Eine neue archäogenetische Studie liefert Hinweise darauf, dass politische Macht und gesellschaftlicher Status bei den Skythen und Saken der Eisenzeit möglicherweise innerhalb verwandtschaftlicher Netzwerke weitergegeben wurden. Durch die Verbindung archäologischer, anthropologischer und genetischer Daten zeichnet die Untersuchung ein differenziertes Bild der Entstehung sozialer Ungleichheit und politischer Autorität in den nomadischen Gesellschaften der eurasischen Steppe.
Monumentale Gräber als Zeichen sozialer Hierarchien
Die skythisch-sibirische Reiternomadenkultur verbreitete sich im ersten Jahrtausend v. Chr. über weite Teile Eurasiens – vom Altai-Gebirge bis an das Schwarze Meer. Charakteristisch für diese Epoche sind die monumentalen Kurgane, in denen hochrangige Männer und Frauen mit kostbaren Goldornamenten, Waffen und Tieropfern bestattet wurden.
Gleichzeitig existierten deutlich bescheidenere Gräber mit wenigen oder ganz ohne Beigaben. Archäologen werten diese Unterschiede seit Langem als Hinweise auf zunehmende soziale Ungleichheiten und die Herausbildung von Eliten. Unklar blieb bislang jedoch, ob gesellschaftliche Spitzenpositionen individuell erworben oder innerhalb bestimmter Familienlinien weitergegeben wurden.
85 Genome aus der Eisenzeit untersucht
Um dieser Frage nachzugehen, analysierte ein internationales Forschungsteam die genomweite DNA von 85 Individuen aus Zentral-Eurasien. Die Stichprobe umfasste 38 Angehörige der Elite sowie 47 Personen aus Nicht-Elitebestattungen. Insgesamt wurden 46 Genome neu sequenziert.
Zu den bedeutendsten Ergebnissen zählt die erstmalige Untersuchung genomweiter Daten des berühmten „Goldenen Mannes“ von Issyk in Kasachstan – einer der bekanntesten Bestattungen der eisenzeitlichen Steppe.
Der „Goldene Mann“ von Issyk
Die Kurgane von Issyk, rund 50 Kilometer östlich von Almaty gelegen, gehören zu den herausragenden Fundstätten Zentralasiens. Dort wurde die auf die Zeit zwischen 400 und 300 v. Chr. datierte Bestattung des sogenannten „Goldenen Mannes“ entdeckt.
Die Person war in einer hölzernen Grabkammer beigesetzt worden, die mehr als 4.000 Goldornamente, Waffen, eine reich verzierte Kopfbedeckung, zoomorphe Schmuckobjekte sowie eine Silberschale mit bislang nicht entzifferter Schrift enthielt. Der Fund entwickelte sich zu einem Symbol der sakischen Kultur und zählt heute zu den bekanntesten archäologischen Entdeckungen Kasachstans.
Die neuen genetischen Daten ordnen den „Goldenen Mann“ innerhalb der bekannten genetischen Vielfalt eisenzeitlicher Saka-Gruppen ein. Gleichzeitig liefern sie eine Antwort auf eine lange diskutierte Frage: Die Bestattete Person war mit hoher Wahrscheinlichkeit männlich.
Verwandtschaft über große Entfernungen hinweg
Besonders aufschlussreich sind die nachgewiesenen familiären Beziehungen zwischen Angehörigen der Elite. Die Forschenden identifizierten enge Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Personen, die in mehr als 100 Kilometer voneinander entfernten Gräberfeldern bestattet worden waren.
Darüber hinaus fanden sich Hinweise auf Paarbeziehungen zwischen Verwandten. Insgesamt deuten die Daten darauf hin, dass Elitenstatus innerhalb miteinander verbundener Familienlinien erhalten und weitergegeben wurde.
„Wir hatten nicht erwartet, dass sozialer Status von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Es zeigte sich jedoch eindeutig, dass Personen mit hohem Status enger miteinander verwandt waren – selbst wenn sie an unterschiedlichen archäologischen Stätten bestattet worden waren – als mit Personen niedrigen Status, die an denselben Orten wie die Eliten begraben lagen“, sagt Ainash Childebayeva, Assistant Professor für Anthropologie an der University of Texas at Austin sowie Forscherin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und am Institut für Genetik und Physiologie in Almaty.
Komplexe Herrschaftsstrukturen statt einfacher Abstammungslinien
Die Analysen lieferten keine eindeutigen Hinweise darauf, dass die Weitergabe von Status mit patrilokalen oder matrilokalen Lebensweisen verknüpft war. Offenbar beruhte die soziale Organisation der Elite nicht ausschließlich auf männlichen oder weiblichen Abstammungslinien.
Stattdessen zeichnen die Ergebnisse das Bild komplexer Familiennetzwerke, die politische Autorität über mehrere Regionen hinweg stützten. Die Herrschaftsstrukturen der Skythen und Saken scheinen demnach stärker durch weitreichende Verwandtschaftsbeziehungen als durch einfache Residenz- oder Abstammungsmuster geprägt gewesen zu sein.
Frauen spielten eine zentrale Rolle in der Elite
Ein weiterer wichtiger Befund betrifft die Stellung von Frauen innerhalb der Gesellschaft. Nahezu die Hälfte der untersuchten Elitepersonen war weiblich.
„Eine wichtige Beobachtung war die auffällige Präsenz von Frauen innerhalb der Elite“, sagt Erstautorin Ayshin Ghalichi, Forscherin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und an der University of Texas at Austin. „Fast die Hälfte der Elitepersonen in unserem Datensatz war weiblich. Das zeigt, dass Frauen in der skythischen Gesellschaft der Eisenzeit einen hohen sozialen Status innehaben konnten.“
Die Kombination aus reichen Bestattungen und genetisch nachweisbaren Verwandtschaftsverhältnissen spricht dafür, dass Frauen aktiv in die Netzwerke eingebunden waren, über die gesellschaftlicher Status und politische Autorität weitergegeben wurden.
Neue Perspektiven auf die Gesellschaft der Skythen und Saken
Die Studie erweitert das Verständnis der skythisch-sakischen Kultur deutlich. Erstmals wurden zahlreiche Angehörige der Elite – darunter der „Goldene Mann“ von Issyk, die „Prinzessin von Urzhar“ und der „Goldene Mann von Shilikty“ – genetisch untersucht und mit Personen niedrigerer sozialer Stellung aus denselben Fundorten verglichen.
Dadurch konnten nicht nur bislang unbekannte Verwandtschaftsnetzwerke rekonstruiert, sondern auch Besonderheiten des Heirats- und Bestattungsverhaltens der Elite erkannt werden. Die Ergebnisse zeigen, dass hochrangige Familien über große Entfernungen hinweg miteinander verbunden waren und eine wichtige Rolle bei der Organisation politischer Macht spielten.
Archäogenetik als Schlüssel zum Verständnis früher Nomadengesellschaften
Durch die Zusammenführung archäologischer Funde, anthropologischer Untersuchungen und genomischer Daten zeichnet die Studie das Bild einer Elite, deren Einfluss auf weitreichenden familiären Verbindungen beruhte. Die Forschung liefert damit neue Erkenntnisse über die Entstehung sozialer Ungleichheiten, die Weitergabe von Status und die Ausbildung politischer Autorität in den nomadischen Gesellschaften der eurasischen Steppe.
Zugleich zeigt sie das Potenzial moderner Archäogenetik: Jahrtausende alte DNA ermöglicht heute Einblicke in soziale Strukturen, die sich allein anhand materieller Hinterlassenschaften kaum rekonstruieren ließen.