Steuerlisten, Schulübungen, Horoskope: 43.000 Ostraka aus Athribis eröffnen neue Einblicke in den Alltag des antiken Ägypten

In Athribis in Oberägypten haben Archäologinnen und Archäologen den bislang umfangreichsten Fund beschrifteter Tonscherben weltweit dokumentiert. Über 43.000 Ostraka geben einzigartige Einblicke in den Alltag, die Verwaltung und das religiöse Leben über mehr als ein Jahrtausend hinweg. Die Funde eröffnen neue Perspektiven auf die Sozialgeschichte der Region und machen Athribis zu einem Schlüsselort der ägyptischen Altertumsforschung.

Ein braunes Tonscherbenfragment mit einer gezeichneten dunklen, rechteckigen Umrandung und darüber eine einfache Darstellung einer Maus. Die Linien wirken handgezeichnet und sind leicht verblasst. Die Oberfläche des Fragments ist uneben und weist kleinere Abplatzungen auf.
Zeichnung einer Spitzmaus als heiliges Tier des Gottes Haroeris.© Athribis-Projekt Tübingen

In Athribis, das zehn Kilometer westlich des Nils gegenüber der antiken Stadt Achmim liegt, wurde der weltweit bisher größte Fund beschrifteter Tonscherben gemacht. Seit Beginn der gemeinsamen archäologischen Mission der Universität Tübingen und des ägyptischen Ministeriums für Tourismus und Altertümer (MoTA) im Jahr 2005 konnten mehr als 43.000 Ostraka geborgen werden, davon über 42.000 in den letzten acht Jahren. Damit übertrifft Athribis den bisherigen Rekordfundort Deir el-Medina, das Arbeiterdorf im Tal der Könige.

Der archäologische Komplex umfasst den Tempelbezirk, die Siedlung, die Nekropole und mehrere Steinbrüche. Geleitet werden die laufenden Untersuchungen von Professor Christian Leitz (Universität Tübingen) in Kooperation mit Mohamed Abdelbadia und seinem Team vom MoTA.

Alltagsdokumente aus über einem Jahrtausend

Bei den Ostraka handelt es sich um Scherben, die in der Antike als Schreibmaterial dienten – für Notizen, Abrechnungen, Übungsaufgaben oder Listen. Die frühesten Texte stammen aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. und sind in demotischer Schrift verfasst, während die jüngsten arabische Gefäßbeschriftungen aus dem 9. bis 11. Jahrhundert n. Chr. darstellen.

„Die Ostraka zeigen uns eine erstaunliche Vielfalt an Alltagssituationen“, sagt Leitz. „Wir finden Steuerlisten und Lieferungen, daneben kurze Mitteilungen über alltägliche Abläufe, Übungen von Schülerinnen und Schülern, religiöse Texte und priesterliche Bescheinigungen über die Qualität von Opfertieren. Diese Mischung macht den Fund so wertvoll.“

Fragment eines Tonkrugs mit zwei seitlichen Henkeln, von oben fotografiert. Die Oberfläche zeigt eine matte, rötlich-braune Färbung und leichte Gebrauchsspuren. Am unteren Rand sind feine, eingeritzte Zeichen erkennbar. Im Vordergrund liegt eine Maßskala mit schwarz-weißen Feldern und Zentimeterangaben.
Demotische Beschriftung auf einer Amphore: "die erste (Lieferung aus) dem südlichen Weinberg“ © Athribis-Projekt Tübingen

Der hohe Quellenwert liegt vor allem in der sozialen Dichte des Materials: „Dieser Alltagsbezug eröffnet uns einen unmittelbaren Blick in das Leben der Menschen von Athribis und macht die Ostraka zu Quellen für eine umfassende Sozialgeschichte der Region“, betont Leitz.

Vielfalt der Schriften und Themen

Der Großteil der Scherben zeigt demotische Inschriften, gefolgt von griechischen, während ein kleinerer, aber bedeutender Anteil figürliche und geometrische Darstellungen enthält. Darüber hinaus fanden sich seltene Texte in hieratischer, hieroglyphischer, koptischer und arabischer Schrift.

Mit inzwischen über 130 überwiegend demotisch-hieratischen Horoskopen gilt Athribis zudem als der weltweit bedeutendste Fundort dieser Textgattung. Die Geburtsprognosen sind wesentliche Quellen für die Erforschung antiker Astronomie und Astrologie.

Vom Tempelbezirk zur Siedlungsgrabung

Der außergewöhnliche Umfang des Fundmaterials wurde ab 2018 sichtbar, als westlich des Ptolemäus-XII.-Tempels eine 20 mal 40 Meter große Grabungsfläche geöffnet und später auf 40 mal 40 Meter erweitert wurde. In dieser Zone wurden rund 40.000 Ostraka gefunden – oft zwischen 50 und 100 Exemplare pro Tag.

Archäologische Ausgrabungsstätte mit freigelegten Fundamenten und Mauerresten aus hellem Stein. Die Fläche ist uneben und von Erdschichten sowie einzelnen Steinen und Blöcken durchzogen. Im Hintergrund sind weitere Mauern und eine dunkle Öffnung zu sehen. Im Vordergrund liegt eine Maßskala.
Zone vor der westlichen Felsfassade: Überreste eines Tempels, in dem zahlreiche astrologische Ostraka zutage kamen. Dabei könnte es sich beispielsweise um den Arbeitsplatz des Tempelastronomen gehandelt haben. © Marcus Müller / Athribis-Projekt Tübingen

Jede einzelne Scherbe wurde manuell geprüft, wodurch sich der enorme Arbeitsaufwand erklärt. Neben den Ostraka kamen zunehmend Baustrukturen aus Lehmziegeln, Wohnräume und Magazinbauten ans Licht. Weitere Funde stammen aus der Freilegung eines älteren Tempels, dessen Torbau bereits zuvor bekannt war.

Herausforderung Digitalisierung

„Wir gehen davon aus, dass wir noch viel mehr Ostraka finden werden. Die hohe und steigende Zahl der Objekte ist erfreulich, stellt uns aber auch vor Herausforderungen“, so Leitz. Die dreidimensionale Digitalisierung der mehr als 40.000 Scherben im lokalen Magazin sei komplex und erfordere spezialisierte Technik, große Rechenkapazitäten und erfahrenes Personal.

„Prinzipiell besteht die Möglichkeit, die Digitalisierung und Katalogisierung der Ostraka durch die Verwendung von KI-Systemen zu beschleunigen“, erläutert Leitz. „Der Aufwand, ein System entsprechend zu trainieren und zu unterhalten, wäre allerdings hoch, wenn auch nicht ohne Reiz.“ 

Quelle: Universität Tübingen

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