Selbstregulationskompetenzen entstehen nicht durch Kontrolle, sondern Beziehung
Kinder regulieren sich nicht einfach allein. Im Vorschulalter verfügen Kinder zunehmend über die kognitive, emotionale und soziale Reife, um Gefühle bewusster wahrzunehmen, sprachlich mitzuteilen und ansatzweise selbst zu regulieren (Garstick & Guggenheim 2025, S. 106). Selbstregulation entwickelt sich dabei nicht unabhängig von anderen Menschen, sondern zunächst durch Co-Regulation: Erwachsene unterstützen Kinder dabei, Gefühle zu verstehen, einzuordnen und wieder Sicherheit zu finden. Aus vielen solcher Erfahrungen entstehen nach und nach eigene Regulationsstrategien.
Wenn wir einmal nachspüren, merken wir, dass selbst wir Erwachsene für den Umgang mit manchen Herausforderungen die Unterstützung durch andere Menschen brauchen. Es tut gut, mit einem Problem nicht allein zu sein und durch andere Beruhigung und Sicherheit zu erfahren. Schon allein ein Gespräch mit einer ruhigen Person, die von dem Problem nicht unmittelbar so betroffen ist wie wir selbst, kann dazu führen, dass wir selbst ruhiger werden. Kinder lernen bestenfalls im Laufe ihrer Entwicklung, wie sie mit verschiedenen Herausforderungen selbst umgehen können und auch, wann sie Hilfe von anderen brauchen, wie sie diese erbitten und dass es normal ist, Hilfe anzunehmen. Nähe, Orientierung, Vorhersagbarkeit und emotionale Sicherheit sind für diesen Lernprozess bedeutsam.
Strafen oder reine Verhaltenskontrolle wie „Wenn du nicht mitmachst, musst du solange auf dem Flur warten!“ oder „Hör doch mal auf zu weinen, das ist nicht so schlimm!“ fördern keine Reguationskompetenzen. So lernen Kinder höchstens, welche Gefühle, Äußerungen oder Verhaltensweisen sie aus Angst vor Bindungsabbruch oder Bestrafung unterdrücken müssen. Ein Verhalten, welches Fachkräfte, andere Kinder oder Eltern als herausfordernd empfinden, sollte nicht als Problemverhalten betrachtet werden, das abgestellt werden muss, sondern als Ausdruck innerer Belastung und dem Unvermögen, diese aktuell selbst der Situation angemessen zu verarbeiten: Wut, Rückzug, Aggression, Unruhe oder Verweigerung sind oft keine bewussten Entscheidungen gegen Erwachsene, sondern Ausdruck innerer Überforderung. Beziehungserfahrungen, die in einer solchen Situation Sicherheit vermitteln, durch eigene Ruhe beruhigend wirken und ein Vorbild aufzeigen, ermöglichen Kindern hingegen, nach und nach sicherer mit inneren Herausforderungen umzugehen und passende Strategien für den eigenen Bedarf zu entwickeln. Denn auch das ist wichtig: Jedes Kind bringt ein unterschiedliches Temperament mit.
Förderung von Regulationskompetenzen bedeutet auch: jedes Kind individuell zu betrachten
Kinder unterscheiden sich darin, wie schnell sie in Stress geraten, wie intensiv sie Reize erleben, welche Erfahrungen sie mitbringen und welche Unterstützung sie benötigen, um wieder in ein inneres Gleichgewicht zu finden (Strüber 2016). Nicht jedes Kind benötigt dieselbe Form von Begleitung und nicht jedes Verhalten hat dieselbe Ursache. Eine regulationssensible Pädagogik versucht deshalb zu verstehen, welche Bedingungen und Strategien dem einzelnen Kind helfen.
Besonders deutlich wird dies bei Kindern, deren Voraussetzungen von gesellschaftlichen Vorstellungen eines „typischen“ Entwicklungsverlaufs abweichen. Kinder mit ADHS, Autismus oder anderen Formen neurodivergenten Erlebens nehmen ihre Umwelt häufig anders wahr und verarbeiten Reize auf ihre eigene Weise. Reize können intensiver wahrgenommen werden, Übergänge belastender sein oder soziale Situationen schneller überfordern. Gerade diese Kinder brauchen ein Umfeld, das versucht zu verstehen: Was hilft diesem Kind, sich sicher zu fühlen? Welche Reize überfordern es? Welche Unterstützung wird benötigt, um Teilhabe zu ermöglichen anstatt auszugrenzen? Eine regulationssensible Pädagogik misst Kinder nicht an normierten Erwartungen, sondern nimmt ihre individuellen Voraussetzungen, Bedürfnisse und Stärken ernst.
Selbstregulationskompetenzen von Fachkräften sind wichtig, aber entstehen nicht in einem luftleeren Raum
Kinder orientieren sich am (unbewussten) Verhalten der Erwachsenen. Sie nehmen wahr, ob jemand Sicherheit ausstrahlt, ob Gefühle gehalten werden können oder ob Anspannung und Stress den Alltag bestimmen. Das bedeutet nicht, dass Fachkräfte immer ruhig oder perfekt reagieren müssen. Aber es ist bedeutsam, dass auch Fachkräfte überhaupt einen Handlungsraum zur Selbstregulation haben und dieser durch stressige Rahmenbedingungen nicht abhanden kommt. Besonders herausfordernd ist dabei, dass viele heutige Erwachsene in ihrer Kindheit selbst wenig gute Co-Regulation erfahren haben. Nicht wenige Fachkräfte tragen eigene Stress- und Belastungserfahrungen mit sich, während sie gleichzeitig Kinder durch intensive Gefühle begleiten sollen.
Regulationskompetenzen von Kindern lassen sich daher nicht losgelöst vom Umfeld betrachten. Lautstärke, Personalmangel, Zeitdruck, fehlende Rückzugsorte, mangelhafte Ernährung oder herausfordernde Übergänge beeinflussen die Regulationsfähigkeit von Kindern ebenso wie die der Erwachsenen. Wer Kinder stärken möchte, muss deshalb auch die Bedingungen in den Blick nehmen, unter denen pädagogische Arbeit stattfindet.
Regulationsarbeit findet im Alltag statt
Regulationskompetenzen entwickeln sich vor allem im Alltag – im Miteinander, in Übergängen, in Konflikten, im Freispiel –, also in all den vielen kleinen und großen Momenten des pädagogischen Alltags. Auch wenn es spezielle Programme zur Unterstützung von Regulationskompetenzen gibt, braucht es vor allem ein Bewusstsein dafür, wie Kinder Gefühle erleben, Aufmerksamkeit herstellen und lenken und wie Erwachsene sie dabei individuell begleiten können. Eine regulationssensible Pädagogik blickt nicht nur auf das einzelne Kind, sondern auch auf die Bedingungen, unter denen Kinder und Erwachsene miteinander leben, lernen und arbeiten – und bezieht auch den Blick auf das Leben außerhalb der Kita sensibel mit ein. Eine solche Begleitung hilft Kindern, Kompetenzen aufzubauen, von denen sie ein Leben lang profitieren können.
Literatur:
- Garstick, Egon & Guggenheim, Raffael (2025): Die Schreibaby-Sprechstunde. Eltern und ihre Kinder pädiatrisch-psychologisch begleiten. Stuttgart: Klett-Cotta.
- Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2024): Förderung der Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen in Kindertageseinrichtungen und Schulen. Halle (Saale). Download unter: https://www.leopoldina.org/fileadmin/Daten/Publikationen/Dokumente/2024_Stellungnahme_Selbstregulation.pdf
- Strüber, Nicole (2016): Die erste Bindung. Wie Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen. 6. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta.
Susanne Mierau ist Diplom Kleinkindpädagogin und Familienbegleiterin. Nach Mitarbeit an der FU Berlin in Forschung und Lehre, arbeitet sie seit vielen Jahren selbstständig in der bedürfnisorientierten Elternberatung. Auf ihrem erfolgreichen Blog und Instagram Kanal "geborgen_wachsen" schreibt sie über kindliche Entwicklung und Bindung. Susanne Mierau gibt Weiterbildungen für Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen zu den Themen Elternbegleitung und Bindungsbeziehungen.
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