Wie ein Foto zur Spur wird
In der Familie kursieren wunderliche Geschichten: Großvater war für die Olympischen Spiele 1936 nominiert. Er hat Tito gejagt. Und war mit Widerständlern befreundet. Im Institut für Zeitgeschichte stößt die Juristin Dagmar Knigge auf ein Foto, das ihren Opa beim Handschlag mit Hitler zeigt. Nun will sie es genau wissen: Wer war Hans-Joachim Knigge? Hat er für die SS gemordet? Vier Jahre wertet sie Akten aus Deutschland, Moskau, Washington und Riga aus. Das Ergebnis bleibt ambivalent: ein Puzzle aus widersprüchlichen Indizien, Vertuschung und einer privaten Tragödie.
Dagmar Knigge blickt mit juristischem Scharfsinn auf die familiären Erzählungen und reflektiert über Schuld, Verantwortung und Radikalisierung. Ihr in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Lutz Kinkel entstandenes Buch ist Biografie, Zeitgeschichte und Selbstbefragung zugleich – ein bewegender Versuch, die Komplexität der NS-Vergangenheit zu begreifen.
Dagmar Knigge im Interview
Frau Knigge, sind Sie vielleicht mit …
Nein, bin ich nicht. Aber es war ein Anreiz, mich mit der Familiengeschichte zu befassen: Ich bin so oft gefragt worden, ob ich mit dem berühmten Freiherrn von Knigge verwandt bin, dass ich die Stammbäume überprüft habe. Dort war kein Freiherr zu finden. Aber SS-Stempel neben den Namen meiner Vorfahren.
Was hat Sie motiviert, die Biografie Ihres Großvaters zu recherchieren?
Ich habe diese sepiafarbenen Kindheitserinnerungen ihn: Old Joe, wie ihn alle nannten, im Sessel, Buch in der Rechten, Zigarette in der Linken, vor sich eine Tasse Tee mit Rum. Er mochte mich und ich ihn. Mir war nicht klar, warum die Familie später so tat, als hätte es ihn gar nicht gegeben. Dieses Schweigen zu überwinden, war ein wichtiger Antrieb.
Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?
Fünf Jahre, natürlich nur in meiner Freizeit. Um vorwärtszukommen, habe ich mit Rechercheuren gearbeitet, die Archive in Freiburg, Washington, Moskau und Riga ausgewertet haben. Die Akten landeten auf meinem Tisch. Ich schätze, ich habe weit über 40.000 Dokumente geprüft.
Wie sind solche Informationsmassen zu bewältigen?
Leider ist es noch immer schwierig, historische Akten mit künstlicher Intelligenz zu durchsuchen. Viele Dokumente sind digitalisiert, aber nicht unbedingt maschinenlesbar, weil sie handschriftlich verfasst oder schwer zu entziffern sind. Zum Glück bin ich als Rechtsanwältin die Langstrecke gewohnt: Bei komplizierten Fällen kommen auch schnell mehrere Regalmeter Akten zusammen.
Was hat Sie bei der Recherche am meisten überrascht?
Erstens, dass aus manchen Nachforschungen schlicht gar nichts heraus kommt, egal wie sehr man sich anstrengt. Zweitens, dass Großvater einen Bruder in Dänemark hatte. Der war mir völlig unbekannt.
Ulrich Knigge war PR-Chef der dänischen Werft Burmeister & Wain.
Ja, er hat eine fabelhafte Karriere gemacht - und nebenbei Bücher übersetzt und über Literatur geschrieben. Ulrich war ein öffentlich geschätzter Intellektueller und Bonvivant. Dänemark hat ihn nach 1945 rasch eingebürgert, obwohl er Deutscher war, was eine erstaunliche Ausnahme gewesen sein muss. Sein Bruder Hans-Joachim, mein Großvater, tauchte nach dem Krieg drei Jahre ab – und stand dann wegen seiner SS-Karriere vor der Spruchkammer.
Was haben Sie aus dem Vergleich der beiden Brüder mitgenommen?
Dass es auch in meiner Familie kein Schicksal gab, sondern Entscheidungen. Ulrich entzog sich dem Nationalsozialismus, Hans-Joachim machte Karriere im Nationalsozialismus.