Kulturelles Nachhalten
(Gebundene Ausgabe)
Historische Praktiken und Diskurse in den Geisteswissenschaften
- wbg Academic in der Verlag Herder GmbH
- 1. Auflage 2026
- Gebunden
- 260 Seiten
- ISBN: 978-3-534-64218-2
- Bestellnummer: P3642188
Nachhaltigkeit und Kulturerbe
Nachhaltigkeit und nachhaltiges Handeln sind in verschiedenen Zusammenhängen zu einem Leitbild des 21. Jahrhunderts geworden. Die Grundlage dafür bildet der Konsens, dass Ressourcen zu sichern und zu erhalten sind.
Der vorliegende Band zeigt, dass dieser Konsens im Kulturbereich jedoch an Grenzen stößt. Hier ist Nachhaltigkeit als Imperativ gesellschaftlichen Handelns weder grundsätzlich realistisch noch überhaupt wünschenswert. Denn Vorstellungen davon, welches Kulturgut wertvoll – und im kulturellen Sinne eine Ressource – ist und welche Maßnahmen seiner Erhaltung angemessen sind, unterliegen Veränderungen und sind Resultat historischer Aushandlung.
Programmatisch wird der Begriff der Nachhaltigkeit in den Beiträgen dieses Bandes deshalb als ‚kulturelles Nachhalten‘ für eine Vielfalt von Praktiken flexibel verwendet. Sie betreffen historisches Kulturgut aus verschiedenen Epochen: literarische, religiöse und wissenschaftliche Texte, bildende Kunst und Architektur, Sammlungen und Theater. Die Autor:innen untersuchen Archive, Universitäten und Einrichtungen der Kulturgutpflege vom Mittelalter bis zur Gegenwart und stellen dabei Fragen danach, welche Autoritäten und Expert:innen, welche kulturellen Paradigmen und Wertmaßstäbe an Dynamiken des Nachhaltens beteiligt waren. Dies umfasst bekannte ‚Fälle‘ wie die kontroverse Errichtung des Berliner Humboldt-Forums oder die Bewegung zur Konservierung von landschaftlichem Kulturgut in England, teils weniger beleuchtete Probleme um die Erhaltung ephemerer kultureller Produkte wie Stimmen und Performances. Zentrale Stätten kultureller Identitätsbildung in Europa (Berliner Schloss, Akropolis) werden ebenso kritisch in den Blick genommen wie solche in ehemaligen europäischen Kolonien (Mexiko).
Der Begriff des kulturellen Nachhaltens tritt einer landläufigen Vorstellung entgegen, der gemäß Kulturerbe möglichst identisch zu bewahren ist. Praktiken kulturellen Nachhaltens verändern ihre Gegenstände vielmehr eben dadurch, dass sie diese sichern, und reagieren auf Alterung und Verfall mit Bearbeitung, Rekonstruktion und Modifikation. Kulturelles Nachhalten erweist sich in Form eines ‚verändernden Bewahrens‘ sogar als ein historisches Erfolgsmodell.
Analysen kulturellen Nachhaltens lassen deutlich werden, dass Kunst und Kulturgut nicht einfach passive ‚Objekte‘ erhaltender Maßnahmen sind – von ihnen gehen vielmehr selbst Impulse für das Nachhalten aus. Kunst, in anderen Worten, ist ein zentraler Akteur von Nachhaltigkeit.
Herausgeberin
Jutta Eming ist Professorin für deutsche Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der Freien Universität Berlin. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören Darstellungen von Emotionalität, das Verhältnis von Wunderbarem und Wissen, historische Konzepte von Magie sowie Gender, Genre und globale Erzähltraditionen in der Literatur von 1200–1600.