Die Ausgrabungen in der bronzezeitlichen Stadt Djarkutan im heutigen Usbekistan haben einen für die Forschung außergewöhnlichen Befund zutage gefördert. In einem Doppelgrab lagen die sterblichen Überreste zweier Kinder im Alter von drei und fünf Jahren nebeneinander. Eines der Kinder zeigte deutliche Spuren einer Schädeltrepanation – einer gezielten Öffnung des Schädels, die mit Werkzeugen aus Stein oder Knochen vorgenommen wurde.
Dieser Eingriff stellt einen bislang einzigartigen Nachweis dar: Er dokumentiert, dass im Herzen Zentralasiens bereits vor rund 4.000 Jahren operative Techniken angewandt wurden, die als neurochirurgisch bezeichnet werden können.
Eine Entdeckung mit weitreichenden Konsequenzen
Der Fund verändert das bisherige Bild der medizinischen und rituellen Praktiken innerhalb der sogenannten Oxus-Kultur, auch bekannt als Archäologischer Komplex Baktrien-Margiana (BMAC). Diese Kultur prägte zwischen etwa 2500 und 1500 v. Chr. weite Teile Zentralasiens und unterhielt weitreichende Verbindungen bis zum Persischen Golf.
Besonders bemerkenswert ist der Umstand, dass es sich um den ältesten bekannten Nachweis einer solchen Operation auf dem asiatischen Kontinent handelt. Bislang waren vergleichbare Eingriffe aus deutlich jüngeren Kontexten bekannt.
Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Trepanation der Behandlung neurologischer Erkrankungen diente. Möglich sind Leiden wie Epilepsie, chronische Kopfschmerzen oder traumatische Verletzungen.
Interdisziplinäre Forschung als Schlüssel
Die Entdeckung erfolgte im Rahmen eines groß angelegten, internationalen Forschungsprojekts, das von der Universität Salento, der Staatlichen Universität Termez und dem Archäologischen Institut von Samarkand getragen wird. Unter der Leitung von Professor Enrico Ascalone und Professor Alisher Shaidullaiev verfolgt das Projekt einen konsequent multidisziplinären Ansatz.
Archäobotanik, Archäozoologie, physische Anthropologie, Paläogenetik, Topographie und Archäometrie greifen ineinander, um ein möglichst umfassendes Bild der Lebensverhältnisse in Djarkutan zu rekonstruieren. Die große Zahl beteiligter Wissenschaftler unterstreicht die Bedeutung der Arbeiten vor Ort.
Fragen zur Praxis bronzezeitlicher Chirurgie
Der Befund wirft grundlegende Fragen zur sozialen und medizinischen Organisation der damaligen Gesellschaft auf. Wer verfügte über die Kenntnisse, einen derartigen Eingriff durchzuführen? Welche anatomischen Vorstellungen lagen zugrunde? Und warum wurde ein Kind operiert?
Die laufenden Untersuchungen, insbesondere paläogenetische und anthropologische Analysen, sollen hierzu in den kommenden Monaten weitere Erkenntnisse liefern. Sie könnten Aufschluss darüber geben, ob der Eingriff erfolgreich war und wie lange das Kind möglicherweise überlebte.
Djarkutan im Kontext der Oxus-Kultur
Djarkutan zählt zu den bedeutendsten Siedlungszentren der Oxus-Kultur im nördlichen Baktrien. Die Stadt zeichnete sich durch eine differenzierte Gliederung, monumentale Architektur und hochwertige materielle Kultur aus.
Ihre Lage in der Region des Surkhan-Darja begünstigte Kontakte mit anderen kulturellen Räumen der Bronzezeit, darunter das Industal, Ostiran und die Steppengebiete Nordkasachstans. Diese Vernetzung dürfte einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung komplexer Technologien und Kenntnisse geleistet haben.
Der rasche Aufstieg und ebenso abrupte Niedergang der Oxus-Kultur wird heute häufig mit klimatischen Veränderungen in Verbindung gebracht.
Quelle Universität Salento