Der Fund stammt aus Grab 65 im Sektor 22 der Nekropole. Dort wurde eine Mumie freigelegt, auf deren Bauch ein Papyrus platziert worden war. Zwar sind aus Oxyrhynchus bereits Papyri bekannt, die im Rahmen von Bestattungsritualen verwendet wurden, doch handelte es sich bislang ausschließlich um Texte mit magischem oder rituellem Inhalt. Die Einbindung eines literarischen Werkes stellt daher eine archäologische Premiere dar.
Identifikation eines klassischen Textes
Die wissenschaftliche Analyse erfolgte Anfang 2026 durch ein interdisziplinäres Team. Auf Grundlage der Auswertung durch die Papyrologin Leah Mascia identifizierte Ignasi-Xavier Adiego, Leiter des Oxyrhynchus-Projekts, den Text als Teil des sogenannten Schiffskatalogs aus dem zweiten Buch der Ilias. Diese Passage zählt zu den bekanntesten Abschnitten des Epos und beschreibt die griechischen Streitkräfte im Trojanischen Krieg.
Professor Adiego erklärt: „Es ist nicht das erste Mal, dass wir griechische Papyri gefunden haben, die gebündelt, versiegelt und in den Mumifizierungsprozess eingebunden waren, aber bisher waren ihre Inhalte hauptsächlich magischer Natur. Darüber hinaus ist anzumerken, dass seit dem späten 19. Jahrhundert in Oxyrhynchus eine große Anzahl von Papyri entdeckt wurde, darunter auch bedeutende griechische literarische Texte. Die eigentliche Neuheit besteht jedoch darin, einen literarischen Papyrus in einem Bestattungskontext gefunden zu haben.“
Die Nekropole von Al-Bahnasa im Kontext
Die Entdeckung wurde in der Nekropole Al Bahnasa gemacht, einer ägyptischen Stätte, die mit dem antiken Oxyrhynchus identifiziert wird, einer der bedeutendsten Städte des griechisch-römischen Ägypten. Die aktuelle Kampagne legte einen Gräberkomplex mit drei Kalksteinkammern frei, der Teil eines unterirdischen Hypogäums ist.
Die Befunde verdeutlichen eine vielschichtige Bestattungspraxis: Neben Mumien in teilweise geometrisch verzierten Bandagen wurden Holzsärge, goldene und kupferne Zungen sowie Spuren von Blattgold dokumentiert. Solche Zungenbeigaben werden häufig als rituelle Elemente interpretiert, die dem Verstorbenen im Jenseits die Fähigkeit zum Sprechen verleihen sollten.
Zusätzlich fanden sich in den Grabkammern Gefäße mit verbrannten menschlichen Überresten. Terrakotta- und Bronzestatuetten, darunter Darstellungen des Gottes Harpokrates und des Amor, ergänzen das Fundspektrum.
Quellen Universitat de Barcelona; Ministerium für Tourismus und Altertümer Ägyptens