Die Picener waren ein antikes Volk in Italien, das im 3. Jahrhundert v. Chr. im Römischen Reich aufging.
Die neuen Ausgrabungen bei Sirolo haben einen monumentalen Bestattungskomplex ans Licht gebracht, der das Verständnis der gesellschaftlichen Strukturen im Picenum des 6. Jahrhunderts v. Chr. erheblich erweitert.
Das Fürstengrab mit Streitwagen
Im Zentrum des neu entdeckten Monumentalkreises wurde ein großes Männergrab freigelegt. Es enthielt die Überreste eines Currus, eines zweirädrigen Streitwagens, der offenbar vollständig in die Grabgrube niedergelegt worden war.
Der Streitwagen gilt als eines der deutlichsten Symbole für den hohen sozialen Rang des Verstorbenen. Vergleichbare Funde sind bislang vor allem aus bedeutenden aristokratischen Gräbern des Picenum und anderer Regionen des vorrömischen Italiens bekannt.
Besonders bemerkenswert ist die Ausstattung des Grabes. Der Verstorbene war mit einer hochentwickelten Bewaffnung bestattet worden, darunter Helm, Speer, Langschwert und Dolch. Bereits frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass es sich um einen Angehörigen der gesellschaftlichen Elite handelte. Zu den herausragenden Grabbeigaben zählen außerdem eine kunstvoll gefertigte Bronze-Oinochoe griechisch-etruskischer Tradition sowie ein außerordentlich seltener Diphros, ein Klapphocker, der zu den exklusivsten Herrschaftsinsignien des vorrömischen Italien gehörte.
Neben Helm, Axt und weiteren Waffen wurden zusätzliche Objekte entdeckt, die derzeit restauriert und untersucht werden. Sie könnten auf bislang kaum bekannte Formen aristokratischer Machtdarstellung im Picenum hinweisen und neue Erkenntnisse über die Funktionen und Selbstdarstellung der herrschenden Schichten liefern.
Ein neuartiges monumentales Grabdenkmal
Die Architektur des Komplexes unterscheidet sich deutlich von bisher bekannten Gräberkreisen der Region.
Üblicherweise wurden monumentale Grabanlagen im Gebiet von Conero und Piceno durch ringförmige Gräben mit charakteristischem V-förmigem Querschnitt eingefasst. Diese markierten symbolisch die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und jener der Toten.
Der neu entdeckte Komplex folgt jedoch einem anderen Konzept. Die Begrenzung wird durch eine kreisförmige Palisade gebildet, deren Verlauf anhand regelmäßig angeordneter Pfostenlöcher rekonstruiert werden konnte. In deren Fundamenten fanden sich kleine Deponierungen ausgewählter Keramikfragmente. Diese Gestaltung deutet auf eine bewusste Inszenierung des heiligen Raumes und auf bislang unbekannte Formen monumentaler Grabbaukunst in der Region hin.
Spuren eines Totenmahls
Zu den außergewöhnlichsten Funden zählen mehrere große Bronzegefäße aus dem Fürstengrab. Die Gefäße waren mit Keramikdeckeln verschlossen und enthielten noch organisches Material, Keramikfragmente sowie Tierknochen.
Die Inhalte könnten Überreste eines Bestattungsmahls darstellen, das anlässlich der Beisetzung abgehalten wurde. Ebenso ist denkbar, dass es sich um Speiseopfer handelte, die den Verstorbenen symbolisch auf seiner Reise ins Jenseits begleiten sollten. Die Untersuchungen dieser Funde versprechen wichtige Erkenntnisse zu rituellen Praktiken und religiösen Vorstellungen der picenischen Gesellschaft.
Hochrangige Frauenbestattung neben dem Zentralgrab
In unmittelbarer Nähe des Fürstengrabs wurde zudem ein Frauengrab freigelegt. Die Bestattung enthielt außergewöhnlich gut erhaltene Hinweise auf Kleidung und Ausstattung.
Dokumentiert wurden Textilreste, Schmuck sowie Überreste von Schuhen mit erhaltenen Metallelementen. Zahlreiche Fibeln befanden sich noch an ihrer ursprünglichen Position an Brust, Schultern, Becken und Füßen und dienten einst der Befestigung von Kleidung und Leichentuch.
Das Grab der Frauenbestattung
© Soprintendenza Abap Ancona Pesaro Urbino
Besonders auffällig ist eine große Fibel mit Bernsteinkern, die oberhalb des Kopfes der Verstorbenen lag. Sie könnte Teil einer Kopfbedeckung oder der Frisur gewesen sein.
Die Befunde liefern wertvolle Hinweise auf die Rolle und Repräsentation hochrangiger Frauen innerhalb der aristokratischen Gesellschaft des Picenum und erweitern das Wissen über geschlechtsspezifische Aspekte der Bestattungsrituale.
Eine weit größere Nekropole als bislang angenommen
Der neu entdeckte Komplex liegt in unmittelbarer Nähe des bekannten „Grabes der Königin“ und der sogenannten Nekropole der Pinien. Erste Untersuchungen sowie geophysikalische Prospektionen deuten darauf hin, dass sich die Gräberlandschaft weit über die bislang bekannten Grenzen hinaus erstreckte.
Die Anlage befindet sich auf einer natürlichen Anhöhe mit weitem Blick über die Umgebung. Die Wahl dieses exponierten Standorts erscheint bewusst erfolgt zu sein. Offenbar sollte das Grabdenkmal innerhalb der Landschaft weithin sichtbar sein und seinen monumentalen sowie symbolischen Charakter betonen.
Neue Perspektiven auf die Eliten des Picenum
Die Entdeckung erlaubt es erstmals, das bereits 2020 freigelegte Kriegergrab in seinen ursprünglichen räumlichen und sozialen Zusammenhang einzuordnen.
„Diese Entdeckung“, betont Archäologe Stefano Finocchi, wissenschaftlicher Leiter der Ausgrabung, „erlaubt es uns endlich, den ursprünglichen Kontext des im Jahr 2020 entdeckten Kriegergrabs zu rekonstruieren und es in einen größeren Bestattungskomplex einzuordnen, der um ein Fürstengrab mit Streitwagen herum angelegt ist.“
Die Befunde zeichnen das Bild einer gesellschaftlichen Elite, die ihre Stellung durch monumentale Grabanlagen, aufwendige Bestattungsrituale und exklusive Statussymbole demonstrierte. Zugleich weisen Qualität und Herkunft einzelner Objekte auf ein dichtes Netzwerk politischer und kultureller Beziehungen hin, das die Region an der zentralen Adria mit bedeutenden Zentren Mittelitaliens verband.