Sollte sich diese Deutung bestätigen, wäre es die erste archäologisch nachweisbare Bauanlage, die sich direkt mit einem Werk des römischen Architekten und Theoretikers in Verbindung bringen ließe. Dies wäre eine Entdeckung, die das Verständnis römischer Architekturgeschichte nachhaltig erweitern könnte.
Archäologischer Kontext und Forschungshintergrund
Die aktuellen Funde sind Teil eines langfristigen Projekts zur Erforschung des antiken Fanum Fortunae. In den vergangenen Jahren hat dieses Projekt bereits mehrfach bedeutende Ergebnisse geliefert. So legten Ausgrabungen in der nahegelegenen Via Vitruvio bereits 2022 Mauerreste und aufwendig gearbeitete Marmorböden frei, die auf repräsentative Bauten des öffentlichen Lebens hindeuten. Die jüngsten Grabungen erweitern dieses Bild nun entscheidend und eröffnen neue Deutungsmöglichkeiten für den städtebaulichen Kern der römischen Stadt.
Das Projekt steht unter der Leitung der Archäologischen Aufsichtsbehörde von Ancona und Pesaro-Urbino und wird teilweise durch Mittel des italienischen Wiederaufbauplans (PNRR) unterstützt. Ziel ist eine systematische Vermessung, Konservierung und wissenschaftliche Auswertung der freigelegten Strukturen.
Hinweise auf ein monumentales Bauwerk
Die derzeit untersuchten Überreste lassen einen rechteckigen Grundriss mit umlaufender Säulenhalle erkennen: acht Säulen an den Längsseiten und vier an den Schmalseiten. Die Säulen standen auf massiven Pfeilern und Pilastern und dürften nach bisherigen Schätzungen einen Durchmesser von etwa fünf römischen Fuß (ca. 1,5 Meter) sowie eine Höhe von rund 15 Metern gehabt haben.
Besondere Aufmerksamkeit erregte die jüngst freigelegte fünfte Ecksäule. Sie erlaubt Rückschlüsse auf die Lage und Ausrichtung des Gebäudes. Ihre Positionierung entspricht auffällig genau den Angaben, die Vitruv in „De Architectura” zu seiner Basilika in Fanum Fortunae macht. Auch die planimetrische Rekonstruktion zeigt eine bemerkenswerte Übereinstimmung zwischen archäologischem Befund und literarischer Quelle.
„Die heutigen Entdeckungen, insbesondere die eindeutige Lokalisierung der Vitruvianischen Basilika, sind von außerordentlicher Bedeutung – nicht nur für die Geschichte der Wissenschaft und die wissenschaftliche Gemeinschaft, sondern auch, weil sie neue, konkrete Perspektiven auf das archäologische Erbe der Stadt Fano eröffnen“, so Andrea Pessina, Leiter der Archäologischen, Kunst- und Landschaftsaufsichtsbehörde von Ancona und Pesaro-Urbino.
Die wissenschaftliche Arbeit vor Ort wird in den kommenden Jahren fortgesetzt. Die laufenden Analysen versprechen, weitere Details zur Baugeschichte und Nutzung dieser monumentalen Anlage ans Licht zu bringen – und möglicherweise den Platz Fanos im Kanon römischer Architekturgeschichte neu zu definieren.
Quelle: Ministero della cultura