Die Ausgrabungen fanden in einer antiken Siedlung nahe dem heutigen Bushat statt, rund zehn Kilometer südlich von Shkodra. Über Jahrhunderte war der Ort nicht nur von den Landkarten verschwunden, sondern auch aus dem kollektiven Gedächtnis der Region.
Wiederentdeckt wurde die Fundstätte im Jahr 2018 durch Archäologen des Forschungszentrums für die Antike Südosteuropas der Universität Warschau und der Universität Tirana. Die Auswertung der Geländetopographie sowie der Abgleich archäologischer Befunde mit antiken Schriftquellen deuten darauf hin, dass es sich bei der Siedlung um das antike Bassania handeln könnte.
Die laufenden Forschungen sollen dazu beitragen, die Geschichte und Bedeutung der Stadt genauer zu bestimmen.
Tempel auf der Akropolis entdeckt
Im Mittelpunkt der jüngsten Grabungskampagne stand die Akropolis, die auf einem Hügel über der gesamten Anlage liegt. Dort legten die Forscher die vollständigen Steinfundamente eines rechteckigen Gebäudes frei. Der Bau misst 13,6 mal 9,6 Meter und weist Proportionen auf, die typisch für klassische griechische Tempel sind.
Zur Bedeutung des Befundes erklärt Prof. Piotr Dyczek, Direktor des Forschungszentrums für die Antike Südosteuropas an der Universität Warschau: „Angesichts der Lage des Bauwerks auf dem Hügel und seiner Ausrichtung nach den Himmelsrichtungen können wir davon ausgehen, dass es sich um die Überreste eines Tempels handelt, der vom 4. bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. die Akropolis der Stadt krönte .“
Hinweise auf einen ummauerten Kultbezirk
Neben den Tempelfundamenten konnten die Archäologen Teile einer Wehrmauer freilegen, die den Hügel umgab. Nach Einschätzung der Forscher gehörte diese Anlage zum Tempeltemenos, dem abgegrenzten heiligen Bezirk des Heiligtums.
Prof. Dyczek ergänzt: „Im Zuge der Arbeiten wurde auch die Wehrmauer, die den Hügel umgab und ebenfalls zum sogenannten Tempeltemenos gehörte, teilweise freigelegt.“
Die neu entdeckten Strukturen liefern wichtige Hinweise auf die Organisation religiöser Räume und die architektonische Gestaltung illyrischer Städte während der hellenistischen Epoche.
Die Bedeutung des Fundes reicht weit über die einzelne Ausgrabungsstätte hinaus. Da bislang kein vergleichbarer illyrischer Tempel in Nordalbanien bekannt war, eröffnet die Entdeckung neue Perspektiven auf die religiösen Traditionen und kulturellen Einflüsse der illyrischen Bevölkerung.
Zugleich verdeutlicht der Tempel die Verbindungen zwischen der illyrischen Welt und dem griechisch geprägten Kulturraum, dessen architektonische Traditionen sich in den Proportionen des Bauwerks widerspiegeln.
Römische Nachnutzung des Areals
Die Stadt wurde bereits in hellenistischer Zeit aufgegeben. Dennoch blieb der strategisch günstige Standort von Bedeutung. Im 3. Jahrhundert n. Chr. errichteten die Römer in unmittelbarer Nähe der Tempelruinen ein kleineres Gebäude, das knapp ein Jahrhundert lang genutzt wurde.
Nach Ansicht der Forscher diente der Bau als Beobachtungs- und Kontrollposten. Von hier aus konnten die Römer ein weites Gebiet überwachen, das sich von Shkodra über das antike Lissos bis zur Adriaküste erstreckte.
Quelle: Universität Warschau