Archäologie entlang der SuedLink-Trasse: Spuren vorgeschichtlicher Bestattungen bei Unterrieden

Bei bauvorbereitenden Ausgrabungen entlang der SuedLink-Trasse bei Witzenhausen-Unterrieden sind bedeutende Bestattungsreste aus der späten Bronze- und frühen Eisenzeit freigelegt worden. Die Untersuchungen liefern neue Erkenntnisse zu Bestattungsbräuchen, zur Ausdehnung eines bislang nur punktuell bekannten Gräberfeldes sowie zur langfristigen Nutzung der Werraauen als Siedlungs- und Bestattungsraum.

Im Mittelpunkt steht ein großer, halbkugelförmiger Erdblock, der mit Folie und Klebeband gesichert ist. Er befindet sich auf einer weißen Platte auf einem Holztisch. Daneben liegen archäologische Werkzeuge wie Pinsel, Spatel und ein kleiner Mörser. Im Hintergrund sind Labormöbel, Geräte, Schubladen und weitere Arbeitsmaterialien zu sehen. Die Szene spielt in einem modernen Laborraum.
© LfDH

Bei bauvorbereitenden archäologischen Untersuchungen im Verlauf der SuedLink-Trasse wurden im Bereich von Witzenhausen-Unterrieden umfangreiche Befunde aus der späten Bronze- und frühen Eisenzeit entdeckt. Die Grabungen erfolgten im Auftrag des Übertragungsnetzbetreibers TransnetBW durch die Grabungsfirma INFRA JV und standen unter der fachlichen Leitung von Andreas König M.A.

Auf einem Ackerareal nordwestlich von Unterrieden wurden eine Grube sowie insgesamt 14 Bestattungen dokumentiert, die zu einem wahrscheinlich spätbronzezeitlichen Gräberfeld gehören. Die Befunde lagen dicht unter der heutigen Oberfläche und waren unterschiedlich stark durch landwirtschaftliche Nutzung beeinträchtigt. Identifiziert wurden neun Urnengräber und fünf Steinsetzungsgräber mit Brandbestattungen, die in die späte Urnenfelderzeit (1200–800 v. Chr.) und in die anschließende frühe Eisenzeit beziehungsweise Hallstattzeit (800–450 v. Chr.) datieren.

Die Ausgrabung des Brandgräberfeldes erfolgte im Februar dieses Jahres unter winterlichen Bedingungen. Aufgrund der Kälte und eingeschränkter Witterungsverhältnisse entschied sich das Grabungsteam, zwei besonders gut erhaltene Urnen vollständig zu bergen. Sie wurden zur weiteren Untersuchung in die Restaurierungswerkstatt der hessenARCHÄOLOGIE nach Wiesbaden gebracht.

Feinausgrabung und Restaurierung der Urnen

In der Restaurierungswerkstatt konnten die Urnen unter kontrollierten Bedingungen schichtweise freigelegt werden. Ziel war es, Details des Bestattungsrituals sowie mögliche Beigaben präzise zu dokumentieren. Bereits die ersten Röntgenaufnahmen lieferten aufschlussreiche Hinweise.

Eine kreisförmige, helle Fläche dominiert das Bildzentrum und hebt sich deutlich vom dunkleren, strukturierten Hintergrund ab. Im Zentrum der Aufhellung sind längliche, teils parallele Strukturen zu erkennen, die an Knochen oder archäologische Funde erinnern. Am linken Bildrand verläuft ein vertikaler Streifen mit kontrastreicher, weißer Beschriftung auf dunklem Grund.
© LfDH

In der kleineren der beiden handgefertigten Urnen wurde nach anthropologischer Einschätzung ein Kleinkind bestattet. Neben dem Leichenbrand fanden sich ein Trinkgefäß mit Zylinderrand und bauchigem Unterteil sowie ein zierlicher, verbrannter Bronzering, der bereits im Röntgenbild gut erkennbar war. Zusätzlich traten Scherben eines ehemaligen Deckgefäßes zutage, das die Urne ursprünglich vor eindringendem Erdreich geschützt haben dürfte.

Die größere Urne wird derzeit von der Restauratorin Milena Temelkova-Grigorova freigelegt. Der Gefäßrand fehlt infolge landwirtschaftlicher Beschädigung. Im Inneren des bauchigen Gefäßes konnten bei der Röntgenuntersuchung vier rundliche Bronzeobjekte lokalisiert werden. Eines davon, eine verzierte Eikopfnadel, wurde bereits vollständig freigelegt.

Bestattungsbräuche im Wandel

Während der Hügelgräberbronzezeit wurden Verstorbene noch unter monumentalen Grabhügeln beigesetzt. In der Urnenfelderzeit setzte sich hingegen die Verbrennung der Toten mit anschließender Beisetzung in flachen Gräberfeldern durch. Diese aus Südosteuropa stammende Bestattungsform wurde in Südhessen vergleichsweise rasch übernommen, während Nordhessen die neuen Jenseitsvorstellungen zunächst zögerlicher adaptierte. Auch in der frühen Eisenzeit blieben urnenfelderzeitliche Traditionen in der Region weiterhin präsent.

Frühere Funde und neue Erkenntnisse

Das Gebiet nördlich von Unterrieden ist archäologisch nicht unbekannt. Bereits 1825 wurden dort fünf Urnen mit Leichenbrand geborgen. Weitere Ausgrabungen folgten 1907 unter der Leitung von General Gustav Eisentraut, dem damaligen Vorsitzenden des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde. Damals wurden an mindestens 34 Fundstellen Reste von Brandbestattungen und Gefäßfunde aus der Spätbronze- und frühen Eisenzeit dokumentiert. Aufgrund nahezu vollständig fehlender Unterlagen sind diese Altbefunde heute jedoch nur eingeschränkt auswertbar.

„Umso wichtiger ist es, dass wir durch die aktuellen Ausgrabungen nun erstmals Erkenntnisse zur Art und Anlage der Gräber erhalten“, erläutert die zuständige Bezirksarchäologin Dr. Eveline Saal von der hessenARCHÄOLOGIE.

Werraauen als langfristiger Siedlungs- und Bestattungsraum

Die aktuellen Ausgrabungen bestätigen gemeinsam mit den historischen Überlieferungen, dass die Werraauen nördlich von Unterrieden seit der späten Bronze- und frühen Eisenzeit intensiv als Bestattungsplatz genutzt wurden. Hinweise auf eine möglicherweise zugehörige Siedlung kamen im Gewerbegebiet Unterrieden unter dem Baulager der SuedLink-Trasse zutage. Nach Abzug des Baulagers sollen diese Siedlungsreste weiter untersucht werden.

Quelle hessenARCHÄOLOGIE

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