Im Mai 1934 wurde im Kurpark von Bad Dürrenberg ein Grab aus der Zeit um 7000 v. Chr. entdeckt. Die Bestattung zählt zu den bedeutendsten Funden der europäischen Mittelsteinzeit. Im Zentrum steht eine reich ausgestattete Frau, die mit einem Säugling in den Armen beigesetzt wurde. Zahlreiche Indizien deuten darauf hin, dass es sich bei der Frau um eine Schamanin handelte.
Die Sonderausstellung „Die Schamanin“ im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) greift diesen außergewöhnlichen Fund auf und präsentiert aktuelle Forschungsergebnisse, die unser Bild von dieser Frau und ihrer Bestattung neu definieren.
Schamanismus als kultureller Kontext
Die Deutung der Frau als Schamanin basiert auf einem komplexen kulturellen Hintergrund. Schamanen gelten als Vermittler zwischen Menschen und Geisterwelt. In animistischen Vorstellungen sind Menschen, Tiere und Dinge beseelt, und die Grenzen zwischen ihnen erscheinen durchlässig. Schamanen nehmen dabei eine zentrale Rolle ein: Sie beeinflussen Jagderfolg, Heilung und Schutz durch Rituale und Trancezustände.
Die aufwendige Ausstattung des Grabes sowie die besondere Lage des Körpers sprechen für eine herausgehobene soziale Stellung der Bestatteten innerhalb ihrer Gemeinschaft.
Genetische Analysen bringen neue Erkenntnisse
Bereits länger war bekannt, dass die Frau nicht allein bestattet wurde. Neben ihr lag ein etwa sechs Monate alter Säugling. Eine genetische Untersuchung bestätigte nun, dass zwischen beiden eine Verwandtschaft besteht – allerdings nur vierten oder fünften Grades. Der Säugling könnte ein entfernter Nachkomme oder Verwandter gewesen sein.
Die eigentliche Sensation liegt jedoch in einer neuen Entdeckung: Bei erneuten Untersuchungen wurden zwei weitere menschliche Wirbel identifiziert. Sie gehören zu zwei männlichen Kindern im Alter zwischen zwei und sechs Jahren. Damit umfasst das Grab insgesamt vier Individuen.
Verwandtschaftsnetz im Grab
Auch die neu entdeckten Knochen wurden genetisch untersucht. Die Ergebnisse zeigen ein enges familiäres Geflecht:
- Einer der Wirbel stammt von einem Zwilling des bereits bekannten Säuglings, der jedoch mehrere Jahre länger lebte.
- Der zweite Wirbel gehört zu einem weiteren Bruder, der im Alter von zwei bis sechs Jahren verstarb.
Diese Erkenntnisse liefern erstmals ein klares Bild familiärer Beziehungen innerhalb der Bestattung und eröffnen neue Perspektiven auf soziale Strukturen in mesolithischen Gemeinschaften.
Rätsel um den Bestattungsablauf
Die neuen Funde werfen zugleich Fragen nach dem Ablauf der Bestattung auf. Da die Kinder unterschiedlich lange lebten, kommen mehrere Szenarien in Betracht:
- Alle Individuen wurden gleichzeitig bestattet; dies würde eine längere Aufbewahrung des früh verstorbenen Säuglings voraussetzen.
- Die Schamanin und der Säugling wurden zunächst gemeinsam beigesetzt; die übrigen Kinder folgten in einer späteren Nachbestattung.
- Die Schamanin wurde zuerst bestattet, während die Kinder in zeitlichem Abstand hinzugefügt wurden.
Unabhängig vom genauen Ablauf deutet alles auf ein komplexes, mehrphasiges Bestattungsritual hin.
Hinweise auf Ritual und Jahreszeit
Weitere naturwissenschaftliche Analysen liefern Einblicke in die rituellen Umstände. Pollenfunde im Kopfbereich der Schamanin weisen auf eine Bestattung im Juli hin. Spuren von Feuer deuten auf ein nächtliches Ritual. Umfang und Qualität der Beigaben lassen darauf schließen, dass eine größere Gemeinschaft an den Zeremonien beteiligt war.
Zusätzliche Hinweise ergeben sich aus organischen Resten: In den Sedimenten wurden Haare von Rinderartigen sowie DNA von Auerochsen oder Wisenten nachgewiesen. Diese konzentrieren sich im Kopfbereich der Bestatteten und des Säuglings. Möglicherweise war das Kind in ein Fell gehüllt oder die Kleidung der Schamanin bestand aus Tierhaut.
Bedeutung der Neuentdeckung
Die Identifizierung von vier miteinander verwandten Individuen in einem einzigen Grab stellt einen bedeutenden Fortschritt in der Erforschung der Mittelsteinzeit dar. Sie zeigt, wie moderne Methoden – insbesondere genetische Analysen – selbst lange bekannte Funde grundlegend neu interpretieren können.
Quelle Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt