Im Vorderen Orient entwickelte sich bereits im dritten Jahrtausend vor Christus eine hochkomplexe Schriftkultur, deren Zeugnisse bis heute in Form von Keilschrifttafeln erhalten sind. Die Schrift wurde mit keilförmigen Griffeln in feuchten Ton gedrückt und anschließend getrocknet. Auf diese Weise entstanden langlebige Dokumente, die zentrale Informationen über Verwaltung, Wirtschaft und Alltag enthalten.
Ein Großteil dieser Tontafeln ist im Laufe der Jahrtausende fragmentiert worden. Die erhaltenen Bruchstücke befinden sich heute in Sammlungen weltweit. Für die Forschung stellt ihre Rekonstruktion eine zentrale Herausforderung dar: Erst durch das korrekte Zusammensetzen der Fragmente lassen sich die Texte vollständig erschließen.
Digitale Meilensteine in der Hethitologie
Seit Jahrzehnten widmet sich ein Forschungsteam der Universität Würzburg und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz der systematischen Erschließung hethitischer Texte. Die Hethiter, die vor rund 3.500 Jahren in Anatolien lebten, nutzten ein umfangreiches Schriftsystem mit etwa 375 Zeichen, die sowohl Silben als auch ganze Wörter repräsentieren.
Ein bedeutender Schritt war die Etablierung des Hethitologie-Portals Mainz, das heute einen digitalen Katalog von rund 30.000 Fragmenten sowie umfangreiche Forschungsressourcen bereitstellt. In den folgenden Jahren wurden weitere digitale Werkzeuge entwickelt, darunter 3D-Analyseverfahren für Keilschriftzeichen und Suchfunktionen für transliterierte Texte.
„Palaeographicum“: KI erkennt individuelle Schriftmerkmale
Mit „Palaeographicum“ steht nun ein weiteres innovatives Instrument zur Verfügung. Das Tool analysiert digitalisierte Fotografien von Tontafeln und identifiziert individuelle Varianten einzelner Keilschriftzeichen. Es durchsucht den gesamten Datenbestand nach ähnlichen Zeichenformen und stellt diese vergleichend in Bildtabellen dar.
Die aktuelle Version greift auf rund 70.000 Fotografien mit mehr als fünf Millionen dokumentierten Zeichen zu. Entwickelt wurde das System in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dortmund.
Handschriftliche Individualität als wissenschaftlicher Schlüssel
Die Bedeutung dieser Funktion liegt in der Erkennung individueller Schreibstile. Trotz der standardisierten Technik der Keilschrift zeigen sich charakteristische Unterschiede: Schreibrhythmen, Schwungführung oder Abstände variieren von Schreiber zu Schreiber.
Diese Unterschiede ermöglichen es, einzelne Hände zu identifizieren und Fragmente desselben Ursprungs einander zuzuordnen. „Mit bloßem Auge schaffen wir das meist nur langsam und mit Mühe“, sagt Altorientalistik-Professor Gerfrid Müller.
Durch den Einsatz des neuen Tools wird dieser Prozess erheblich beschleunigt. „Das Palaeographicum verändert unsere Arbeit radikal, wir können damit tausende Arbeitsstunden einsparen“, sagt Professor Daniel Schwemer. Aufgaben, die zuvor mehrere Tage in Anspruch nahmen, lassen sich nun innerhalb weniger Minuten bewältigen.
Neue Perspektiven für Datierung und Kulturgeschichte
Neben der Rekonstruktion von Texten eröffnet das Tool weitere Forschungsperspektiven. Da hethitische Tontafeln in der Regel kein Datum tragen, können Veränderungen im Schriftbild als chronologische Indikatoren dienen. Die Analyse paläographischer Entwicklungen ermöglicht so eine genauere zeitliche Einordnung der Texte.
Der Name „Palaeographicum“ verweist auf dieses Forschungsfeld: die Paläographie als Lehre von der Entwicklung historischer Handschriften.
Weiterentwicklung und Zukunftsperspektiven
Das System wird kontinuierlich weiterentwickelt und durch neue Daten trainiert. Rückmeldungen aus der internationalen Fachcommunity fließen in die Optimierung ein. Die Resonanz ist bereits jetzt positiv; das Hethitologie-Portal gilt als zentrale Arbeitsplattform der Disziplin.
Langfristig verfolgen die Forscher ein ambitioniertes Ziel: Die automatische Identifikation individueller Schreiberhände. Dies würde nicht nur die Textrekonstruktion weiter verbessern, sondern auch neue Einsichten in die Sozialgeschichte der hethitischen Schriftkultur ermöglichen.
„Falls wir das Ziel erreichen, könnten wir ein besseres Bild davon bekommen, was einzelne Schreiber im Lauf ihres Berufslebens produziert haben“, sagt Daniel Schwemer, „und wir könnten eine Sozialgeschichte der hethitischen Schreibkultur erstellen.“
Quelle Universität Würzburg