsergebnisse direkt im Museum sichtbar

Ein zentrales Anliegen des Projekts ist die unmittelbare Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse an die Öffentlichkeit. Mehrere Funde der Grabungskampagne 2025 sind bereits im Museo Archeologico Nazionale della Siritide in Policoro ausgestellt.

Dazu gehören das sogenannte „Humboldt-Votivdepot“ mit nahezu vollständig erhaltenen Gefäßen sowie eine außergewöhnliche archaische Terrakotta-Statuette. Die Objekte sind derzeit im Rahmen der Ausstellung „Le dee del grano“ zu sehen.

Autorin: Dr. Annarita Doronzio
Humboldt-Universität zu Berlin
Winckelmann-Institut für Klassische Archäologie

Siris-Projekt

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