Verborgene Details einer antiken Weltkarte: Neue Erkenntnisse zur Tabula Peutingeriana durch Multispektralanalyse

Die Tabula Peutingeriana zählt zu den außergewöhnlichsten kartographischen Zeugnissen der Antike. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt nutzt nun moderne Multispektralanalyse, um verblasste Details sichtbar zu machen und neue Erkenntnisse über das römische Weltbild und Verkehrsnetz zu gewinnen. Dabei lassen sich selbst verlorene Beschriftungen und kartographische Elemente rekonstruieren.

Drei Personen knien um einen gerahmten, flach auf dem Boden liegenden Gegenstand, der von intensivem blauem Licht beleuchtet wird. Eine Person steht daneben und beobachtet die Szene. Im Hintergrund sind Tische, Stühle und technische Geräte zu erkennen. Die Umgebung wirkt wie ein Arbeitsraum oder Labor.
© Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Mit einer Länge von nahezu sieben Metern ist die Tabula Peutingeriana die einzige überlieferte großformatige Weltkarte aus der Antike. Sie zeigt die damals bekannte Welt sowie das römische Straßennetz, das sich von der Iberischen Halbinsel bis nach Indien erstreckt. Als herausragendes Zeugnis antiker Kartographie und Raumwahrnehmung gehört sie seit 2007 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Das heute in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien aufbewahrte Exemplar ist eine um 1200 entstandene Kopie einer ursprünglich hellenistischen Vorlage, deren letzte antike Überarbeitung auf etwa 435 datiert wird. Auffällig ist ihre stark verzerrte Darstellung: Die Welt wurde auf eine nur 34 Zentimeter hohe, aber 6,80 Meter lange Pergamentrolle projiziert und bewusst nicht maßstäblich wiedergegeben.

Forschung zwischen Geschichte und Materialanalyse

Seit Jahren untersucht ein Team um Prof. Dr. Michael Rathmann gemeinsam mit Philipp Köhner und Adrian Karmann von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt die Karte intensiv. Ein zwischen 2017 und 2023 entstandenes DFG-Projekt mündete in einer umfassenden Online-Datenbank, die rund 3800 geographische Einträge systematisch erschließt.

Im Zentrum steht dabei ein dynamisches Verständnis der Karte: „Wir betrachten die Tabula Peutingeriana als Produkt eines viele Generationen umfassenden, kontinuierlichen Arbeitsprozesses, der im Hellenismus beginnt und in dem auch die Inhalte immer wieder verändert wurden.“

Neue Perspektiven durch Multispektralanalyse

Ein aktuelles Kooperationsprojekt erweitert diesen Ansatz um naturwissenschaftliche Methoden. Zum Einsatz kommt die Multispektralanalyse (MSI), die unterschiedliche Materialschichten und Farbreste sichtbar machen kann. Die Aufnahmen werden vom „Centre for the Study of Manuscript Cultures“ der Universität Hamburg durchgeführt, während die Österreichische Nationalbibliothek das Original bereitstellt.

„Die Zusammenarbeit dieser unterschiedlichen Institutionen ermöglicht uns eine wirklich innovative Herangehensweise, denn gefordert sind sowohl technologische wie auch konservatorische und historische Expertise“, erklärt Rathmann.

Die Methode basiert auf Aufnahmen in verschiedenen Wellenlängenbereichen, die digital ausgewertet werden. Dadurch lassen sich Kontraste zwischen Tinten verstärken und bislang unsichtbare Details sichtbar machen. „Dadurch können wir Details sichtbar machen, die uns bislang verborgen geblieben sind“, so Philipp Köhner.

Beschädigungen und verborgene Informationen

Die Tabula Peutingeriana ist heute in vielen Bereichen beschädigt oder verblasst. Besonders betroffen sind Regionen, in denen grünes Kupferpigment verwendet wurde. Chemische Reaktionen haben dort zu Materialverlusten geführt, sodass etwa Flussläufe in Gallien oder Bereiche des Ärmelkanals löchrig erscheinen.

Gerade diese Schäden stehen im Fokus der aktuellen Untersuchungen. Die Forschenden interessieren sich insbesondere für Wasserflächen, deren Beschriftungen vielfach unlesbar geworden sind. Ziel ist es, das antike maritime Wissen genauer zu rekonstruieren.

Erste Ergebnisse und neue Lesarten

Wie vielversprechend der Ansatz ist, zeigten bereits Testaufnahmen aus dem Jahr 2022. Mithilfe einer Hyperspektralkamera konnten zuvor unsichtbare Details sichtbar gemacht werden, darunter die Umrisse einer Insel mit der Beschriftung Antiochia.

Diese Entdeckung erlaubt auch eine Neubewertung früherer Abschriften. Während die Insel in einer Kopie von Welser (1598) verzeichnet ist, fehlt sie bei Scheyb (1753). Die neuen Daten legen nahe, dass Welser präzise gearbeitet hat. Künftig sollen etwa hundert seiner heute nicht mehr sichtbaren Einträge überprüft werden.

Darüber hinaus eröffnet die Technik die Möglichkeit, unsichere Lesungen zu klären und sogar Elemente sichtbar zu machen, die bereits in der Frühen Neuzeit nicht mehr erkennbar waren.

Perspektiven der Forschung

Die aktuellen Untersuchungen bilden die Grundlage für weiterführende Projekte. Auf Basis der gewonnenen Bilddaten ist ein weiteres DFG-Vorhaben geplant, das die Tabula Peutingeriana noch umfassender analysieren soll. „Die neuen MSI-Aufnahmen bieten uns die Chance, die Tabula Peutingeriana in vielen Aspekten ganz neu zu betrachten“, sagt Köhner.

Damit bleibt die antike Weltkarte nicht nur ein zentrales Forschungsobjekt der Alten Geschichte, sondern wird zugleich zu einem Beispiel dafür, wie moderne Technologien neue Zugänge zu historischen Quellen eröffnen.

Quelle Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

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