Historischer Hintergrund des Lagers »Mangold«
Auf dem heutigen Untersuchungsareal in der Diezmannstraße 12 in Leipzig Kleinzschocher befand sich während der nationalsozialistischen Herrschaft ein Zwangsarbeiterlager, das im Oktober 1942 in Betrieb genommen wurde. Das Lager diente der Unterbringung ziviler Zwangsarbeiter aus zahlreichen europäischen Ländern sowie aus der Sowjetunion. Sie wurden vor allem für die Leipziger Landmaschinenfabrik Rud. Sack KG eingesetzt.
Das 1863 gegründete Unternehmen hatte seinen Sitz in Leipzig‑Plagwitz und stellte zunächst Geräte für den Ackerbau her. In den 1930er Jahren erfolgte die Umstellung auf Rüstungsproduktion. Während des Zweiten Weltkriegs fertigte das Werk unter anderem Gespanne, Maschinengewehr‑Wagen, Bomben- und Granathülsen sowie Grabenpflüge.
Bereits ab 1941 setzte die Rud. Sack KG systematisch ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ein. Im Jahr 1943 arbeiteten rund 1700 deutsche und 1200 ausländische Arbeitskräfte für das Unternehmen. Bis zum Kriegsende stieg die Zahl der eingesetzten Zwangsarbeiter auf etwa 3000. Zur Unterbringung errichtete die Firma mindestens 13 Lager, von denen das Lager »Mangold« an der Diezmannstraße das größte war.
Anlage und Nutzung des Lagergeländes
Das 3500 qm große Grundstück pachtete die Rud. Sack KG vom Verein für Turnen und Bewegungsspiele Leipzig e.V. und beauftragte eine Entwurfsplanung von dem Leipziger Architekturbüro Schmidt & Johlige. Vorgesehen waren ursprünglich 20 Baracken, von denen letztlich 16 errichtet wurden. Die geplante Belegung lag bei bis zu 1300 Personen, tatsächlich waren im Durchschnitt etwa 900 Zwangsarbeiter im Lager untergebracht.
Im Februar 1944 wurde das Lager bei einem Luftangriff bombardiert, wobei eine Baracke zerstört wurde. Zum Schutz vor weiteren Angriffen befanden sich zwischen den Baracken Splitterschutzgräben.
Nach dem Ende des Krieges nutzte man das Areal zunächst als Unterkunft für sogenannte Displaced Persons, also Zivilpersonen, die sich infolge der Kriegshandlungen außerhalb ihrer Heimat befanden. Im Frühjahr 1945 hielten sich zeitweise nahezu 1300 Menschen im Lager auf. Nach deren Rückführung richtete die sowjetische Militäradministration ein Quarantänelager für deutsche Flüchtlinge aus den Ostgebieten ein, das bis 1950 bestand. In der Folgezeit wurden die Baracken abgerissen; ein einzelnes Gebäude blieb bis 1996 in Nutzung.
Die archäologischen Untersuchungen
Die Voruntersuchungen begannen im November 2025 und umfassten unter anderem den maschinellen Abtrag des Oberbodens sowie die Begleitung durch den Kampfmittelräumdienst. Nach einer witterungsbedingten Unterbrechung starteten die eigentlichen Ausgrabungen im Februar 2026. Der Abschluss der Maßnahmen ist für Mai 2026 vorgesehen.
Die gesamte Untersuchungsfläche misst rund 9000 Quadratmeter. Bisher wurden etwa 600 archäologische Befunde dokumentiert. Dazu zählen Fundamente, Pfostenstellungen und Holzböden der Baracken, Wege, Gruben, ein Heizraum sowie die Splitterschutzgräben. Das Fundmaterial umfasst Alltagsgegenstände aus der Zeit der Lagernutzung, darunter Schuhe aus Leder, Teller, Tassen, Löffel und Glasflaschen. Einzelne Funde stammen aus der DDR‑Zeit. Eine eindeutige zeitliche Einordnung ist jedoch nicht in allen Fällen möglich.
Landesarchäologin Dr. Regina Smolnik betont die Bedeutung der Untersuchung:
»Mit der Ausgrabung der im Boden verbliebenen Reste des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers »Mangold« bietet sich letztmalig die Chance, Einblicke in Struktur und Geschichte des Lagers zu erhalten und dies für die Nachwelt zu dokumentieren. Mit der geplanten Neubebauung werden die im Boden verbliebenen Reste unwiederbringlich zerstört. Eine bestehende Bebauung des südlichen Lagerareals erfolgte bereits unkontrolliert, ohne dass Rücksicht auf die Vergangenheit des Standortes genommen wurde.«
Forschungsfragen und archäologische Befunde
Alliierte Luftaufnahmen aus den Jahren 1944 und 1945 zeigen Abweichungen zwischen der geplanten und der tatsächlich realisierten Bebauung. Im Zentrum des Lagers befand sich 1944 eine unbebaute Fläche mit erkennbaren Bodeneingriffen. Bis zum Frühjahr 1945 entstanden dort zwei weitere Baracken, deren Fundamentgräben archäologisch nachgewiesen werden konnten.
Anhand der hellen Dachdeckung, die auch auf den historischen Luftbildern sichtbar ist, ließ sich eines der in Massivbauweise errichteten Gebäude zudem auf einer Fotografie aus den ersten Tagen nach der Befreiung identifizieren. Die Ausgrabung ermöglicht es, bauliche Abfolgen und Veränderungen detailliert zu rekonstruieren und mit überlieferten Plänen und Bildquellen abzugleichen. Überschneidungen und Überlagerungen der Befunde müssen horizontalstratigraphisch ausgewertet werden, um eine chronologische Abfolge herzustellen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Forschungen liegt auf der Versorgung und den Lebensumständen der Zwangsarbeiter. Vergleichsuntersuchungen aus anderen Lagern zeigen, dass diese stark von der Herkunft der Betroffenen abhingen. Besonders Menschen aus Osteuropa und sowjetische Kriegsgefangene lebten unter deutlich schlechteren Bedingungen als deutsche oder westeuropäische Zivilarbeiter. Ob sich eine nationalsozialistisch‑rassistisch geprägte Lagerhierarchie auch im Lager »Mangold« archäologisch fassen lässt, ist Gegenstand der laufenden Auswertungen.
Historische Quellen nennen zudem eine »Entbindungs- und Kinderstube« für schwangere Zwangsarbeiterinnen sowie ein Quarantänelager für Flüchtlinge auf dem Areal. Entsprechende archäologische Spuren konnten bislang jedoch nicht eindeutig identifiziert werden.
Zeitgeschichtliche Archäologie in Sachsen
Untersuchungen der jüngeren Vergangenheit werden unter dem Begriff der zeitgeschichtlichen Archäologie oder Archäologie der Moderne zusammengefasst. Anfangs konzentrierten sich diese Forschungen vor allem auf nationalsozialistische Konzentrationslager. Seit der Mitte der 2010er Jahre werden zudem Kampfplätze und weitere Stätten der NS‑Zeit regelmäßig archäologisch untersucht und teilweise unter Schutz gestellt.
Die Archäologie der Moderne umfasst darüber hinaus die Nachkriegszeit und die DDR als abgeschlossene historische Epoche, etwa mit Untersuchungen entlang der innerdeutschen Grenze, dem sogenannten Grünen Band.
In Sachsen begann die zeitgeschichtliche Archäologie 2003 mit den Forschungen im Kriegsgefangenenlager Zeithain und ist mittlerweile fester Bestandteil der Arbeit des Landesamtes für Archäologie. Die Ausgrabung des ehemaligen Lagers »Mangold« ist dabei nicht die erste Untersuchung dieser Art im Leipziger Stadtgebiet. Bereits 2023 wurden an der Capastraße weitere Zwangsarbeiterlager archäologisch erforscht.
Quelle: Landesamt für Archäologie Sachsen