Xultun-Inschrift enthüllt den ersten namentlich bekannten Maya-Mathematiker

Eine entschlüsselte Wandinschrift aus der Maya-Stätte Xultun in Guatemala liefert den ersten direkten Nachweis eines namentlich bekannten Mathematikers der klassischen Maya-Zeit. Die Inschrift verbindet eine neuartige mathematisch-astronomische Formel mit dem Gelehrten Sak Tahn Waax.

Links eine schwarz-weiße Linienzeichnung eines Raumes mit Wandmalereien und geometrischen Elementen. Rechts eine Nahaufnahme eines Wandabschnitts mit verblassten, eingeritzten Zeichen auf hellem Untergrund. Am rechten Rand ein Farbreferenzstreifen mit mehreren Farbfeldern und der Aufschrift 'KODAK Color Control Patches'.
a) Künstlerische Rekonstruktion des Bauwerks 10K-2 mit bemalten Figuren an der Nord- und Ostwand sowie der Position der im Text erwähnten signierten mathematischen Formel; b) Text 19, wie er an der Ostwand des Bauwerks 10K-2 angebracht war.© Foto von F. D. Rossi; Zeichnung von H. Hurst, Antiquity (2026)

Archäologen ist es gelungen, erstmals einen Mathematiker der klassischen Maya-Zeit namentlich zu identifizieren. Grundlage dieser Entdeckung ist die Entzifferung eines kleinen Wandtextes aus der archäologischen Stätte Xultun im Nordosten Guatemalas. Die Inschrift verbindet eine mathematische Formel direkt mit einer Person namens Sak Tahn Waax und liefert damit den bislang fehlenden Nachweis, dass ein Maya-Gelehrter wissenschaftliche Leistungen ausdrücklich für sich beanspruchte.

Im Mittelpunkt der Untersuchung stand ein bemalter Mikrotext in der Struktur 10K-2 von Xultun. Mithilfe maßstabsgetreuer Zeichnungen, hochauflösender Fotografien, digitaler Scans und moderner Bildbearbeitung rekonstruierten die Forscher die stark beschädigte Inschrift. Dabei konnten elf Hieroglyphen identifiziert und übersetzt werden, darunter der Name Sak Tahn Waax, dessen Bedeutung mit „Fuchs mit weißer Brust“ wiedergegeben wird.

Wissenschaft im Zentrum der klassischen Maya-Kultur

Die Inschrift datiert in die Zeit um 781 n. Chr. und gehört damit in die klassische Maya-Periode (250–900 n. Chr.). In dieser Epoche spielten Mathematik und Astronomie eine zentrale Rolle. Maya-Gelehrte beobachteten die Bewegungen von Sonne, Mond sowie der Planeten Venus und Mars und entwickelten komplexe Kalendersysteme, die politische, religiöse und gesellschaftliche Ereignisse strukturierten.

Trotz der herausragenden Bedeutung dieser wissenschaftlichen Tradition blieben die Personen hinter den Berechnungen bislang weitgehend unbekannt. Während Künstler, Schreiber und Bildhauer ihre Werke häufig signierten, fehlten vergleichbare Nachweise für Mathematiker oder Astronomen.

Die Kammerwand von Xultun als seltenes Arbeitsarchiv

Besonders bemerkenswert ist der Fundkontext der Inschrift. Die bemalten Wände des Raumes tragen mehr als 50 mathematische und astronomische Notizen. Anders als repräsentative Monumentalinschriften wirken diese Aufzeichnungen wie Arbeitsmaterialien eines Gelehrten: Entwürfe, Tabellen und Berechnungen, die Einblicke in den wissenschaftlichen Entstehungsprozess gewähren.

Die Kammer eröffnet damit einen ungewöhnlichen Blick auf den Alltag der Maya-Wissenschaft. Die Einträge erinnern eher an Notizseiten oder Arbeitsmanuskripte als an formelle Inschriften und dokumentieren, wie astronomische und mathematische Konzepte entwickelt wurden.

Eine bisher unbekannte mathematische Formel

Von besonderer Bedeutung ist ein Abschnitt, der sowohl den Namen des Verfassers als auch eine komplexe Berechnung enthält. Die Formel kombiniert mehrere bekannte Maya-Zeitzyklen, darunter den 260-tägigen Ritualkalender, das Sonnenjahr sowie die Zyklen von Venus und Mars.

Entscheidend ist dabei die Art der Verknüpfung dieser Zeitrechnungen. Nach Angaben der Forscher unterscheidet sich das Muster von allen bislang bekannten Maya-Texten. Die Berechnung scheint keine bloße Übernahme bestehender Konzepte zu sein, sondern eine eigenständige Methode darzustellen, astronomische Beobachtungen mit den verschiedenen Kalendersystemen in Beziehung zu setzen.

Erste bekannte Signatur eines Maya-Mathematikers

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Umstand, dass Sak Tahn Waax seinen Namen direkt an die Formel anschloss. Nach Einschätzung der Forscher beanspruchte er damit ausdrücklich die Urheberschaft seiner Arbeit. Ein solcher Fall ist für einen Mathematiker der klassischen Maya-Zeit bislang nicht belegt.

Die Entdeckung verändert zugleich die Perspektive auf die Maya-Schriftkultur. Die meisten erhaltenen Inschriften widmen sich Herrschern, Dynastien, Kriegen oder religiösen Erzählungen. Dokumente, die wissenschaftliche Arbeit oder alltägige Gelehrtentätigkeit festhalten, sind dagegen äußerst selten. Gerade deshalb besitzt die Wandmalereikammer von Xultun einen außergewöhnlichen Quellenwert.

Ein neues Gesicht der Maya-Wissenschaft

Mit Sak Tahn Waax tritt erstmals ein indigener Maya-Gelehrter als individuelle Persönlichkeit aus den Quellen hervor. Die Entdeckung ermöglicht es, einen Wissenschaftler der Maya-Kultur namentlich in eine Reihe mit bekannten Astronomen und Mathematikern anderer antiker Zivilisationen zu stellen.

Obwohl die Kammer mit der Wandmalerei von Xultun bereits vor 16 Jahren entdeckt wurde, zeigen die aktuellen Ergebnisse, dass ihre bemalten Wände weiterhin neue Erkenntnisse bereithalten.

Quelle: Rossi FD, Stuart D, Hurst H. The identification and work of an eighth-century Maya mathematician. Antiquity. Published online 2026:1-16. doi:10.15184/aqy.2026.10378

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