Im Zuge des geplanten Baus einer Ortsumgehung bei Wellaune nahe Bad Düben führt das Landesamt für Archäologie Sachsen umfangreiche Ausgrabungen durch. Die Trasse verläuft durch ein Gebiet mit hoher archäologischer Relevanz, weshalb eine systematische Untersuchung der betroffenen Flächen erforderlich ist.
Nach ersten Untersuchungen auf rund zwei Hektar seit Mai des vergangenen Jahres konzentrieren sich die Arbeiten seit November auf ein nordwestlich gelegenes Areal.
Siedlungsreste der späten Bronzezeit
Unter der Leitung von Dr. Kathrin Balfanz legte ein bis zu zehnköpfiges Team die außergewöhnlich gut erhaltenen Überreste einer Siedlung aus der späten Bronzezeit frei. Die Funde datieren in die Zeit zwischen 1300 und 1100 v. Chr.
Die damaligen Bewohner errichteten rechteckige Langhäuser in Pfostenbauweise, die als kombinierte Wohn- und Stallgebäude dienten. Charakteristisch sind sogenannte Wandgräbchenhäuser: Die tragenden Pfosten wurden in Gräben auf Schwellbalken gesetzt. Diese Gräben zeichnen sich im Boden deutlich ab und ermöglichen eine präzise Rekonstruktion der Gebäudegrundrisse.
Zahlreiche Überschneidungen belegen eine wiederholte Bebauung des Areals über längere Zeiträume. Die außergewöhnliche Erhaltung der Hausgrundrisse gilt in Sachsen als einzigartig: Im gewachsenen Boden erscheinen sie „als wären sie gemalt“.
Nutzung in der römischen Kaiserzeit
Etwa 1400 Jahre später wurde der Siedlungsplatz erneut genutzt. Keramikfunde mit typischer Rollrädchenverzierung datieren in das 1. bis 2. Jahrhundert n. Chr. und belegen eine Besiedlung in der älteren römischen Kaiserzeit.
Charakteristisch für diese Phase sind sogenannte Grubenhäuser. Diese in den Boden eingetieften, rechteckigen Strukturen dienten vor allem wirtschaftlichen Zwecken, etwa als Werkstätten oder Lagergebäude. Im Boden erscheinen sie als dunkle Verfärbungen unterschiedlicher Größe.
Fundspektrum und außergewöhnliche Entdeckungen
Das Fundmaterial besteht überwiegend aus entsorgten Alltagsgegenständen, insbesondere Keramikscherben. Umso bemerkenswerter ist der Fund vollständig erhaltener Vorratsgefäße im Bereich der Häuser, die vermutlich zur Lagerung von Getreide oder anderen Lebensmitteln dienten.
Besondere Aufmerksamkeit erregte bereits im Vorjahr eine vollständige Tonkugel aus einer bronzezeitlichen Abfallgrube. Nach dem Trocknen zeigte sich, dass sich im Inneren kleine Steinchen befinden, die beim Bewegen ein Rasselgeräusch erzeugen. Solche Objekte sind üblicherweise aus Gräbern bekannt, nicht jedoch aus Siedlungskontexten.
Bedeutung für die Forschung
Landesarchäologin Dr. Regina Smolnik betont die wissenschaftliche Relevanz der Funde:
«Die Trassengröße der Ortsumgehung von Wellaune gibt uns die Größe der zu untersuchenden Fläche vor. Die Dichte der allein in diesem Ausschnitt erkennbaren gut erhaltenen Bodenfunde und die Qualität der Hausgrundrisse geben eine Fülle von Informationen preis. Sie gewähren uns und Ihnen einen wertvollen Blick in das Alltagsleben und die Kultur der Menschen vor mehreren Tausend Jahren in unserem Land. Logistisch hat das Landesamt für Archäologie Sachsen mit der Grabung in Wellaune eine große Herausforderung gemeistert. Unsere wissenschaftliche Auswertung dieser Maßnahme wird noch Vieles zum Kenntnisstand über die archäologische Vergangenheit Sachsens beitragen.»
Die laufenden Untersuchungen versprechen damit neue Erkenntnisse zur Siedlungsentwicklung und Alltagskultur in Sachsen über mehrere Jahrtausende hinweg.
Quelle Landesamt für Archäologie Sachsen